Dulliken

Zum Erfolg gekrabbelt: Das Frühförderungsprogramm wird zum festen Bestandteil der Gemeinde

Der Dulliker Gemeinderat ist vom Projekt überzeugt. Er ist stolz ein Angebot für Kinder von 0 bis 16 Jahre zu haben.

Ein kleines Kind krabbelt quer durch den Raum, ein etwa zweijähriges Mädchen spielt mit einem gleichaltrigen Kind im aufgestellten Zelt, in einer Ecke stillt eine Mutter ihren Säugling und junge Eltern unterhalten sich miteinander. Dieses Bild präsentiert sich jeden zweiten Dienstag im Altersheim Brüggli in Dulliken.

Die «Krabbelgruppe» wurde 2016 ins Leben gerufen. Initiiert durch den Schulleiter Frank Müller, den Gemeindevizepräsidenten Martin Wyss und Andrea Bolliger, der heutigen Leiterin der Frühen Förderung Dulliken. «Wir haben bemerkt, dass die Kinder immer unvorbereiteter in den Kindergarten kommen», erklärt Müller.

Dann sei es oft schon zu spät, die Defizite aufzuholen. «Es geht hier um grundsätzliche Sozial- und einfache Lebenskompetenzen: wie sich selbstständig die Schuhe auszuziehen oder eine Frustrationstoleranz zu haben, um beispielsweise den Umgang mit Schere und Leim zu lernen», so der Schulleiter.

Wyss erklärt die Sicht der Gemeinde: «Dulliken ist eine heterogene Gemeinde mit einem relativ hohen Ausländeranteil. Wir müssen mehr als andere Dörfer für den Zusammenhalt und die Integration machen. Die Beobachtung wurde gemacht, dass die jungen Eltern die wenigen bestehenden Angebote kaum nutzten. So besuchten nur etwa ein Drittel der Kinder im Vorschulalter die Spielgruppe.

Als Resultat waren die Eltern kaum miteinander vernetzt und einige Kinder traten mit schlechten Deutschkenntnissen oder Sozialkompetenzen in die Schule ein. «Wir hätten auch einfach über die Umstände wettern können, aber wir wollten etwas dagegen unternehmen», so Wyss. Im Kanton Solothurn wird Frühförderung stiefmütterlich behandelt. So nahm die Gemeinde Dulliken vor vier Jahren eine Pionierrolle ein.

Eine Arbeitsgruppe für die Frühförderung wurde gebildet

Im Sommer 2015 wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, um diesen Problemkomplex zu lösen. Andrea Bolliger und Brigitte Bühler leiteten diese Gruppe. Bolliger hat selber erlebt, wie wenige Angebote für junge Eltern in Dulliken existierten: «Für mich und meine Kinder gab es nichts dergleichen in der Gemeinde und ich habe das damals vermisst.»

Die zwei Frauen wollten ein Angebot entwickeln, bei dem die Kinder mit gleichaltrigen spielen können, gekoppelt mit niederschwelliger Elternbildung. Zuchwil sei die einzige Gemeinde, die ein vergleichbares Angebot hat. Von deren Wissen konnte auch die Dulliker Arbeitsgruppe profitieren. So ist die Krabbelgruppe entstanden: Jeden zweiten Dienstag können Kinder zwischen null und fünf Jahren im Froburgsaal im Brüggli miteinander spielen.

Nicht nur die Kinder auch die Eltern werden unterstützt

Die Gastgeberin Branka Lovric bereitet den Raum vor. Die Spielsachen sind schon bereit, wenn die kleinen Gäste kommen. «Ich kann beobachten, wie durch diese Gruppe Freundschaften unter den Eltern und den Kindern entstehen», sagt Lovric zufrieden. Meistens sind zwischen 10 und 20 Kinder anwesend.

Manchmal kommen die Kinder mit den Grosseltern, manchmal mit dem Vater oder der Mutter. Helen Schneider steht ihr zur Seite. Die Heilpädagogin hilft den Kindern, sich in die Gruppe zu integrieren. «Es gibt immer mehr Einzelkinder. Auch sie sollen mit Gleichaltrigen spielen können», sagt Schneider.

Eltern würden sich auch an sie wenden, wenn sie sich um die Entwicklung ihres Kindes sorgen: «Viele Eltern fragen mich, ob es normal sei, wenn ihr Kind ab einem bestimmten Alter noch nicht reden kann.»
Gleichzeitig zur Krabbelgruppe findet die Mütter- und Väterberatung satt. Regina Willemer berät junge Eltern unter vier oder sechs Augen in verschiedene Belangen wie Ernährung, Pflege, Erziehung und vieles mehr.

Willemer macht das schon über 30 Jahren. «Jetzt kommen junge Eltern zu mir, die ich schon als Säuglinge kennen gelernt habe», meint sie. Sie findet das Angebot der Krabbelgruppe sehr wichtig, da so die Integration der Kinder und der Eltern unterstützt wird. Dass die Beratungen am gleichen Standort stattfinden, wo sich die Krabbelgruppe trifft, hat Bolliger bewusst so gewählt und ist ein Bestandteil des Konzepts.

Miteinander auf Schweizerdeutsch spielen

«Ich komme mit meiner Tochter hierher, damit sie mit anderen Kindern auf Schweizerdeutsch spielen kann», erklärt eine junge Mutter. Ihre zweijährige Tochter habe zwar noch einen älteren Bruder, aber die Mutter will, dass ihre Tochter auch mit fremden Kindern spielt. Ausserdem würde zu Hause mit den Kindern Italienisch gesprochen. In der Krabbelgruppe spricht die Kleine Schweizerdeutsch.

Ein Vater ist heute zum ersten Mal mit seinen zwei Kindern hier. Sein Sohn steht verlegen neben ihm und beobachtet das Treiben aus der Ferne. «Mir wurde heute Morgen in der Spielgruppe gesagt, dass die Krabbelgruppe heute stattfindet», erklärt er. So hat er sich spontan entschlossen, seine Kinder hierherzubringen.

Das Angebot ist für die Gemeinde nicht gratis, lohnt sich aber

Ein niederschwellig Angebot war für die Arbeitsgruppe wichtig: Keine Anmeldung ist vonnöten und der Besuch ist gratis. «Nein, natürlich ist es nicht gratis», meint Wyss. Der Gemeinde kostet dieses Angebot 35000 Franken pro Jahr. Die letzten drei Jahre haben gezeigt, dass dieses Geld gut investiert ist. Schulleiter Müller bestätigt, dass die Kinder jetzt besser vorbereitet in die Schule kommen.

Auch die anderen Angebote würden besser genutzt. Heute besuchen etwa 90 Prozent aller drei- bis vierjährigen die Spielgruppe. «So entsteht ein guter Zusammenhalt unter den Kindern und den Eltern», sagt Bolliger.

In der letzten Gemeinderatssitzung wurde beschlossen, das Pilotprojekt zu einem festen Bestandteil der Gemeinde zu machen. Gemeindevizepräsident Wyss meint stolz: «Wir haben jetzt in unserer Gemeinde ein Angebot für Kinder zwischen 0 und 16 Jahren.»

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Autorin

Judith Frei

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