Erlinsbach

«Viele Ungerechtigkeiten sieht man erst im Nachhinein»: Ein Gespräch mit der Pionierin Ruth Grossenbacher

Ruth Grossenbacher-Schmid war die erste Frau im Erlinsbacher Gemeinderat. Darauf folgte eine nationale politische Karriere bis an die Spitze. Ein Gespräch über ihre politische Karriere und Frauen in der Schweiz.

Im Stadttheater Olten verlieh der Kanton Solothurn letzten November seine Kunst-, Fach- und Anerkennungspreise. Mit unter den Ausgezeichneten war Ruth Grossenbacher, die den Anerkennungspreis erhielt. Um das Engagement der 83-Jährigen ehemaligen CVP-Politikerin aufzuführen, müsste man ein Buch schreiben. Zu ihrem Preis sagt sie: «Ich hätte meine Karriere ohne Unterstützung nie machen können.» Der Preis sei somit nicht nur ihr Preis, sondern auch eine Auszeichnung für all diejenigen, die sie unterstützt haben: «Ich hatte immer die volle Rückendeckung von meinem Partner. Es ist wichtig, dass man sich nicht vor jeder Sitzung rechtfertigen muss, warum man aus dem Haus geht.»

Das Gespräch mit Ruth Grossenbacher findet in ihrem Haus in Erlinsbach statt, dort wo ihre politische Karriere angefangen hat. Als 1971 das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, war sie schon seit 1969 Präsidentin der Kindergartenkommission in ihrer Heimatgemeinde Erlinsbach. «Schon vor dem Stimmrecht konnten Frauen auf Gemeindeebene in Kommissionen arbeiten», erklärt sie. Für dieses Amt wurde die Englischlehrerin angefragt. «Ich fand es wichtig, dass Erlinsbach einen eigenen Kindergarten bekommt», begründet sie ihre Motivation.

1973 kandidierte sie für den Gemeinderat und wurde sofort gewählt. Nun war sie die erste Frau in diesem Männergremium. «Nein, ich hatte keine Angst davor, nur mit Männern zusammenzuarbeiten», antwortet sie auf die entsprechende Frage. Dann zögert sie und fügt an: «Ich hatte grossen Respekt vor der Aufgabe, aber nicht vor meinen Arbeitskollegen. Wieso soll ich vor Männern mehr Respekt haben als vor Frauen?» Sie habe von Anfang an gesagt, dass sie nicht nur zum Kaffeemachen im Gemeinderat sei. Sie habe sich auch nie davor gescheut, nach Hilfe zu fragen. «Grosse Aufgaben bewältigt man am Besten im Team», so Grossenbacher.

Nach der Heirat wurde sie zur ‹Verweserin›

Politisiert wurde sie durch ihre Hochzeitserfahrung. «Als ich 1961 heiratete, habe ich meinen Namen verloren, mein Bürgerrecht verloren und ich war auch nicht mehr als Lehrerin wählbar»,
erklärt sie. Denn nach ihrer Heirat war sie eine sogenannte ‹Verweserin›, konnte nur noch Stellvertretungen machen. Diese Ungleichbehandlung wurde erst 1988 mit dem neuen
Eherecht aufgehoben. Als Lehrerin hat sie nach dem Seminar 25 Prozent weniger Lohn verdient als ihre männlichen Kollegen. Damals habe sie sich nicht aktiv gegen diese Missstände gewehrt. «Viele Ungerechtigkeiten sieht man erst im Nachhinein», meint Grossenbacher.

1981 trat sie aus dem Gemeinderat aus und wurde Mitglied des Verfassungsrats. Dieser hatte die Aufgabe, die neue Verfassung des Kantons Solothurn zu erarbeiten und diente als Karrieresprungbrett für Grossenbacher.

