Glacismatte

Am Solothurner Aareufer: «Ein Drive-In für Drogen»

Die Dreibeinskreuzstrasse als neue Drogenmeile? Die Auffassungen der Anwohner und der Polizei gehen auseinander.Bild: A. Kaufmann

Die Dreibeinskreuzstrasse als neue Drogenmeile? Die Auffassungen der Anwohner und der Polizei gehen auseinander.Bild: A. Kaufmann

Bewohner der Glacismatte beobachteten diesen Sommer eine Zunahme der Drogenszene im Quartier. Was sagt die Polizei dazu?

Wer nicht im Quartier wohnt, würde es nicht vermuten: Doch die Glacismatte – das Gebiet zwischen Krummturm und Vorstadt-Schulhaus – kämpft mit einer Drogenszene. So zumindest lassen es die Beschreibungen von Bewohnern vermuten, die im aareseitigen Teil zuhause sind und das Geschehen beobachten. Sie treffen auf Fäkalien, blutige Pflaster und Spritzen in den Böschungen der Schiffländte, bis hin zu Rucksäcken mit «Bschteck», die zum Teil in Gärten versteckt werden.

Strategischer Vorteil für Dealer

Doch es sind nicht nur die Hinterlassenschaften, sondern ihre Verursacher selbst, die für Unbehagen sorgen. Das Areal der Schiffländte gilt Sommer wie Winter als Umschlagplatz, wie Sandra G.* beobachtet: «Die Dreibeinskreuzstrasse ist ein Drive-In für Drogen.» Sie vermutet einen strategischen Vorteil für mobilisierte Dealer, weil die Zu- und Wegfahrt von der Strasse via Autobahn einfach zu meistern sei. Und: Beim Kindergartenareal Dreibeinskreuz werde gespritzt.

Manchmal werden die Vorgärten zu Schlafplätzen, oder dann übernachtet jemand in einem Holzhüttchen des Güggi-Spielplatzes. Zuweilen werden Passanten bedroht, wissen die Anwohner. Und die Pontons werden zu «Separées» für die Beschaffungsprostitution.

Man könne seit diesem Jahr von einem «Drogenstrich» sprechen, weiss Christine R.*, die feststellt, dass die Probleme zugenommen haben. Ihre Tochter erklärt selbst, dass sie sich auf dem Schulweg nicht mehr wohl fühlt. «Aber Probleme gibts seit 17 Jahren im Quartier, seitdem ich hier wohne», erinnert sich Rolf M.*. Die Polizei, so die Anwohner, sei zu wenig präsent: Zwar gebe es Patrouillen, aber die Polizisten fahren oft durch, ohne auszusteigen.

Auch bei der Vorstadt-Schule ist die Problematik bekannt: «Die Kindergärtnerinnen wie auch Eltern, Anwohner und ich als Passantin haben festgestellt, dass sich die Szene im Sommer vermehrt in diese Gegend verlagert hat», sagt Schulleiterin Michèle Tschumi.

«Aus diesem Grund informierten die Kindergärtnerinnen mich als Schulleiterin, sowie die Polizei, mit der Bitte, vermehrt zu patrouillieren.» Zur Sicherheit werde das Areal jeden Morgen abgesucht. Gefunden wurden Unrat, Kleidung, Tabletten und Kot in der Gartenanlage des Kindergartens, aber keine Spritzen.

In den letzten drei Monaten 80 Kontrollen

Stadtpolizei-Kommandant Peter Fedeli bestätigt, dass zum Sommerbeginn die Zahl der Randständigen bei der Schiffländte zugenommen habe. «Solange diese Personen sich aber nur dort aufhielten und keine Probleme machten, haben wir dies toleriert.» Nötigenfalls seien Personen mündlich weggewiesen worden, wobei die Schiffländte jeweils sauber zurückgelassen worden sei. «Demzufolge wurden unsere Kontrollen wieder reduziert», so Fedeli. Was aber zur Folge hatte, dass sich die Problematik wieder verschärfte. «Dies veranlasste uns, schriftliche Fernhalteverfügungen auszusprechen.» Grundsätzlich: Wer sich einer solchen Verfügung widersetzt, wird zur Anzeige gebracht. «Für eine Festnahme aber fehlen die gesetzlichen Grundlagen.»

Weiter betont Fedeli die Begleitmassnahmen: «In den letzten drei Monaten wurden etwas mehr als 80 Kontrollen durchgeführt.» Manchmal sei man nicht sichtbar, weil auch in zivil patrouilliert werde. Weiter seien bauliche Vorkehrungen beim Kindergarten in die Wege geleitet worden. Auch die Schliesszeiten der Krummturmschanze wurden überprüft und angepasst. Darüber hinaus nehme man die Rückmeldungen aus der Bevölkerung ernst. Speziell solchen Fällen nehmen sich die Quartierpolizisten oder der Sachbearbeiter «Brennpunkte» an.

Auf Einladung der Perspektive Region Solothurn war die Polizei im Mai an einer Nachbarschaftsveranstaltung im «Adler» präsent, dort also, wo sich auch deren Gassenküche befindet. «Damals äusserte sich niemand negativ über die Anwesenheit solcher Personen.» Und Reklamationen haben sich bislang bloss auf die Schiffländte bezogen. Andererseits stelle man bei Kontrollen auf Meldungen oft fest, dass diese «stark übertrieben» seien. So seien im Sommer Drögeler an der Römerstrasse gemeldet worden, die sich als Lehrer mit Schulklasse entpuppten, die eine Pause einlegten.

«Die Entwicklung im Gebiet ist uns bekannt – durch direkte Rückmeldungen aus dem Quartier, der Stadtpolizei und auch durch eigene Beobachtungen», sagt Karin Stoop, Geschäftsleiterin der Perspektive. Auch hier nehme man die Meldungen ernst: «Wir rücken sofort aus, wenn beispielsweise Spritzen gefunden werden.» Zudem werde die Thematik intensiv mit der Klientel der Anlaufstelle und der Gassenküche besprochen. So kann Stoop feststellen, dass sich der grösste Teil der Gassenküchen-Klientel korrekt und angepasst verhalte. Aber: «Aktuell gibt es einzelne Personen, die ein extrem störendes und nicht akzeptables Verhalten zeigen.»

Sind es Auswärtige, die Unruhe stiften?

Doch wer sind die Verursacher? Anwohner vermuten, es könnten sich sowohl bei den Dealern als auch den Konsumenten um Auswärtige handeln. «Die Vermutung kann stimmen», sagt Stoop. «Aufgrund unseres Auftrags dürfen wir nur Einwohnerinnen und Einwohner der Bezirke Solothurn, Lebern, Wasseramt und Bucheggberg einlassen.» Was zur Folge hat, dass auch zum Spritzenumtausch nur in der Region Ansässige zugelassen sind, während Auswärtige ihre Spritzen anderweitig loswerden. «Grundsätzlich aber hat sich das Konsumverhalten in den letzten Jahren verändert. Heute werden die Substanzen hauptsächlich geraucht, während der intravenöse Konsum extrem rückläufig ist», so Stoop.

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