Olten
Fachstelle will falsche Klischees über Prostituierte beseitigen

Wenn über Sexarbeiterinnen gesprochen wird, dann dominieren Vorurteile. Diese will die Fachstelle Lysistrada mit zwei Filmen im Kino Lichtspiele hinterfragen.

Merken
Drucken
Teilen

BRUNO KISSLING

Stellvertretend für die Gesellschaft bringt die Journalistin Anne, gespielt von Juliette Binoche, die Vorurteile und Klischees vor, die das Denken über Sexarbeiterinnen prägen. Als sie im Film «Elles – Das bessere Leben» von Malgorzata Szumowska für eine Reportage mit jungen Escortgirls Kontakt aufnimmt, geht sie davon aus, dass diese ihre Arbeit auf keinen Fall freiwillig und nur aus Mangel an Optionen ausüben.

Anne muss allerdings erkennen, dass sie damit falsch liegt: Die Studentinnen prostituieren sich, weil es leicht und manchmal durchaus auch lustvoll verdientes Geld ist und ihre Arbeit ihnen finanzielle und persönliche Freiräume schafft. Die sehr expliziten Bilder von den Begegnungen der Escortgirls mit ihren Freiern kontrastieren stark, auch farblich, mit jenen von der Leere in Annes Leben.

Cinema Lysistrada im Kino Lichtspiele

- «Frauenzimmer» (D, 2009/10), Dokumentarfilm von Saara Aila Waasner 14. November, 20.30 Uhr

- «Elles – Das bessere Leben» (F, 2011), Spielfilm von Malgorzata Szumowska, 15. November, 20.30 Uhr

Die Journalistin beginnt sich im Verlauf des Films zunehmend mit ihrer eigenen Sexualität und Lust auseinanderzusetzen, die im Alter, im vordergründig «Besseren Leben», das sie führt, verkümmert sind.

Ebenfalls erst im Alter entdecken zwei der drei Frauen, die Saara Aila Waasner in ihrem Dokumentarfilm «Frauenzimmer» porträtiert, ihre Lust. Sie ziehen daraus die Konsequenz, als Sexarbeiterin ihr Geld verdienen zu wollen. Karolina beginnt als Domina zu arbeiten, Christel erbringt die «Dienstleistung Sex» nun mit Freude.

Und Paula, die dritte Porträtierte, führt schon lange ein Bordell. Alle drei Frauen arbeiten selbstbestimmt und unabhängig. Ihr Arbeitsalltag, in den der Film ebenso Einblicke gibt, wie er die Frauen über ihre Leben erzählen lässt, ist dabei fast enttäuschend unspektakulär. Dass Sexarbeiterinnen so bürgerlich leben, passt nicht ins Klischee.

Differenzierte Betrachtung

Wenn die beiden Filme auch Ausnahmeerscheinungen im Sexgewerbe ins Zentrum stellen: Das Klischee, dass Sexarbeiterinnen mehrheitlich jung sind, trifft zu. Hingegen macht der Escortservice einen relativ kleinen Teil der Sexarbeit aus.

Auch von Menschenhandel, der in Zusammenhang mit Prostitution immer wieder in den Medien vorkommt, ist ein kleiner Teil der Sexarbeiterinnen betroffen. Die Fachstelle Lysistrada handelt nach dem Grundsatz, dass Sexarbeiterinnen unterschiedliche Realitäten haben, und will die Öffentlichkeit differenziert über die vielfältigen Lebens- und Arbeitsumstände von Prostituierten informieren. (mgt/otr)

Kino Lichtspiele

Das sind die weiteren drei Filme

Im Arthouse-Kino Lichtspiele laufen vom 10. bis 15. November folgende Filme. Das schwedische Filmdrama «Terje Vigen» (10. November, 20.30 Uhr) aus dem Jahr 1917, in dem der Regisseur Victor Sjöström eine Ballade von Henrik Ibsen umsetzt. Ein Fischer gerät in die Wirren der Napoleonischen Kriege, verliert dabei zuerst seine Freiheit, später seine ganze Familie. Als er am Schluss die Gelegenheit hätte, verzichtet er darauf, an seinen Peinigern Rache zu nehmen. Das Jazztrio Q3 aus dem Tessin untermalt den Stummfilm musikalisch.

Im Feelgood-Movie «Patti Cake$» (11. November, 20.30 Uhr) lebt die 23-jährige Patricia Dombrowski in einem Provinznest in New Jersey, der Nachname und ihr Leibesumfang haben ihr die Hänselei als «Dumbo» eingetragen. Um Mutter und Grossmutter durchzubringen, tritt sie in schummrigen Bars auf und jobbt als Kellnerin, doch sie lässt sich nicht unterkriegen, sondern träumt unbeirrt von einer Karriere in der Szene des Gangster-Rap.

Christian Nielsen ist in der Kunstsatire «The Square» (13. November, 20.30 Uhr) Kurator eines angesagten Stockholmer Museums und bereitet gerade eine Installation unter dem Label «The Square» vor. Im Zentrum steht ein helles Quadrat im Strassenpflaster (vier mal vier Meter), auf dem das Gebot uneingeschränkter Anteilnahme gilt, sodass da jeder Bedürftige auf Hilfe zählen kann. Kunst feiert einmal mehr das Bekenntnis zu Inklusion, Toleranz und humanitärer Verantwortung. (mgt)