In den 1980er-Jahren wurde sie Präsidentin der CVP-Frauen Solothurn und später der CVP-Frauen Schweiz. Diese Gruppen wurden gegründet, damit sich Frauen vernetzen. Dank diesen Gruppen konnten sie sich innerhalb der Partei besser positionieren und bei Vernehmlassungen mitreden oder Bundesratskandidatinnen aufstellen. «Die Männer hatten das Militär und Berufsverbände, um ihr Netzwerk aufzubauen. Die Frauen hatten nichts dergleichen», erklärt Grossenbacher.

«Ich bin eine grosse Verfechterin des Milizparlaments»

1991 dann der Sprung in den Nationalrat. Bereits nach der ersten Legislatur wurde sie 1995 Präsidentin der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Dort machte sie sich als Bildungs-, Sozial- und Kulturpolitikerin einen Namen. «Ich bin eine grosse Verfechterin des Milizparlaments», erklärt sie und fügt an, dass sie dank ihrem Beruf Probleme erkannt hat: So sei die Motion für ‹Berufliche Aus- und Weiterbildung der Frauen› entstanden. Als Berufsschullehrerin habe sie festgestellt, dass nur vereinzelt junge Frauen eine Berufsmaturität anstrebten. Mit diesem parlamentarischen Instrument wollte sie dazu beitragen, dass Frauen sich der Wichtigkeit von Bildung bewusst werden. Schweizweit bekannt wurde sie in dieser Zeit als ‹politische Gotte› von Ruth Metzler.

«Was mir sehr gut in Erinnerung blieb, ist meinen Einsatz als Wahlbeobachterin in Südafrika.» 1994, nachdem das Apartheidregime gestürzt und erste Wahlen abgehalten wurden, konnte sie unter dem Protektorat der UNO nach Südafrika reisen. Für sie war das speziell, da sie in Kapstadt auf die Welt kam und ihre ersten Lebensjahre in diesem Land verbrachte.

Auch nach der Zeit im Parlament blieb sie aktiv

Nach ihrer Zeit im Parlament hat sie die Schweiz als Generalkommissärin an der Weltausstellung Expo2000 in Hannover vertreten. 2002 wurde sie Präsidentin von ‹Präsenz Schweiz›, eine Organisation, die das Image der Schweiz im Ausland verbessern soll. Schon während ihrer Zeit im Parlament und noch bis 2005 war sie zudem Präsidentin der Gesellschaft Solothurner Filmtage. Ausserdem war sie Präsidentin des Beratungsorgans ‹Chancengleichheit an der Fachhochschulen›. «Deine grossen Erfolge kamen eigentlich erst nach der Zeit im Parlament», resümiert ihr Mann Rolf Grossenbacher.

Und wie steht es heute mit der Gleichstellung der Frau? Bei dieser Frage überlegt sie lange und antwortet lachend: «They are late but they are running fast.» – Die Frauen sind spät, aber sie rennen schnell. Dieses Thema sei noch nicht abgeschlossen, aber Fortschritte seien da. «Wir haben hier in Erlinsbach Solothurn sowie auch auf der Aargauer Seite Frauen an der Gemeindespitze», erwähnt sie. Auch auf nationaler Ebene habe es noch nie so viele Frauen im Parlament gegeben. Dies sei ein Folge des Frauenstreiktags im letzten Sommer: «Dieser Tag war ein Ausdruck von Solidarität unter Frauen und gab den Frauen eine Stärke, gehört zu werden. Und der Erfolg zeigte sich bei den Wahlen.»

Heute lebt Grossenbacher wieder im Haus ihrer Eltern – Sicht auf die Aare. «In diesem Haus konnte ich immer zur Ruhe kommen», erklärt sie und zeigt am Fenster stehend, welchen Spazierweg sie am Liebsten geht. Ganz zur Ruhe gesetzt hat sie sich aber nicht. Noch immer ist sie in der Cäsar von Arx Stiftung dabei und verfolgt auch genau, was in der Schweizer Politwelt passiert.

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Autorin

Judith Frei

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