Mehr als 120 Kaderpersonen nutzten die Gelegenheit, an einer Fachtagung im Hotel Olten gemeinsam über die Anforderungen zu diskutieren, welche die Spitex-Organisationen in naher Zukunft zu erfüllen haben. Das Spektrum der Interessierten war breit. 

An der Tagung nahmen sowohl beispielsweise ein Präsident und die Geschäftsführerin eines als Non-Profit-Organisation strukturierten regionalen Spitex-Vereins teil, zu dem sich sechs Dörfer zusammengeschlossen hatten. Ebenso eine diplomierte Pflegefachfrau, die in ihrer Gemeinde nebst einer privaten Spitex auch betreutes Wohnen und Fahrdienste anbietet. Breit war das Spektrum der fünf Referentinnen und Referenten.

Betreuung im Alter 2025

Christian Streit, Geschäftsführer des Verbands der Alters- und Pflegeeinrichtungen Senesuisse, präsentierte die Resultate einer Studie «Take Care». Diese geht der Frage nach, wie Betreuung im Alter im Jahre 2025 aussehen soll. Und konkreter: Was erwarten die Kunden in 10 oder 20 Jahren? Die Demografie verändert sich, Leute werden älter. Es gibt zudem eine gesellschaftliche Entwicklung hin zur Individualisierung, Menschen wollen über ihren Alltag selber bestimmen. Bisher hielten die Care-Institutionen ein Angebot an Dienstleistungen bereit, das bei Bedarf abgerufen werden konnte. In Zukunft werden die individuellen Wünsche der Kunden das Mass der Dinge sein. Die Nachfrage wird bestimmen, welche Leistungen Dauer haben.

Eine Spitex, welche Leistungen wie bisher, nur einfach besser, erbringt, hat keine Zukunft. Durchsetzen werden sich die Szenarien «care society», wo kleinräumig soziale Zuwendungen erbracht werden, und «care conveniance», wo individuelle Bedürfnisse über digitale Plattformen und professionelle Dienstleistungen wie Reinigung oder Mahlzeitenservice abgerufen werden. Gebremst wird diese Entwicklung durch Personalmangel, umstrittene Finanzierung und Fehlanreize durch die Rahmenbedingungen, fasste Streit zusammen.
Die Sankt Galler Stadträtin Sonja Lüthi wiederum schilderte, wie sie der Spitex, die bisher von 6 sozialen Institutionen getragen wird, modernere Strukturen verschafft. Durch eine Zusammenfassung soll nur noch ein Ansprechpartner mit der Kommune verkehren, die verschiedenen Standorte sollen bestehen bleiben. Bereits heute sind Pensionierte eingebunden, indem sie für Betreuungsaufgaben aufgewendete Zeit eine Zeitgutschrift erhalten, die sie später bei Bedarf einlösen können.

Christina Brunnschweiler, die Geschäftsführerin der Spitex Zürich Limmat AG, hat die Fusion von vier Organisationen bereits geleistet. An 14 Standorten und in 35 Alterssiedlungen beschäftigt sie über 1000 Mitarbeitende. Auch bei der Spitex Zürich gibt es ein starkes Service-Kompetenzzentrum und dezentral vernetzte, selbst organisierte Teams. Dabei lehnt sie sich an das holländische Buurt-Zorg-Modell an, das sich auf gegenseitige nachbarliche Hilfe stützt. Eckwerte in der Zürcher Spitex sind die digitale Kommunikation, die nutzbringend angewandt wird, und das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse.

Stets die gleiche Person

Von einer regelmässigen Bezugsperson gepflegt zu werden, ist auch für Michelle Zimmermann ein zentraler Punkt. Die junge Frau gab dem Blickwinkel der Spitex-Kundinnen eine Stimme. Sie leidet an der Schmetterlingskrankheit, das heisst ihre Haut ist sehr verletzlich und braucht täglich vier bis sieben Stunden Pflege. «Für mich ist wichtig, dass immer möglichst die gleiche Pflegeperson kommt», betonte Zimmermann. Das Fachwissen sei selbstverständlich. Aber die Pflegeperson komme ihr wortwörtlich nahe an die Haut. Das erfordere Vertrauen. Und mit einem eingespielten Gespann Patientin – Pflegeperson gehe vieles einfacher. «Es hilft, nicht immer wieder alles von Neuem erklären zu müssen», erklärte Michelle Zimmermann . Zum Glück werde sie teilweise von ihrer Mutter gepflegt. Allerdings werde diese Unterstützung, obwohl aufwendig, finanziell nicht richtig honoriert, kritisierte sie. Gleichzeitig warb Michelle Zimmermann als Botschafterin für Active Integration, die sich für die Integration von Behinderten einsetzt.

Die mehr technische Zukunft schilderte Alfred Angerer von der Fachhochschule Winterthur. Die Digitalisierung kann das Personalproblem – Pflegeroboter hin oder her – nicht lösen, durchaus aber einen Beitrag an die Verbesserung der Abläufe leisten. Er stellte ein Projekt vor, das in einem Spital mit einer elektronischen Agenda die Wartezeiten von Patienten und medizinischem Personal verkürzt. Die Bereitschaft, EDV einzusetzen, sei vorhanden, matchentscheidend aber sei die Einbeziehung der Mitarbeitenden.

Abgeschlossen wurde die Tagung durch eine Gesprächsrunde, die von den Organisatoren Martin Radtke, Gilbert Bayard und Rolf Müller moderiert wurden. Die Spitex muss die Lebensqualität verbessern, so dass die Kunden zu Hause bleiben können, dort ihre individuellen Bedürfnisse abgedeckt erhalten und eigene Kompetenzen einbringen können. Dabei gilt es die Nachbarn, Spitex und andere Anbieter – auch digital – zu vernetzen, so das Fazit.

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