Beat Nützi

Ein Urgestein geht nach 40 Jahren von Bord

Beat Nützi, Chefredaktor des Oltner Tagblatts, tritt in den Ruhestand; Notizen zum Abschied eines Unbeirrbaren.

Morgens sind wir uns jeweils kurz vor 8 Uhr begegnet; im langen Korridor der Redaktion. Ohne viel Worte. Na ja, wie sich Männer halt so begegnen. Ein kurzer Gruss genügte, man wusste ja schliesslich Bescheid. Nach den Ferien setzte man vielleicht mal einen drauf. «So, wie ist’s gewesen?», war die zwar eher rhetorisch gemeinte, aber doch nach freudiger Stimmung klingende Frage. Antwort lapidar: «Doch, doch: ganz gut.»

Gute Frage: Wer war Beat Nützi wirklich?

Jetzt, nach seinen 40 Dienstjahren beim Oltner Tagblatt, einem Vierteljahrhundert als dessen Chefredaktor, überlege ich mir, wie er war, der Beat Nützi. Nicht dass er mir nach unseren gemeinsamen 18 Jahren ein unbeschriebenes Blatt geblieben wäre. Das nicht. Aber er gehörte halt zu jenen, die wussten, dass persönliche Freunde nicht im beruflichen Umfeld zu suchen und finden sind. Da war ich mit ihm übrigens uneingeschränkt einig.

Vielleicht gab’s deswegen wenig wirklich Persönliches auszutauschen. Er legte Wert auf eine ausgedehnte Privatsphäre, die praktisch nie den beruflichen Alltag tangierte. Sein Privat- und Berufsleben – so etwas wie eine asymptotische Liaison. Nicht von ungefähr kommt seine ausgeprägte Antipathie zum Schnüffelstaat, zu Videoüberwachung, überhaupt zum externen Nutzen privater Daten. Selbst der Cumulus-Card begegnet er mittlerweile skeptisch. Den dadurch erworbenen Vergünstigungen logischerweise nicht. Tja, so ist die Spezies Mensch eben getaktet.

Ein begnadeter Redner – aber kein Debattierer

Er war ein begnadeter Redner; nicht Debattierer, nein. Wer eine andere Meinung hatte, dem hielt er jeweils in seinem Sinne entgegen: «Jo, du muesch wüsse, dass …» Als ob damit die unbestreitbare Wahrheit ans Licht der Welt gehoben würde. Beat Nützi, Chefredaktor und Wolfwiler durch und durch, glaubte ans Überzeugen der andern. Manchmal auch mit erhobener Stimme, wobei nie ganz klar wurde, ob er dies mehrheitlich als Wolfwiler oder als Chefredaktor versuchte. Auch ein durchaus menschlicher Zug. Schliesslich ist keiner nur irgendetwas. Gelegentlich äusserte er sich provokant, abwartend, wie die Reaktionen ausfallen würden. Waren sie heftig, relativierte er, mässigte seine Haltungen. Ein gewiefter Taktierer eben. Er war auch ein Händler in Sachen Meinungen, der sich im richtigen Moment noch in eine andere Richtung wenden konnte, wo der Wind anders blies, weniger bissig, weniger aggressiv. Wo er sich entlang des Zeitgeistes hangeln konnte, wie so viele unter uns.

Vielleicht war diese Praxis auch einer gewissen Altersmilde geschuldet. Einstige Kollegen, die längst nicht mehr beim Oltner Tagblatt arbeiten und mit Beat Nützi doch eine lange Wegstrecke gegangen sind, erzählen nämlich oft, er habe sich vor Jahren weit bissiger geäussert. Was er indirekt auch bestätigte. «Früher», sagte er mal, «da ging’s in den Medien noch um schwarz-weiss, um unverblümte Meinungsäusserung.» Die Wahl der ersten Regierungsrätin im Kanton Solothurn war in nicht unerheblichem Mass auch ein Verdienst des Oltner Tagblatts. Jedenfalls erzählt man sich die Geschichte so. Mit an der Spitze: Klar, der Mann hinter dem Kürzel «bn», der bei einem Nichterfolg der seinerzeitigen Kampagne noch seine Arbeitsstelle riskiert hätte.

