Ein Monster geht um im Schweizer Gewerbe. Es frisst sich durch Kleiderläden gleichermassen wie durch Spielwaren- oder Elektronikgeschäfte. Es kaut die kleinen Betriebe durch und spuckt am Ende Grossverteiler und leere Schaufenster aus. Das Monster nennt sich Lädelisterben.

Die Ursachen sind altbekannt: Online-Konkurrenz, Einkaufstourismus, hohe Mieten in Stadtzentren; der Preisdruck ist allgegenwärtig. Und die Symptome sind augenfällig. So auch in Olten. Man braucht nur durch die Innenstadt zu spazieren, der Kirchgasse oder Ringstrasse entlang etwa, und schnell sind zwei Hände nicht mehr genug, um die leereren Schaufenster zu zählen. Gewerbeverbände, Wirtschaftsförderer und Politiker ringen allesamt um Worte, wenn es um die Frage geht, wie das Monster bekämpft werden soll.

So weit so bekannt. Doch wie extrem die Situation tatsächlich ist, zeigt der Fall des jüngsten Opfers. Nach über 40 Jahren muss das Familiengeschäft Waltis Lädeli demnächst schliessen. Trix Rudolf von Rohr, die den Laden für allerlei Markenkleider seit rund zehn Jahren in zweiter Generation führt, muss sich einen neuen Job suchen.

«Günstig, günstig, günstig»

Eigentlich sprüht die Frau nur so vor Energie. Sie ist 47-jährig, hat einen ganzen Fundus an Ideen für ihr Geschäft und ist spürbar mit ganzem Herzen dabei. Fehlendes Engagement könnte man ihr nicht vorwerfen. Zudem kann sie auf eine treue Stammkundschaft zählen. Doch all dies reicht nichts aus, um den Laden zu retten. «Es wird immer schwieriger», erzählt sie im Gespräch. Immer weniger Leute kämen in den Laden um einzukaufen.

Mit ein Grund sei sicher, so Rudolf von Rohr, dass man heutzutage die Markenkleider auch bei Grossverteilern bekomme. Das Hauptproblem sieht sie jedoch anderswo: «Schuld ist die Geiz-ist-geil-Mentalität. Heute muss alles immer günstig, günstig, günstig sein. Irgendwann geht das nicht mehr auf.» Schliesslich hätten die Waren im Laden auch ihren Wert.

Ein Erlebnis kommt ihr in diesem Zusammenhang ganz speziell in den Sinn: «Vor etwa fünf Jahren kam ein Herr vorbei», erzählt sie. Er habe sich durch die Kleiderständer gewühlt, am Ende jedoch nichts gekauft: «Ich kaufe keine Kleider, deren Preise nicht heruntergesetzt sind», habe er ihr gesagt. Ein Schlag ins Gesicht sei das gewesen. Und die Alarmglocken begann zu schrillen: «Da wurde mir klar: Jetzt musst du aufpassen.»

Seit Kindstagen im Lädeli

Sogar während dieser Anekdote: Rudolf von Rohr spricht die ganze Zeit über ruhig und überlegt. Nein, wütend sei sie nicht, erzählt sie. Weder auf die Stadt noch auf sonst wen. Dass auch ihr Laden jetzt schliessen müsse, sei schlicht ein Zeichen der Zeit. Es wäre an jedem Einzelnen, sich an der Nase zu nehmen und seine Einkaufsmentalität zu überdenken.

leichzeitig betont sie auch immer wieder, dass eben nicht alles nur schlecht sei. «Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, einige tiefe Freundschaften haben sich daraus entwickelt.» Und auch heute gebe es noch immer viele Leute, auch junge, die den Wert ihrer Ware zu schätzen wüssten. Trotz allem Optimismus: Wie nahe ihr die ganze Geschichte geht, ist geradezu spürbar. Während sie vom bevorstehenden Ende erzählt, werden ihre Augen kurz feucht. Doch unbeirrt setzt sie ihre Ausführungen fort.

Wie schwer ihr der Schritt, den familieneigenen Laden zu schliessen, fallen muss, kann man erahnen, wenn man sich ihre Geschichte vor Augen führt: Sie ist seit Kindstagen mit dem Lädeli verbunden. Bereits im Kindergarten ging sie in den Laden der Eltern. «Weil halt niemand zu Hause war», wie sie erzählt. In den Folgejahren hat sie immer wieder im Geschäft ausgeholfen. Dort habe sie damals andere Kinder kennengelernt, die sie heute als Kunden betreue.

Später zog es Rudolf von Rohr in die Welt hinaus: Über Umwege landete sie in Zürich, wo sie während fast 20 Jahren als technische Operationsfachfrau ihre Brötchen verdiente. Doch als ihre Eltern schliesslich etwas kürzer treten wollten, kehrte sie wieder in die Heimat zurück. Sie übernahm das Lädeli. Das war vor rund zehn Jahren.

Ein leeres Schaufenster mehr

Nun muss sie das Geschäft aufgeben. Sobald der letzte Artikel verkauft ist, schliesst Rudolf von Rohr die Tür endgültig. Ganz am Hals steht ihr das Wasser zwar noch nicht. «Aber es bringt doch nichts, das durchzustieren», findet sie. Sie habe sich durchaus überlegt zu investieren. Ihre Waren beispielsweise online anzubieten. «Aber das will ich nicht. Ich will die Kunden im Laden betreuen. Das ist es, was mir Freude macht. Und weil das nicht mehr möglich ist, ziehe ich die Konsequenzen.» Für sie wird es beruflich anderweitig weitergehen. Wie genau, wisse sie noch nicht. Am Standort von Waltis Lädeli wird jedoch ein weiteres leeres Schaufenster zu sehen sein.