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«Allergietest» fürs Nachtleben: Schwärmer der Nacht treffen auf die Hüter der Ruhe

Bis auf den letzten Sitz- und Stehplatz war die Landhaus-Säulenhalle besetzt. Im sprich- wie wortwörtlichen Zentrum: die modellierte Stadt Solothurn.

Bis auf den letzten Sitz- und Stehplatz war die Landhaus-Säulenhalle besetzt. Im sprich- wie wortwörtlichen Zentrum: die modellierte Stadt Solothurn.

Im Clubgespräch im Landhaus standen die geplanten städtischen Gastrozonen im Brennpunkt.

Der Anlass machte einer gut besuchten Gemeindeversammlung locker Konkurrenz. Rund 350 Interessierte zwängten sich am Montagabend in die Säulenhalle des Landhauses, um sich an einer Diskussion eines heissen Stadtthemas zu beteiligen: Wann sollen im Nachtleben die Lichter ausgehen? Zum Clubgespräch eingeladen hatten die Stadtbehörden selbst. Die im Rahmen der Ortsplanungsrevision vorgeschlagenen Gastrozonen A und B ernten bei den einen Applaus und stossen bei anderen auf Unverständnis. Die einen – das sind Nachtschwärmer, die zum Teil über die Facebook-Gruppe «Auch eine Barockstadt will jung bleiben» mobilisiert wurden und es goutieren, dass die Schliessungszeit in der Zone A beim «Aaremüürli» am Wochenende auf vier Uhr (Innenbereich) angesetzt wäre. Die anderen – das sind jene, denen das Nachtleben schon heute den Schlaf raubt, und die sich mitunter in der Interessengemeinschaft «L(i)ebenswertes Solothurn» formiert haben.

Gesittetes Clubgespräch

«Es soll kein Schlagabtausch stattfinden, aber auch keine Entscheidungsfindung. Miteinander statt gegeneinander», schickte Andrea Lenggenhager, Leiterin des Stadtbauamts, voraus. Unter der Moderation von Mike Bucher wurde immerhin ein gesittetes Streitgespräch mit klaren Worten, klaren Positionen und ersten Lösungsansätzen daraus. Zehn Personen (siehe Kasten rechts) stellten sich der Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven. Zum Beispiel der rückblickenden: Grundeigentümer Viktor Bregger, Eventveranstalter Markus Moerler und Martin Volkart von der Genossenschaft Baseltor erinnerten sich an den Wandel von der Drogenszene am Landhausquai hin zur Ausgangsmeile. «Es fand eine Mediterranisierung des Lebensraums statt», so Volkart.

Diskussionsrunde über das Nachtleben in Solothurn

Diskussionsrunde über das Nachtleben in Solothurn

Doch: «Die Drogenszene besteht immer noch», verwies Urs Mühle von «L(i)ebenswertes Solothurn» auf eine punktuelle «Problemzone» am Stalden. Und: «Uns stören nicht die Gastrobetriebe. Störend ist der Lärm, der um zwei anfängt und bis um sechs andauert.» Seitens der Nachtschwärmer nahm Julia Hostettler den roten Faden auf und verwies auf die Fahrzeiten des Moonliner-Busses: «Wenn man früher rausmuss, wartet man länger draussen. Und so wird es mit den Gastrozonen nicht mehr, sondern weniger Lärm geben.»

Ist der Lärm – neben dem «Kotzen» und «Pissen», die ebenfalls Erwähnung fanden – auch amtlich ein auffälliges Ärgernis? «Ja, aber...», befand Polizeikommandant Peter Fedeli: Im Verhältnis zu all jenen, die sich anständig verhalten, hielten sich die Probleme in Grenzen. Eine bis drei Meldungen zu Nachtruhestörungen gingen pro Wochenende ein, so die polizeiliche Perspektive.

Ausgang hat Priorität

Ein Stein des Anstosses für viele war der Paragraf 3 des Reglementsentwurfs: So haben von Donnerstag bis Samstag in der Gastrozone A die gastwirtschaftliche Nutzung und die Ausgangsbedürfnisse gegenüber der Wohnnutzung Vorrang. Ein Passus, der auch im Falle eines Rechtsstreits die Position des Anwohners schwächen könnte, gab Rechtsberater Gaston Barth zu.

«Die Zonen spiegeln wider, was heute schon gilt», befand Volkart. Man schätze eine Million Besucher jährlich an der Aaremeile. Wobei gerade der Markt für die Zeit zwischen zwei und vier Uhr gar nicht so viel hergebe wie frühere Nachtstunden. «Der Markt wird es regulieren», so Volkart.

Wieder vor anderer Seite wurde hinterfragt, warum eine eingeschränkte Gastrozone B (Freitag und Samstag bis zwei Uhr) vonnöten sei: Ein Flickenteppich von Zonen ergebe kaum Sinn, wenn der Lärm auf dem Nachhauseweg entstehe, warf Gemeinderätin Franziska Roth ein. Oder wenn man die aufsteigende Vorstadt mit der Einstufung Zone B kasteie. Sie war es auch, die Schelte an die Stadtverwaltung austeilte. Roth, die das Thema schon einmal mit einem Vorstoss auf die politische Agenda gebracht hatte, erwarte von der Stadt eine Moderationsrolle. Dies hätte sich auch Markus Moerler gewünscht, der nach einem Kampf gegen Einsprecher um seinen geplanten Club in der «Landi» die Segel strich.

Defensiv parierte darauf Lenggenhager: «Es wird auf den Behörden herumgehackt. Wir müssen die Anträge unparteiisch betrachten.» Und Barth fügte hinzu: «Die Behörden machen das Nachtleben nicht. Solothurn lebt von der Eigeninitiative.» Man habe versucht, die politische Stimmung aufzunehmen und so die Zonen skizziert.

Mut zum Ausprobieren

Im Schlussspurt war dann auch Raum für Lösungsansätze da. Die Möglichkeit eines runden Tisches mit Anwohnern, Nachtschwärmern und Gewerbetreibenden stand im Raum. Von vielen Seiten wurde die Idee begrüsst, so genannte Ranger einzusetzen, «Gassenarbeiter oder Coaches», wie sie Moerler nannte, die vor Ort auf die Lärmproblematik hinweisen, kombiniert mit Infokampagnen. «In anderen Städten haben solche Modelle Erfolg», wusste dazu Polizeikommandant Fedeli.

Und was meinte der Beobachter von aussen – Geograf Daniel Baur aus Basel – zu möglichen Lösungswegen? «Habt Mut, etwas auszuprobieren. Gewährt als ‹Allergietest› einen Sommer lang eine provisorische Bewilligung.»

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