Prozess

Volg-Räuber von Obergösgen steht nach kuriosem Überfall vor Gericht

Volg-Räuber von Obergösgen steht nach kuriosem Überfall vor Gericht

Volg-Räuber von Obergösgen steht nach kuriosem Überfall vor Gericht

Im Juli 2018 überfiel ein Mann den Volg in Obergösgen. Der Räuber stellte sich kurz nach der Tat selbst. Vor Gericht am Mittwoch wurde klar, warum sich der 51-Jährige selbst preisgab.

Für den Überfall auf Obergösger Volg-Filiale im Juli 2018 sieht die Staatsanwaltschaft den Tatbestand des Raubs erfüllt.

Die Verteidigung beantragte an der Hauptverhandlung vom Mittwoch, dass Antonio A.* auferlegten therapeutischen Massnahmen eingestellt sowie für die 128 Tage Untersuchungshaft 25'600 Franken Entschädigung und 6000 Franken Genugtuung an den Beschuldigten ausbezahlt werden sollen.

Der von keiner Partei bestrittene Tathergang geht so: Antonio A. betritt am 26. Juli 2018 in Obergösgen den Volg, nimmt zwei Dosen Bier aus dem Regal, schreitet zur Kasse und sagt zu den Verkäuferinnen Nuria G.* und Doris K.*: «Überfall, gib Geld.»

Die sich unter A.’s T-Shirt abzeichnende Taschenlampe könnte eine Waffe suggeriert haben, und in der Hand hielt er ein blaues Taschenmesser, das aber geschlossen blieb. Allzu viel Autorität scheint der ungebetene Kunde jedoch nicht ausgestrahlt zu haben, denn er kam den Verkäuferinnen vor wie ein Bluffer, der offenbar kein Geld hatte, die zwei Bier zu bezahlen. Aufgrund dieser Einschätzung öffnete Doris K. die Kasse und wollte A. zehn Franken für das Bier geben. Der aber griff selber in die Kasse, nahm Bargeld in der Höhe von Fr. 1200 an sich und machte sich auf seinem E-Bike aus dem Staub.

So einfach und klar die Anklageschrift das Geschehen schildert, so herausfordernd ist für das Amtsgericht die Beurteilung. Ein Gutachten stellte nämlich bei Antonio A. Schuldunfähigkeit fest, weil er bei der Tat eine wahnhafte Psychose, ausgelöst durch Kokainkonsum, durchlebt haben soll. Der viermonatigen Untersuchungshaft folgten deshalb Ersatzmassnahmen in Form einer Suchtbehandlung. A. ist mittlerweile weg vom Kokain, erhält jedoch Medikamente, die ihrerseits in eine Abhängigkeit führten, die er gemäss seiner Aussage kaum «vom einen auf den anderen Tag» loswürde. Immerhin, die Medikamente wirken sich positiv aus bezüglich der chronischen Schulterschmerzen, verursacht durch einen vor einigen Jahren erlittenen Arbeitsunfall, der ihn zum IV-Rentner und Sozialhilfebezüger gemacht hatte.

Endlich Gehör verschaffen

Für A. war der Überfall auf den Volg das allerletzte Mittel, um sich endlich, endlich Gehör zu verschaffen in einer Welt voller Ahnungslosen. Er wollte damit ein Strafverfahren provozieren, um den ersehnten Anwalt zur Seite gestellt zu bekommen. Schon lange vor der Tat hatte er begonnen, sich missverstanden zu fühlen. Er war in dem festen Glauben, dass die Polizei ihn des Drogenhandels verdächtigte und deshalb sein Handy überwachte. Ein Anwalt, so glaubte er, könnte die Probleme aus der Welt schaffen.

Auf dem Polizeiposten in Olten und auf der Gemeindeverwaltung seines Wohnorts Obergösgen fühlte er sich nicht ernst genommen, worauf er den Entschluss fasste, durch einen Überfall sein vermeintliches Recht auf anwaltlichen Beistand zu erzwingen. Antonio A. ging so weit, dass er das Geschehen rund um den Volg-Überfall mit seinem Handy filmte und mit Kommentaren versah. Und nicht zuletzt fuhr er nach der Tat nach Aarau, um sich bei der Polizei zu stellen.

Staatsanwaltschaft anerkennt Schuldunfähigkeit

Gleichzeitig sieht die Staatsanwaltschaft aber den Tatbestand des Raubs erfüllt und fordert stationäre Massnahmen bei der Suchtbehandlung, auch, weil eine Rückfallgefahr bestehe. Diese Rückfallgefahr bezeichnete die Verteidigung indes als «Kaffeesatzlesen». A. sei zum Zeitpunkt des Geschehens ein «komischer Cheib gewesen, aber er ist kein Räuber und keine Gefahr für uns».

Der Beschuldigte, dem vor Gericht die Ehre des letzten Worts zufällt, beteuerte, «Mist gebaut» zu haben, «es tut mir leid, und ich bereue es zutiefst, es war der grösste Fehler meines Lebens». Seine im Gerichtssaal anwesende Frau weinte und schnäuzte sich hörbar die Nase, und draussen auf dem Gang weinten die beiden gemeinsam weiter.

Das Urteil wird am 12. August verkündet.

* Name von der Redaktion geändert

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