Zu den liebenswürdigen solothurnischen Traditionen in der Adventszeit zählt die Aufführung des Weihnachtsoratoriums für Kinder. Der Konzertsaal bot dazu am Samstagmorgen den idealen Rahmen für Kinder und ihre Angehörigen, die Parkett und Galerien in grosser Zahl füllten. Erzählt wird die Weihnachtsgeschichte, wie sie Johann Sebastian Bach (1685-1750) in Teil I des Oratoriums angelehnt an Worte der Bibel komponiert hat.

Das Singspiel stützt sich auf einen Text von Michael Gusenbauer, den die Schauspielerin Monika Dierauer – seit Jahren in dieser Rolle präsent – als Hirtin mit ihrem eingängigen Bündner-Deutsch ausschmückte. In Zwiegesprächen mit ihrem kindlichen Publikum wie «Gibt es denn auf Eurem Weissenstein Schafe?», schuf sie eine lebhafte Atmosphäre.

Als Hirtin schlug sie geschickt den Bogen zu den Geschehnissen vor langer Zeit auf dem Feld in Bethlehem, als Engel die Geburt des Christuskindes verkündeten. Die zum Fortgang der Erzählung passenden Musikstücke spielten die 23 Mitglieder des Cantus Firmus Consort, die mit historischer Aufführungspraxis vertraut sind. Die Leitung lag wie immer in den Händen von Andreas Reize, dem inzwischen schon langjährig tätigen Chorleiter der Singknaben.

50 Sänger wirkten mit

Nach der Einstimmung mit Schalmeienklang zu «Und es waren Hirten auf dem Felde» in einer Instrumentierung, wie Bach dieses Bild charakterisierend ausmalte, erklang die erste Kantate des Oratoriums «Jauchzet, Frohlocket» als vom Orchester festlich umrahmtes Tongemälde der 50 mitwirkenden jugendlichen und erwachsenen Sänger.

Eingefügt in die folgende Szenerie, die Dierauer immer wieder in heutiger Sprache kommentierte, waren die vertrauten Sätze des Evangelisten (Julius Pfeifer), des Engels (Barbara Erni) etwa im lyrischen Schlummerlied für das neugeborene Jesuskind und von Solobass Christian Hitz zu hören. Das Schlaflied nutzte die Gusenbauer-Erzählung, um alle Instrumente in kurzem, heiteren Solospiel vorzustellen.

Gefeiert wie Popstars

Der von majestätischen Trompeten klangmächtig begleitete Jubelchor «Grosser Herr, liebster Heiland» erinnerte in seiner schwungvollen Rhythmisierung daran, dass eigentlich Bach der Erfinder des Swing ist. Chor und Saal klatschten im tänzerischen Takt mit. Das Weihnachtslied «Vom Himmel hoch» beendete diese Aufführung des Weihnachtsoratoriums. Das Publikum dankte allen Mitwirkenden mit Beifall und Begeisterungsrufen und feierte die Singknaben fast wie Popstars. Auftakt und Schluss des Konzerts bildete die berührende, vielstimmige Version von «Maria durch ein Dornwald ging», mit der alle Singenden den Konzertsaal betraten und wieder verliessen.

Am Samstagabend fand, wie man es in Solothurn gewohnt ist, die Aufführung der Teile I-III in der St. Ursenkathedrale statt. Am Sonntagabend bot die Kulturfabrik Kofmehl eine mit Lichtshow experimentell ergänzte Bühne, auf der das Weihnachtsoratorium hoffentlich auch jüngere Hörer erreichte. Andreas Reize macht für sie alte Musik «reizvoll».