Eins will der vierjährige Nicolas festgehalten haben: «D’Iris hani fescht gärn!» Er ist nicht der einzige Fan: So haben sich die Kleinen der Kindertagesstätte Lorenzen mit ihren Bäbi und Bilderbüchern rasch um Iris Baumann geschart. Einmal pro Woche, am Donnerstagnachmittag, leistet die 73-Jährige aus Lohn-Ammannsegg hier einen Freiwilligeneinsatz – als Kita-Grosi. «Und die Kinder haben ihre wahre Freude an ihr», bestätigt Denise Arber, Geschäftsleiterin der Stiftung Tagesheim Lorenzen.

Seit Dezember 2017 nimmt Iris Baumann an einem Pilotprojekt teil, das aus dem Programm «Senioren im Klassenzimmer» der Pro Senectute Kanton Solothurn hervorging (siehe Kontext). Seitens der Kindertagesstätte sei man auf das Angebot aufmerksam geworden und habe angefragt, ob neben dem «Schul-Grosis» nicht auch ein Einsatz von Seniorinnen und Senioren in einer Kindertagesstätte vorstellbar wäre. Und so dürfte die Kita Lorenzen offiziell die einzige Kindertagesstätte im Kanton mit einem institutionseigenen «Grosi» sein.

Nach dem Hüten fehlte was

«2017 stiess ich auf ein Inserat, wie ich es noch nie gesehen hatte, das mich aber ansprach», erinnert sich Baumann, die vor der Pensionierung als Schulsekretärin der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit tätig war. Zehn Leute im Seniorenalter bewarben sich auf die Annonce, Baumann machte das Rennen und begann im Dezember 2017 ihren Dienst. Dies, nachdem sie fleissig Leitbild und Projekt studiert hatte. Die dreifache Grossmutter blickt auf 16 Jahre zurück, in denen sie die beiden Kinder ihrer Tochter einen Tag die Woche hütete, zuerst mit Schöppele, dann beim Hausaufgabenmachen. Doch danach? «Es kann sehr still werden, wenn man pensioniert wird und sich nicht nach aussen orientiert. Nach dem Hüten fehlte mir etwas.»

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass sie im «Lorenzen» eine neue Aufgabe fand, die ihr zusagte. «Ich habe Freude an Begegnungen», sagt sie und meint einerseits den Kontakt zu den Kindern, andererseits aber auch die Zusammenarbeit mit dem Kita-Team. Und nach über einem Jahr gilt das noch viel mehr: «Der Donnerstagnachmittag ist mir heilig geworden. Es ist wunderbar, die Kinder zu begleiten, mit ihnen zu spielen oder spazieren zu gehen, ihnen zuzuhören oder Geschichten zu erzählen.» Manchmal gehören sogar Ausflüge dazu.

Ein Blick auf das harmonische Zusammensein auf dem Sofa zeigt, dass die Freude auf Gegenseitigkeit beruht. «Es ist schön, zu spüren, wie sie nach anfänglicher Unsicherheit Zutrauen und Freude gewonnen haben.» Dabei lässt Baumann die Kinder von sich aus auf sie zugehen – das Thema der Nähe und Distanz ist auch für sie zentral. «Wenn ich spüre, dass ein Kind Trost braucht, dann bin ich da.» Bei ihren Einsätzen wird Baumann fachlich begleitet. Ausserdem darf sie einfach für die Kinder da sein, ohne an ein Pflichtenheft gebunden zu sein, wie auch Arber betont: «Wenn das Grosi bei seinen Enkeln auf Besuch ist, nimmt es sich auch einfach Zeit.» Und neben den vielen jungen Erzieherinnen fliesse auf diese Weise ein neuer Aspekt in die Kita ein. Zumal: «Einige der Kinder haben selbst gar keine Grosseltern mehr.»

Nein, Freiwilligenarbeit wie diese sei keine Ausnützerei und grabe der Kita-Profession auch kein Wasser ab, findet Baumann. «Im Gegenteil – ich spüre die Wertschätzung des Kita-Teams und der Kinder.» Und was ist mit den Eltern? Dorothée Gärtner, deren Tochter Emilia an diesem Donnerstag lieber länger in der Kita bleiben möchte, weiss nur Gutes zu berichten: «Das Projekt mit dem Kita-Grosi ist eine tipptoppe Sache!»