Hägendorf/Tansania

Brauerei stellt um: Statt Bier wird nun Desinfektionsmittel produziert

Der gebürtige Hägendörfer Raphael Flury wanderte vor vier Jahren nach Tansania aus. Weil wegen dem Coronavirus kein Bier mehr verkauft wurde, produziert er nun in seiner Brauerei Reinigungsware.

Wer nach Tansania auswandert und dort Geschäfte aufbaut, sieht seine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf die Probe gestellt. Das wusste Raphael Flury, als er vor vier Jahren die Firma Zanj Spice Ltd. in Sansibar übernahm. Der Jurist aus Hägendorf entwickelt seither das Gewürzunternehmen und die Marke «1001 organic» zur einzigen EU-biozertifizierte Firma in Sansibar. Unterdessen hat er auch die Twiga-Brauerei in Arusha übernommen.

Aber: Seit zwei Monaten steht die Brauerei kopf. Braumeister Damian Mosoka stellt keinen Liter Bier mehr her. Die Twiga-Brauerei ist eine Seltenheit in Tansania, wo überwiegend industrielles Lagerbier in Flaschen konsumiert wird. Die Brauerei verkauft ein ungefiltertes, unpasteurisiertes Fassbier; das Produkt richtet sich an die wachsende Mittelschicht – und die Tourismus-Industrie.

Arusha ist ein Hotspot für Safaris, für Touren zum Kilimandscharo. Doch diese Aktivitäten wurden durch Reiseverbote und dem Grounding der Fluggesellschaften grösstenteils zum Erliegen gebracht. «Wir sehen es an den autoleeren Strassen, aber auch in unseren Geschäftsbüchern: Unsere Verkaufszahlen sind eingebrochen», sagt Flury. Seine Geschäftspartner und er haben deshalb nach einer Lösung gesucht, um ihre Mitarbeiter weiter zu beschäftigen.

Verkauft wird zu einem möglichst tiefen Preis

Flury sah, dass Brewdog, eine der grössten «Craft Breweries» der Welt, ein Handdesinfektionsmittel lancierte. Das Vorhaben hat er nun selbst umgesetzt. «Wir haben nach einer Forschungsphase von etwa zwei Wochen ein Rezept entwickelt, dass sich auf die WHO-Richtlinien stützt», sagt er. Am schwierigsten war aber, sich die nötigen Zutaten zu beschaffen. Apotheken in der Schweiz zeugen davon, dass selbst hier die Beschaffung von Ethanol schwierig war. «Nach einer Woche habe ich zum Glück einen tansanischen Jungunternehmer namens Peter Assenga kennen gelernt.»

Assenga war kurz davor, eine Gin-Destillerie zu eröffnen. Die Coronakrise drohte, das Vorhaben scheitern zu lassen. Die beiden Produzenten spannten zusammen und erhielten kurzerhand eine offizielle Lizenz der tansanischen Zulassungsbehörde. «Wir beliefern aktuell Spitäler, Schulen, Apotheken, Privatleute oder NGO’s im Gesundheitsbereich», sagt Flury. «Wir verkaufen zu einem möglichst tiefen Preis, damit sich die Leute das Produkt leisten können.» In Tansania würden momentan Betrüger von den Sorgen der Bevölkerung profitieren und minderwertige oder falsche Ware teuer verkaufen. «In einigen Retail-Geschäften ist Desinfektionsmittel sechsmal teurer als das unsere.»

«Satanischen» Virus

Allgemein ergibt sich in Tansania ein unübersichtliches Bild. Die Weltgesundheitsorganisation hat Präsident John Magufuli kritisiert, weil dieser sich weigert, strengere Massnahmen zur Bekämpfung des Virus einzuführen und weil zu wenig Tests vorgenommen werden. Noch am 1. Mai ermutigte er zur Arbeit ohne Rücksicht auf gesundheitliche Vorkehrungen. Auch wiederholt Magufuli, dass sich Leute weiterhin in Moscheen und Kirchen versammeln sollten, weil Gottesehrfurcht vor dem «satanischen» Virus schützen soll.

Für Flury ist ein Lockdown einer Wirtschaftsordnung, die stark informell organisiert ist und in der Sozialleistungen kaum vorhanden sind, ohnehin kaum möglich. «In Sansibar haben die meisten Hotels ihre Mitarbeitenden vorübergehend freigestellt. Diese sind nun ohne irgendein Einkommen auf sich alleine gestellt.» Die Twiga-Brauerei unterstützt lokale Initiativen, um Menschen auf die befürchtete Gesundheitskrise vorzubereiten: Ende April hat die Brauerei 3000 Flaschen à 1,5 Liter Desinfektionsmittel für Schulkinder geliefert.

Meistgesehen

Artboard 1