Solothurn

«Diesen Job mache ich sehr gerne»: Der Taubenvater und seine gefiederten Schützlinge

Von den einen verachtet und den anderen geliebt: Die Taube polarisiert, auch weil sie in der Stadt allgegenwärtig ist. Die rund 400 Strassentauben in Solothurn werden von Markus Morand unterhalten. Er weiss, wie es ihnen geht und was sie brauchen. Beim Reinigen des Taubenschlags im Dachstock des Buristurms erklärt er, wie er zum Taubenvater wurde und was er an dieser Arbeit mag.

«Markus Morand Taubenvater von 2014 bis» steht auf einer Holzwand im Dachstock des Buristurms – oder auch Muttiturm genannt – geschrieben. Markus Morand zeigt auf den Schriftzug: «Ich bin hier verewigt.» Er spricht mit gedämpfter Stimme, denn er will seine Tauben nicht erschrecken. Die befinden sich nur wenige Schritte entfernt unter dem Dach des Turms. Es ist düster, nur spärlich kommt das Licht durch die Schiessscharten des Wehrturms. Vor der Holztür des Taubenschlags bleibt Morand nochmals stehen und gurrt wie eine Taube: «So wissen die Tauben, dass ich komme.» Würde er sich nicht anmelden, würde helle Panik im Schlag ausbrechen und die Vögel wild durcheinanderflattern. Diesen Stress will der Taubenvater ihnen ersparen.

Er ist für die rund 400 Tauben in Solothurn zuständig, denn die werden in der Stadt nicht sich selbst überlassen. Die Taubenpopulation wird nicht nur in Solothurn, sondern in fast allen grösseren Städten in der Schweiz kontrolliert. Hier gibt es im Baseltor, im Dachstock der Jesuitenkirche, im alten Gefängnis in der Vorstadt und eben im Buristurm Taubenschläge, für die Markus Morand verantwortlich ist.

Markus Morand überwacht den Gesundheitszustand der Tiere

Zweimal die Woche schaut er bei seinen gefiederten Schützlingen vorbei, putzt die Schläge und füttert sie. Wenn er sieht, dass eine Taube krank ist, hilft er ihr – im schlimmsten Fall erlöst er sie von ihren Leiden. Dieser Aspekt von seinem Job gefällt ihm nicht und am liebsten würde er gar nicht darüber reden.

Vorsichtig öffnet er die Türe zu den Schlägen. In seiner Hand hat er Geräte, um den Schlag zu putzen. Er steckt den Kopf langsam in den Schlag. Trotz Vorwarnung flattern einige Tiere wild umher und fliegen geschickt aus den schmalen Schiessscharten, die direkt unter dem Dach angebracht sind. Einige Tauben bleiben drinnen, gurren wie Morand soeben gegurrt hat und beäugen die Besucher. Der Buristurm beherbergt ungefähr 40 Tauben. «Es sind immer die gleichen Vögel hier. Tauben sind standorttreu», erklärt Morand.

Weiss von der Jägerei Bescheid

Obwohl er erst vor einigen Tagen den Schlag geputzt hat, ist der Boden schon wieder von Kot überdeckt. Der Geruch ist streng wie in einem Hühnerstall. Die Menge erstaunt ihn nicht, denn er weiss, dass eine einzelne Taube bis zu 12 Kilo Kot pro Jahr produzieren kann. «In der Waidmannssprache– also in der Sprache der Jäger – nennt man den Kot Gestüber», erklärt Morand fachkundig. Von der Jägerei weiss er Bescheid. «Ich bin auch noch Jagdleiter im Jagdrevier 8 Waldegg.»

In der Natur und um Tiere fühlt sich der Taubenvater wohl

«Ich mag die Natur und Tiere sehr und bin viel im Wald», sagt Morand. Mit der Zeit hat er sich ein grosses Wissen angeeignet. Als die Stadt Solothurn einen Taubenvater suchte, weil sein Vorgänger Otto Marrer eigentlich schon seit einigen Jahren pensioniert war, wurde er angefragt, ob er den Job machen will. «Diesen Job mache ich sehr gerne», sagt Morand. Er findet es schön, etwas für die Gemeinschaft zu machen.

«Ich finde es schön, wenn ich den Leuten helfen kann»

Denn nicht nur den Tauben hilft er, sondern auch den Solothurnerinnen und Solothurnern, indem er sich um ihre Stadtmitbewohner kümmert. Er habe gerade kürzlich einen Telefonanruf von jemanden aus der Weststadt erhalten. «Diese Person hatte eine Taube auf dem Balkon und wusste nicht, was machen», erzählt Morand. Er habe das Tier dann dort abgeholt. «Es war keine Solothurner Taube, sondern ein beringtes Tier und kam von Aarau», erklärt er. Die Taube war müde und ganz ausgehungert. Morand nahm sie in einen Schlag mit und benachrichtigte den Besitzer.

«Ich finde es schön, wenn ich den Leuten ein wenig helfen kann», so Morand. Das sieht er auch bei seinem Job als Krematoriumsmitarbeiter so: «Das ist eine Arbeit, die ich für die Gemeinschaft mache» – den Ausgleich findet er bei den Tieren und in der Natur. An der Wand im Buristurm sind, wie ein Büchergestell, die Schläge der Tauben. In einem Abteil schauen gar zwei kleine Täubchen den Besuchern entgegen. Schützend stehen zwei Tauben daneben und laufen nervös und hektisch im Abteil umher.

Die Tauben sollen nicht gefüttert werden

«Mutter und Vater», wie Morand, sich auf den Besen gestützt, erklärt. Die Tauben seien monogame Tiere und haben ein Leben lang den gleichen Partner. Die Jungtiere fiepen in einem hohen Ton. Möglicherweise hoffen sie auf Futter. Die Jungen essen noch keine feste Nahrung, sondern trinken die milchartige Flüssigkeit, die aus dem Kropf der Taubenmutter kommt.

Nachdem er den Boden gereinigt hat, streut er das Futter aus. Das Taubenfutter besteht aus Körner und Granulat, denn die Tauben picken auch kleine Steinchen, die bei der Verdauung helfen. «Ich wurde während des Lockdowns im Frühling oft auf die Tauben angesprochen», erklärt Morand, während er das Futter mit geübtem Griff ausstreut. Die Tauben beäugen ihn von den Stangen, einige flattern auf den Boden und beginnen das Futter aufzupicken. «Viele Leute hatten Angst, dass die Tauben zu wenig Futter haben, weil sie niemand mehr in den Strassen füttert», Morand schüttelt den Kopf: «Die wenigsten verstehen, dass man die Tauben nicht füttern darf.» Denn wenn man nicht das geeignete Futter habe, dann kann das den Vogel krank machen. Ausserdem habe es mehr als genug Futter in einer Stadt für die Tiere.

Jetzt ist er fertig mit den Tauben im Buristurm und geht weiter zu den Vögeln im Baseltor. Er steigt die steile Leiter, die in den Dachstock führt, herunter. Wieder draussen auf dem hellen Amthausplatz stehend, sehen wir die Tauben auf dem Dach des alten Wehrturms sitzen. Es sieht so aus, als ob sie wissen, dass ihre «Wohnung» wieder frisch gefegt und das Essen bereit ist.

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