Abschied

Die Solothurner Vorstadt verliert ein Stück Seele

Roland Schmid wird schon bald seinen Vorstadt-Kiosk für immer verlassen.

Roland Schmid wird schon bald seinen Vorstadt-Kiosk für immer verlassen.

Ende Jahr hört Roland Schmid, der Betreiber des Vorstadt-Kiosks, auf. Dann wird der Kiosk endgültig geschlossen, denn es gibt keinen Nachfolger. Wie es für den 54-Jährigen weitergeht, ist nicht klar.

Nein, viele Kunden am Vorstadt-Kiosk von Roland Schmid sind nicht vom Leben verwöhnt. Er auch nicht. «Seit meine Frau Lourdes gesundheitliche Probleme hat, führe ich den Kiosk. Aber Ende Dezember ist Schluss.» Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Schmids Eltern sind ebenfalls erkrankt, er selbst wird mit 54 Jahren als Vater einer 14-jährigen Tochter einen neuen Job suchen müssen – und «erste Absagen auf meine Bewerbungen sind schon eingetroffen». Hinter dem Rest des bunten Kiosk-Inventars lächelt der Inhaber fast verständnisvoll. «Das Alter eben.»

2005 hatte seine Frau den Kiosk übernommen, 2006 stieg Schmid ein. «Zuvor war ich 26 Jahre in der Papierfabrik Biberist in der Logistik tätig, als Staplerfahrer und Kranführer.» Er sei «noch vor dem Crash» weg und habe den Kiosk übernommen. Der ihm jetzt, zuletzt, auch keinen Segen bringt. Im April wäre der Vertrag ausgelaufen, Ende Dezember war der Ausstieg geplant. «Einen Nachmieter hatte ich schon. Eine Anzahlung hatte er auch schon geleistet.» Vorerst schien die Vermieterin des Kiosks und Besitzerin des Geschäftshauses am Rossmarktplatz, die Versicherungsgesellschaft Allianz Suisse, damit einverstanden zu sein. «Dann kam ein eingeschriebener Brief.» Schmid sagt es ganz unaufgeregt: «Sie wollen keinen Kiosk mehr.»

Das Spannungsfeld Vorstadt

Ein älterer Herr kauft zwei Zeitungen. Dazu eine einzelne Zigarette. Die ihm Roland Schmid schenkt. Kurz darauf will ein gesprächiger Kunde zwei ganze Päckli Zigaretten. Und hält dem Kioskinhaber selber zwei weisse Päckli hin. «Weisst Du, was das ist, Roli?» Aha, Jodtabletten. Das Thema «Atomkraftwerk und Zwischenfall» ist rasch abgehakt. Ein typischer Kunde am Checkpoint Vorstadt-Kiosk. Er komme von der Gassenküche. Wie viele andere auch, die bei Roland Schmid vorbeischauen, ein bisschen rumplaudern, eins trinken. «Bis auf ein, zwei Zwischenfälle hatten wir nie richtige Probleme.» Probleme machten andere. Der Entscheid, für den Kiosk eine Alkohol-Ausschanklizenz zu lösen und einige Tischchen rauszustellen, kam bei einigen Hausmietern und der Hausverwaltung schlecht an. «Die Stadt hatte nichts dagegen, sie unterstützte mich.»

Aber sonst spürte Schmid einigen Gegenwind, weil die Besuche von Randständigen vor dem Kiosk nicht gerne gesehen wurden. So erging einmal die Verfügung der Hausverwaltung, die Tische wegzuräumen. Welcher der Kioskbetreiber nur teilweise nachkam – «für etwas bezahlen wir ja die Fläche». An sich hatte Roland Schmid am Anfang auch gefunden, die Gassenküche und die Drogenanlaufstelle nebenan seien fehl am Platz. «Doch die Leute dort und die Stadt haben alles sehr gut im Griff.» Seine Gäste seien «meist anständig» gewesen, wenn sie etwas getrunken hatten.» Nein, «Lämmli sind sie nicht», aber manchem habe er Tipps gegeben und ihm so weitergeholfen.

Auch spielte der Kiosk eine nicht unerhebliche Rolle, wenn es zu einem der seltenen Zwischenfälle kam. So wurde wohl durchs Eingreifen von Schmid und einem seiner Kollegen das Opfer einer Messerstecherei gleich nebenan vor dem Schlimmsten bewahrt. Oder einmal dank Hinweisen ein Dealer gefasst, der in seinem Rollkoffer Drogen und Drogengeld en masse mit sich geführt hatte.

Schliessung von Brücke war ein Einschnitt

«Ich wollte nicht mehr Geld reinstecken.» Das zeigt, wo Roland Schmid der Schuh auch sonst drückt. Die Schliessung der Wengibrücke beispielsweise. Sie habe einen eigentlichen Umsatzeinbruch gebracht. «Dieser Meinung sind auch andere Geschäftsleute in der Vorstadt.» Dazu kamen die fünf Jahre Ewig-Bauerei. Zuerst die Fernwärmeleitungen, dann die Umgestaltungsmassnahmen, die nächstes Jahr noch die Berntorstrasse betreffen dürften. «Die Stadt und die Pro Vorstadt meinen es ja gut. Aber ob all die Projekte wirklich etwas bringen, das bezweifle ich.» Am meisten würde die Wiedereröffnung der Wengibrücke helfen. «Vielleicht mit einem Nachtfahrverbot und einer Öffnung nur für Personenwagen.» Aber daran glaubt er selbst nicht. «Viele Leute sagen, die Brücke werde nie mehr aufgehen.»

Für Roland Schmid ist das auch nicht mehr wichtig. Wichtig ist für ihn, dass er bis Ende Jahr noch möglichst viel seiner Ware los werden kann. Doch damit wird der Kiosk, den es seit 50 Jahren in der Vorstadt gegeben hat, Tag für Tag etwas weniger attraktiv. Er hatte es zuletzt ohnehin schwer genug. «Die Konkurrenz ist immer grösser geworden. Lose, Zeitungen und Kaugummi gabs früher nur am Kiosk. Jetzt verkaufen sie die Post, die Tankstellen, Restaurants und Läden. Und das Schleckzeug holen die Leute im Aldi.» Tatsächlich, nach 35 Minuten im Kiosk haben wir nur die zwei erwähnten Kunden gesehen. Aber das, was viele Kunden nie kaufen mussten, aber stets gratis bekamen, das wird der Vorstadt künftig fehlen: das bisschen Seele im Kiosk, das Lächeln von Roland Schmid.

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