Dächer von Solothurn

Das Gebälke der Altstadt ist bei tierischen Untermietern beliebt

Gern gesehene Gäste in Solothurn: die Alpensegler. (Archiv)

Gern gesehene Gäste in Solothurn: die Alpensegler. (Archiv)

Was im Gebälke von Solothurn alles so kreucht und fleucht, das weiss Andreas Schäfer vom Naturmuseum. Zahlreiche Vögel und Käfer haben sich in Dächern der Altstadt einen Unterschlupf eingerichtet und scheinen sich in der Umgebung wohlzufühlen.

Jeder braucht ein Dach über dem Kopf. Das trifft nicht nur für die Menschen zu, sondern auch für zahlreiche Kleintiere, die sich im Dachbereich als Untermieter auf Zeit niedergelassen haben, ohne dass wir es wissen. Sie haben im Laufe der Jahrhunderte gelernt, unsere Häuser für sich zu nutzen, und sind heute sogar auf diesen Unterschlupf angewiesen. Nur manchmal werden sie ertappt. Zum Beispiel wenn der Hausrotschwanz als einer der Ersten am Morgen menschliche Nachtschwärmer mit seinem von knirschenden Lauten begleiteten Gesang auf dem Nachhauseweg begleitet oder der in der Luft lebende Alpensegler für seine Jungenaufzucht «festen Boden» sucht.

Die Altstadt als Biotop

Gerade in Altstadthäusern mit ihren Ziegeldächern, Fugen, Spalten und Hohlräumen siedeln sich ausgewählte Tierarten an. Oder wie es Andreas Schäfer vom Naturmuseum Solothurn in Bezug auf die zahlreichen Gäste auf unseren Altstadtdächern formuliert: «Überall wo man hineinschlüpfen kann, ist ein Lebensraum für Tiere.» Wo alles abgedichtet, isoliert und betoniert werde, sei kein Platz mehr für die Tierwelt, warnt der Biologe vor Renovationen und Umbauten, die den Verlust von geeigneten Brutplätzen und Nahrungsgrundlagen sowie Unterschlupfmöglichkeiten für die Untermieter zur Folge hätten.

Zu diesen gehören nebst zahlreichen Vogelarten Wespen, Bienen, Spinnen, Hornissen, Baumhummeln, Käfer und die nachtaktiven Raupen des blassgrauen Flechtenbärs, die sich von Flechten und Algen auf den Ziegeln ernähren. Auch Steinmarder und Fledermäuse hausen im obersten Geschoss eines Hauses, das nur selten genutzt oder besucht wird. Auf den sonnigen Terrassen der Altstadthäuser verkriechen sich unter den Blumentöpfen auch Asseln sowie Hundert- und Tausendfüssler. «Ein Waldklima auf engstem Raum», sagt der Biologe und verweist auf die Ausstellung im Naturmuseum, wo die wirbellosen Kleintiere thematisiert werden und auf ihre Lebensweise anschaulich hingewiesen wird.

Aus Solothurn nicht wegzudenken sind nebst den Strassentauben, die ebenfalls auf Dachböden nisten und übernachten (nicht immer zur Freude der Hausbesitzer), die bereits erwähnten Alpensegler, die wegen ihrer grossen und kräftigen Statur oft an einen Falken erinnern. «Es ist schön, wenn man sie in der Stadt hat», freut sich Andreas Schäfer über die Luftbewohner, die im Flug Insekten jagen, sich in der Luft begatten und selbst ihr Nistmaterial fliegend sammeln. Die überlangen Flügel sind ideal für das luftige Leben, bewirken jedoch, dass nur hoch gelegene Brutnischen mit freien An- und Abflugmöglichkeiten infrage kommen. Dies mag der Grund sein, weshalb sie Jahr für Jahr in ihre altbewährten Nester in den Dächern der Stadt zurückkehren.

In Solothurn befinden sich Alpenseglerkolonien am Bieltor sowie am Pisonihaus an der Baselstrasse. Früher gab es eine solche auch an der Jesuitenkirche. Diese wurde Ende des 20. Jahrhunderts durch einen am Efeu hochkletternden Steinmarder zum Erliegen gebracht. Um neue Brutpaare anzulocken, wurden deshalb während der Restaurierung der Franziskanerkirche in der dortigen Dachuntersicht 14 Einfluglöcher und ein Tonbandgerät mit Alpenseglerstimmen angebracht. Leider bis heute erfolglos.

Andreas Schäfer vom Naturmuseum.

Andreas Schäfer vom Naturmuseum.

Die Dohlen im Riedholzturm

Gern gesehene Gäste sind in Solothurn auch die dem Alpensegler verwandten Mauersegler, die nicht in Kolonien leben, sondern in der ganzen Stadt locker verteilt sind, sowie die Dohlen, die eine Kolonie im Riedholzturm gebildet haben. «Nicht jede Stadt hat eine Dohlenkolonie», freut sich Andreas Schäfer über die Ansiedlung des Rabenvogels.

Wer nicht ins Winterquartier im Süden abwandert, findet auf den Dächern von Solothurn auch im Winter einen Unterschlupf. «Vor allem Insekten verkriechen sich unter dem Dach», sagt Andreas Schäfer. Erst nach ein paar Monaten, wenn es warm werde und die obligate Winterruhe vorbei sei, verliessen beispielsweise Gartenwanzen, Stall-, Flor- und Wurmfliegen sowie asiatische Marienkäfer ihr hiesiges Winterquartier im Dach und tauchten plötzlich in dem darunterliegenden Wohnzimmer auf. Dieses wird aber auch interessant, wenn die Vögel, an denen die Kleinlebewesen parasitieren, ihre Nester verlassen und der Vorrat an Nahrung erschöpft ist.

Angesichts des facettenreichen Lebens unter einem Altstadtdach plädiert Schäfer dafür, dass bei Sanierungen Lösungen gesucht werden sollten, um den Untermietern auch in Zukunft eine Chance zu geben. «Ich wohne und arbeite selbst unter einem Dach», sagt Andreas Schäfer und räumt ein, dass auch auf einem Flachdach Leben entstehen kann, wenn die nötigen Bedingungen vorhanden sind. Auch auf Terrassen und Balkonen könnten blühende Pflanzen Bienen und andere Lebewesen anlocken. Doch nicht nur die Blüten, auch der Topf und das Erdreich würden kleinen Lebewesen die Möglichkeit bieten, sich zu ernähren und fortzupflanzen. «Ein Tier lässt sich dort nieder, wo es das geeignete Klima vorfindet, um sich wohlzufühlen.» Das trifft mit Bestimmtheit auf die Dächer von Solothurn zu.

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