Frisst die Fasnacht ihre eigenen Kinder? Die Frage ist am Platz. Nach einer Woche, die alles bisher Gesehene gesprengt hat. Schon die beiden Chessleten waren Indikatoren für das, was folgen sollte: Eine Invasion von Solothurn am Samstagabend, wie sie wohl noch nie registriert worden ist. «Ja, wir waren am Anschlag», bekannte auch Stapo-Kommandant Peter Fedeli im Nachgang. Nicht nur er wundert sich über das Wunder, dass so gut wie nichts passiert ist.

Aber ungemütlich war es zwischendurch schon. Eingekeilt in der bunten Masse gabs oft minutenlang kein Vorankommen mehr. Etliche altgediente Fasnächtlerinnen und Fasnächtler wollen Panik-Anflüge ausgemacht haben – die Strassenfasnacht hat eine absolut kritische Masse erreicht. Zumal auswärtige Guggen ohne Rücksicht auf Verluste dort spielen wollen, wo es ihnen passt – was das Mengen-Management des Publikum völlig unmöglich macht.

Nur noch Weekend-Party?

Der Magnet Solothurn am Samstag – in geringerem Ausmass am Donnerstagmorgen und Dienstagabend – generiert mehrere Problemzonen. Die Landflucht lässt das närrische Treiben in der Agglomeration veröden. Noch 23 Chesslerinnen und Chessler zählte Langendorf. Aber auch die Stadtfasnacht leidet unter der zunehmenden Fokussierung auf die drei erwähnten Hotspots. Der schmutzige Donnerstag serbelt abends vor sich hin, der Sonntagabend ebenfalls. Dagegen blüht der Freitagabend auf. Verkommt die Solothurner Fasnacht schon bald zur reinen Weekend-Party? Die Ballermann-Narretei am Samstag ist zunehmend die Sache von altgedienten Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern nicht mehr. «Ich bleibe künftig am Samstag zuhause!» war oft zu hören – auch weil tiefsinnige Narreteien auf der Gasse im Massenaufmarsch völlig untergehen.

Problemzone Abfall. Der Werkhof meistert sie jeweils mit Bravour. Doch was bringt die Zukunft? Mehrweg-Geschirr und -Becher ist das grosse Thema auf vielen Polit-Agenden. Auch in Solothurn kochen grüne Köche dieses Süpplein. Löffeln wir es auch bald an der Fasnacht aus? Das Handling und die Umsetzung eines wirklich praktikablen Systems dürfte angesichts der Massen von Fasnachtsfans nicht einfach sein. Das Thema kann heiss werden. Wie heiss es allerdings gegessen werden muss, hängt von der Vernunft in der Politik ab.

Solange alles gut geht

Lenkungsmassnahmen für (oder eben gegen) den Grossaufmarsch in der Samstagnacht sind nur bedingt möglich. Ein Merkblatt für auswärtige Guggen abgeben? Mit einem Stadtplan, den allfälligen «Spielzonen», sowie dem Hinweis, dass dort jeweils nur eine Gugge spielen sollte? Vielleicht. Auch den unseligen Alk-Wägeli etlicher jüngerer Fasnächtler ist schwierig beizukommen, da die Rechtslage den Ordnungskräften kaum hilft. Wer nicht offensichtlich ohne Bewilligung Alkohol verkauft, kann auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Also hoffen wir, dass weiterhin einfach alles gut geht.

Ein Prinzip, das auch für einem wichtigen Zweig der Solothurner Fasnacht gilt: der Schnitzelbank-Szene. Nach G. O. R. P. S im Vorjahr haben nun auch die Spötterfunkä den Narrenhut genommen. Die Luft wird allmählich dünn bei den Verseschmieden. Dabei sind sie zusammen mit den Auftritten der Narrenzunft Honolulu und einiger hoch musikalischer hiesiger Guggen der wohltuende Kultur-Kontrapunkt zur «Ballermania» der Strassenfasnacht.

Die 11 Schnitzelbänke am Höflisingen 2019 – ein Zusammenschnitt

Die 11 Schnitzelbänke am Höflisingen 2019 – ein Zusammenschnitt

Der Stoff wird knapp

Genau diese hat wiederum ein ganz neues Problem: Ihre Beschaffungskanäle fürs bunte Outfit sind in Solothurn weitgehend versiegt. Die Fasnachtsläden Bohnenblust und Haefeli, jahrzehntlang fasnächtliche Grundversorger, gibt es nächstes Jahr nicht mehr. Solothurn ist gefordert: Die Vereinigte Fasnachtsgesellschaft UNO müsste sich überlegen, ob eine ganz gross angelegte Kleiderbörse am Wochenende nach Hilari den ausgetrockneten Markt zumindest teilweise wieder mit dem notwendigen Stoff versorgen kann. Oder alle greifen wieder vermehrt zu Garn, Nadel, Zwirn und schneidern selbst. Dazu ein selbst gefertigter Gring, der den Namen verdient.

Denn auch für die fünfte Jahreszeit gilt das abgewandelte Kennedy-Zitat wie kaum ein anderes: «Frag nicht, was die Fasnacht für Dich tut. Sondern, was Du für die Fasnacht tun kannst!»

wolfgang.wagmann@chmedia.ch