Wir haben es täglich vor Augen: Gegenwärtig leben wir in einer verworrenen Welt. Da tut es gut, sich für 75 Minuten auszuklinken und sich vom Reichtum der Chormusik von Altmeistern und Zeitgenossen umfangen und bezaubern zu lassen. Zwei wesentliche Dinge beherrschten das Bettagskonzert der Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale, das wie gewohnt in der Jesuitenkirche stattfand: Einerseits waren es die vielen Positionswechsel, die den Chor aus akustischen Gründen von den Höhen der Orgelempore zu den beiden seitlichen Balkonen und zu unterschiedlichen Aufstellungen im Altarraum führten. Andererseits umfasste das Konzert sehr viele junge Komponisten. Der Australier Alex Turley, der Jüngste, ist gerade mal 22 Jahre alt. Chorleiter Andreas Reize, dessen behänder Dirigierstil die exakte Interpretation im vokalen Konzertieren so gewinnend einfordert, gelang wieder ein grosser Wurf.

Beeindruckend deshalb, weil der Wert gediegener A-capella-Kunst zu erleben war. Neben den barocken Meistern Alessandro Scarlatti mit «Exsultate Deo» und Johann Sebastian Bachs «Unser Leben ist im Schatten», Johann Kuhnaus «Traurig ist meine Seele» und schliesslich Heinrich Schütz’ «An den Wassern zu Babel», zweistimmig gesungen aus gegenüberliegender Position, waren Kompositionen junger Tonschöpfer mit wie frühlingshaft spriessenden Ideen berücksichtigt.

Junge Komponisten in Mehrheit

Im 13-teiligen Konzert war die Mehrzahl der zeitgenössischen Komponisten jünger als 54 Jahre. Da gelangten kühnste Mittel in Harmonik und Melodik zum Einsatz. Zwar ist der Chor der Singknaben kirchlich verankert, wie an acht geistlichen Beiträgen erkennbar, doch längst ist er an Wettbewerben ausgezeichnet als eine der «coolsten» singenden Jugendgemeinschaften in Europa. Als Zuhörer ist man hingerissen vom vielstimmigen Chor als vitaler, geschlossener Klangkörper, von den glanzvollen und tonreinen Sopranstimmen, von den Nuancen in Mezzosopran und Alt sowie vom soliden Unterbau der Männerstimmen.

In «The long day closes» als Arrangierung der King’s Singers gefiel der Männerchor geradezu herzberührend. Es war die Vielfalt an diesem Konzertabend, die das Publikum mit reichem Beifall verdankte. Neben singtechnischer Sicherheit waren es Ausdruckstiefe und Dramatik, die vor allem bei den oratorischen Werken der barocken Komponisten beeindruckten.

Wie ein musikalischer Krimi

Jugendliche, fast freche Pfiffigkeit sprach aus den später gesungenen effektreichen Konzertstücken, die mit Klatschen, Stampfen und rhythmisch betonten Bewegungsformen untermalt wurden; so beispielsweise das «Ronda Catonga» aus Uruguay oder das vor vier Jahren geschriebene «Nyon, Nyon» von Jake Runestad.

Fast wie ein musikalischer Krimi erzählte der «Skyfall» (Alex Turley) episodenreich und stimmschön eine spannende Geschichte. Vor angedeutet dissonanten Färbungen in modernen Werken haben weder der Dirigent noch seine Chormitglieder irgendwelche Ängste. Bewunderung im Publikum fanden die Tongebung und und die Tonerinnerung der Sänger. Mit einer scherzhaften, choreografisch begleiteten Würdigung einer Lokomotive verabschiedete sich der Chor.