400. Todesjahr

Ein gewöhnlicher Metallhändler: Georg Gotthart brach die Solothurner Theatertradition

Paris und Menelaus im Zweikampf aus «Troia».

Paris und Menelaus im Zweikampf aus «Troia».

Zum 400. Todesjahr von Georg Gotthart, der Solothurns Theaterlandschaft prägte.

1619 verstarb Georg Gotthart im Alter von ungefähr 70 Jahren. «Burger und Jsenkrämer zu Solothurn» nannte er sich selbst. Dabei war er kein gewöhnlicher Metallhändler: Seine drei Theaterspiele geben heute einen wichtigen Zugang zur Kulturlandschaft Solothurns um 1600.

Doch wie sah diese Kulturlandschaft aus? Die Jahrzehnte vor 1600 stellen eine Übergangszeit im Theaterwesen Solothurns dar. Solothurn hatte damals bereits eine lange Tradition von Spielen, die von den Bürgern im Freien aufgeführt wurden. Vor Gotthart hatten die Spiele geistliche Inhalte zum Thema (vor allem Märtyrerlegenden). Georg Gotthart brach mit dieser Tradition schon in seinem ersten Spiel vom «Kampf der Römer» 1584. Wie sein zweites Spiel «von Zerstörung der grossen und vesten königlichen Statt Troia oder Ilio» von 1598 (gedruckt 1599) behandelte es ein Thema, auf das gebildete Stadtbürger – zu denen Gotthart selbst im Unterschied zu den Verfassern davor nicht gehörte – in ihrer humanistischen Ausbildung im Ausland gestossen sein mögen. Erst mit seinem dritten Spiel «Tobias» (aufgeführt 1617, gedruckt 1619) wendete sich auch Gotthart einem biblischen Thema zu.

130 Solothurner Bürger in 180 Rollen

Bemerkenswert sind die Gotthartschen Spiele aber noch aus einem anderen Grund: Dauerte die Aufführung vom «Kampf der Römer» bescheidene dreieinhalb Stunden, so waren «Troia» und «Tobias» viel aufwändiger. Beide Spiele dauerten je zwei Tage und umfassen im Druck mehr als 500 Seiten. Für die Aufführung von «Troia» engagierten sich gegen 130 Bürger Solothurns, die in 180 verschiedenen Rollen auftraten. Dabei wurden wie damals üblich auch die Frauenrollen von Männern gespielt.

Vielleicht weil Gotthart, wie er selbst in den Vorreden zu den Spielen betont, nicht gelehrt war und kein Latein konnte, und wegen dem grossen Umfang seiner letzten zwei Spiele, wurde er von der neuzeitlichen Forschung lange zu wenig berücksichtigt. Wenn vereinzelt auf die Spiele hingewiesen wurde, so geschah das mit einem verächtlichen Kopfschütteln. Die Germanisten und Historiker suchten nach Qualitäten in den Spielen, die sie nicht fanden: Es hiess, die Spiele seien «durchwegs ohne Handlung, langweilig, fad moralisierend», wie J. Baechtold 1879 fand. Und «das Maximum dessen, was der menschliche Geduldsfaden ertragen kann», wie L. Altermatt 1949 schrieb.

Der neue Zugang zu Gottharts Spielen gibt sich hingegen nicht damit zufrieden, aus einer modernen Warte literarische Qualitäten zu beurteilen. Zum einen haben die Spiele der damaligen Bevölkerung nämlich durchaus gefallen, sie waren sogar so gut besucht, dass einige vom Spiel gar nichts mehr hörten. Zudem stellten die Spiele einen bedeutenden Beitrag zur Repräsentation Solothurns dar, die Stadt war stolz darauf, sich diese Spiele leisten zu können. Man traf besondere Vorkehrungen für Ehrengäste von auswärts; immerhin beschloss der Rat, diese mit Wildbretpasteten zu bewirten und ihnen besondere Plätze zuzuweisen.

Politische Anspielungen auf der Bühne

Bedeutend sind die Spiele Gottharts aber nicht nur, weil die Umstände ihrer Aufführungen ein historisches Bild Solothurns zu jener Zeit abgeben. Die Spiele sind nämlich selbst geprägt von den damaligen Diskussionen und versuchen, diese zu beeinflussen. Zum Beispiel finden sich im Spiel «Troia» Hinweise auf die Söldnerleistungen der Solothurner gegenüber der französischen Krone, es werden verschiedene politische Modelle und Verfahren präsentiert und beurteilt (Aristokratie gegen Diktatur, Mehrheitsentscheide gegenüber despotischem Handeln), und der Krieg der Griechen gegen die Troianer wird ethisch gerechtfertigt.

Ein Vergleich der historischen Situation um 1600 mit den Texten zeigt auf, worin die kulturelle Leistung neben dem Unterhaltungswert schon damals liegen konnte: in Verarbeitung und Gestaltung der Gegenwart. So gesehen sind die Spiele Gottharts wichtige Zeugen der Geschichte Solothurns und ein Beleg dafür, wie das Theater sich Möglichkeiten eroberte, an öffentlich-politischen Diskussionen teilzuhaben.

Zum Autor: Dr. phil. Ralf Junghanns studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich. Das kommentierte Gesamtwerk von Georg Gotthart ist zugleich seine Dissertation. Infos: www.gotthart.ch

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