Olten

Tiere verlassen die Arche Noah

Mario und Marianne Hurni schliessen nach 20 Jahren ihr Zoofachgeschäft Arche Noah – und suchen für die letzten Tiere ein nettes Zuhause.

Mario und Marianne Hurni schliessen nach 20 Jahren ihr Zoofachgeschäft Arche Noah – und suchen für die letzten Tiere ein nettes Zuhause.

Marianne Hurni schliesst nach 20 Jahren altershalber ihr Zoofachgeschäft – das letzte in der Dreitannenstadt

Die Arche Noah – laut biblischer Überlieferung ein schwimmender Kasten, gebaut vom Patriarchen Noah, um seine Familie und die Tierarten vor der Sintflut zu retten. Die Oltner Version ist zwar schwimmunfähig und befand sich stets auf festem Boden. Doch wie ihr biblisches Pendant hat auch sie zahlreiche Tiere beherbergt – und tut dies noch bis zum 31. Juli. Dann aber schliesst das letzte Oltner Zoofachgeschäft an der Solothurnerstrasse 11 definitiv seine Tore, da Geschäftsführerin Marianne Hurni, 65, in Pension geht.

Eine Liste mit 230 Ideen erstellt

Im Gegensatz zu Noah mussten Marianne Hurni und ihr Ehemann Mario, der im Geschäft für den administrativen Bereich verantwortlich zeichnet, ihre Arche nicht aus dem Boden stampfen: Am 1. Mai vor 20 Jahren kauften sie die Tierhandlung, damals noch an der Neumattstrasse 1 zu Hause, dem Inhaberehepaar Major ab – und wagten sich damit aufs Glatteis: Denn weder Mario noch Marianne Hurni haben einen Tierberuf erlernt. Während er über eine kaufmännische Grundausbildung verfügt sowie Studien in Volkswirtschaftslehre und Marketing absolvierte, war Marianne Hurni unter anderem in Pflegeheimen und als Köchin tätig.

Mehrere Umstände führten aber dazu, dass Hurnis im Umgang mit Tieren (zumindest teilweise) versiert waren: Mario Hurni hielt bereits mit zehn Jahren eine Schlange und eröffnete zudem vor 40 Jahren zusammen mit einem Bekannten den Tessiner Zoo al Maglio. Und was seine Ehefrau angeht, wuchs diese umgeben von Bauernhöfen auf. Trotz dieser «tierischen» Erfahrungen war die Übernahme eines Zoofachgeschäfts weder naheliegend noch von langer Hand geplant, sondern zu Beginn lediglich ein Produkt von Brainstorming: «Vor 20 Jahren haben wir uns gefragt, was wir noch nie gemacht haben und 230 Ideen für neue Aktivitäten aufgeschrieben. Neben Kräuter züchten und einen Campingplatz führen war eben auch die Eröffnung einer Tierhandlung in unserer Liste aufgeführt», lässt Mario Hurni die Anfänge Revue passieren.

Grösster Konkurrent: Internet

Und so geschah es, dass das Ehepaar den Laden erwarb, ihn aufgrund der angestrebten breiten Palette an Tieren Arche Noah taufte und die obligatorische Tierpflegerausbildung nachholte. Et voilà, bald wimmelte es von Nagetieren, Fischen, Reptilien, Vögeln, Amphibien und Gliedertieren – allesamt Kassenschlager: «Zu Beginn war die Nachfrage vonseiten der Kundschaft bei jeglichen Arten gross», erinnert sich Marianne Hurni.

Mit dem Aufkommen des World Wide Web waren die goldenen Zeiten dann aber bald einmal vorbei, was sich in einer Abnahme der Kundenströme und einer Schmälerung des Angebots äusserte: Anstatt im Zoofachgeschäft hätten viele Leute ihre Tierkäufe fortan im Internet getätigt. Vor allem bei den Vögeln sei man mit stark rückläufigen Verkaufszahlen konfrontiert gewesen, schiebt die Geschäftsführerin nach.

So wohnen heute denn auch keine gefiederten Tiere mehr in der Arche, schliesslich finden sich die Renner anderswo: «Das Interesse der Kunden zielt auf Hamster und Meerschweinchen ab», macht Marianne Hurni einen Unterschied zu früher aus. «Doch vor allem kommen viele Leute wegen Futter und Haltungsfragen zu uns.» Letzteres stellt aber nicht wirklich eine gute Einnahmequelle dar, weil sich einige Ladenbesucher gratis und franko beraten lassen und dann von dannen ziehen. Auch dass Kunden Futter oder die Ferienbetreuung ihres Tieres durch die Arche Noah nicht bezahlten, sei schon vorgekommen, beschreibt das Ehepaar negative Erlebnisse.

Wert aufs Tierwohl gelegt

Diese schwarzen Schafe wie auch die anstrengende Siebentagewoche lösen bei Marianne Hurni jedoch nicht Verdrossenheit aus: «Ich habe den Zooladen mit Leib und Seele geführt. Insbesondere schätzte ich den Kontakt zu Kunden, woraus teilweise langjährige und enge Beziehungen entstanden sind.» Zu den Tieren mussten die Hurnis hingegen immer eine gewisse Distanz wahren – keines hat je einen Namen erhalten. Dies, um Trennungsschmerz zu vermeiden. «Während ich früher schon Mühe damit hatte, mich von einem Tier zu verabschieden, hat sich das mittlerweile gelegt», schildert Marianne Hurni anfängliche Probleme.

Das Wohl der Tiere liegt dem Ehepaar zweifellos am Herzen, wofür nicht nur das Gütesiegel des Schweizer Tierschutzes spricht, sondern auch, dass das Ehepaar in seiner Arche immer wieder ausgesetzten Tieren einen Platz geboten hat. Generell hat das Paar stets eine strikte Haltung, was das Tierwohl angeht, an den Tag gelegt: Mehrmals, betont Marianne Hurni, habe man Ladenbesuchern ein Tier nicht verkauft, da man eine artgerechte Haltung bezweifelte.

Und auch in den Tagen vor der Schliessung wollen Hurnis die verbliebenen Tiere an kompetente Leute vermitteln, sie einzuschläfern steht im Übrigen nicht zur Diskussion. «Tiere sind von der Liquidation ausgenommen, wir wollen sie nicht ‹vertschutten›. Ist es nicht möglich, sie zum Normalpreis zu verkaufen, platzieren wir sie bei uns vertrauten Leuten. Zwei Hasen etwa finden ein neues Zuhause auf dem Schlatthof in Wolfwil», sagt der 68-Jährige bestimmt. Einen sauberen Strich kann das Ehepaar ferner unter die Betreuung einer Lernenden sowie einer Praktikantin ziehen, da beide ihre Ausbildung diesen Sommer beenden. So steht der geplanten Züglete bald nichts mehr im Wege: Hurnis werden ihren Lebensabend nämlich in Flühli, Sörenberg, verbringen – zusammen mit den Hunden Raika und Gino. Gänzlich tierlos lässt es sich eben doch nicht leben.

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