Das scheinbar Eindeutige war Beat Nützis Welt. Dass auch Schattierungen möglich waren, die traditionellen Parteigewänder etwa zunehmend in den Hintergrund rückten, die politische Korrektheit und die Normiertheit ungeahnte Formen annahmen, die Zeiten änderten, einst vertraute Wahrnehmungen erodierten und geahndete Tempoüberschreitungen Verkehrsbussen nach sich zogen, daran musste er sich gewöhnen. Auch wenn, so vermute ich, der Gewöhnungseffekt nie wirklich durchdrang. Ich glaube, er nahm das alles irgendwie persönlich. Aber: Er war in keiner Weise nachtragend, hatte ein geradezu virtuoses Kurzzeitgedächtnis in dieser Hinsicht, in welchem sich die Gedanken in schneller Folge ablösten. Für Nachhall blieb da nicht viel Raum. Das kann auch ein Glück sein.

Er hatte Sinn fürs Boulevardeske, las den «Blick», empörte sich ob der darin verbreiteten Inhalte, litt mit den Abgebildeten, amüsierte sich über eine Geschichte, wurde dabei manchmal auch nachdenklich. «Blick»-Nichtleser auf der Redaktion konnten seine jeweilige Echauffiertheit nur bruchstückhaft nachvollziehen. Gelegentlich legte er das Blatt dann einer Redaktorin oder einem Redaktor aufs Pult, was nichts anderes hiess als: Nachzug machen, aufgreifen, bringen. Halt einfach in OT-Manier, ohne grosses Aufheben, ohne fette Lettern. Die häufig mit Nachdruck erteilten Aufträge waren ziemlich unbeliebt. Beat Nützi wusste das. Bloss anmerken liess er sich selbstverständlich nichts.

So verdanke ich ihm meinen ersten und einzigen journalistischen Einsatz im Oltner Rotlichtmilieu. Er wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Nicht wegen der 200 Franken, die ich der polnischen und durchaus attraktiven Dame, die mir zuallererst ihre im Stiefelschaft steckende Legitimationskarte zeigte, für die zweistündige Gesprächszeit rüberzuschieben hatte. Ich hab’ die Summe übrigens meinem Privatkonto belastet. Denn seltene Erfahrungen – die bezahlt man selber. Dafür gibt’s keine Cumulus-Karte.

Wer ihn (er)kannte, musste ihn mögen

Wer ihn zu (er)kennen glaubte, musste ihn mögen, den «bn». Er war als Person völlig unkompliziert, und so benahm er sich auch. Er pflegte als Chefredaktor das Prinzip der «offenen Tür», wie er die Praxis nannte. Als ich ihn dies zum ersten Mal sagen hörte, dachte ich: «Ja, ja.» Aber: Er hielt sich daran. Nie ging jemand ungehört aus seinem Büro. Natürlich war man danach nicht immer schlauer. Aber wer löst denn schon ein echtes Problem – einfach so im Handumdrehen?

Und da war noch – sagen wir – ein publizistisches Waisenkind, das «Gäutier», an dem er unbeirrt festhielt, als sei die Uhr stehen geblieben. Ein Relikt aus der Zeit seines Vorgängers. Beat Nützi hat’s in die Neuzeit gerettet. Freitag für Freitag, Woche um Woche, Jahr für Jahr. Ganz in der Überzeugung: Was einmal gut war, bleibt gut. Er dürfte der letzte Waisenvater sein, der das Kind noch ein bisschen weiterpflegt. Dann wird wohl Schluss sein damit, endgültig. Aber um es vornehm zu sagen: Es wäre bei Gott nicht das erste Mal, würde Jahre später etwas aus der publizistischen Mottenkiste hervorgeholt, ein bisschen aufgepeppt und dann ein Revival erleben.

Und was kommt nach dem Karriereende?

Und jetzt? Was wird er tun? Ach, der Privatmensch Nützi verrät nichts, deutet an, äussert sich sibyllinisch. Lässt einen doch eher ratlos zurück. Beruhigend: Er wird mit seinen knapp 63 Jahren irgendwas finden, wer würde daran zweifeln? Damals, als Kind, so berichten Zeitzeugen, fuhr er mit dem einer kleinen Kutsche vorgespannten Pony durch die Schlossgasse bis hinunter ins Mitteldorf Wolfwils und liess die Kinder mitfahren.

Logischerweise gegen einen Batzen oder vielleicht auch deren zwei. Schon damals umtriebig, der Bub. Das ist ihm geblieben, diese Umtriebigkeit, das Unternehmerische, das Mitmischen, und sei’s bloss verbal. Man wird von ihm hören.

Autor

urs huber

urs huber

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