Bauernhausforschung

Überraschend viele alte Häuser sind im Kanton Solothurn zu finden

In diesen Tagen untersucht die Schweizerische Bauernhausforschung alte Häuser im ganzen Kanton. Dendrochronologische Untersuchungen sollen Klarheit über das Alter der Häuser geben. Wir haben die Historiker in Altreu und in Rohr bei der Arbeit beobachtet.

Die Schweizerische Bauernhausforschung untersucht – wie ihr Name sagt – seit 1965 mit der finanziellen Unterstützung der Kantone und des Schweizerischen Nationalfonds die Schweizer Bauernhäuser.

Sie gibt darüber eine Buchreihe heraus, in der heute 33 der geplanten 36 Bände «Die Bauernhäuser der Schweiz» realisiert wurden. In diesen Bänden wurden bisher alle Kantone behandelt – alle ausser dem Kanton Solothurn.

Momentan ist eine Forschergruppe daran, die Solothurner Bauernhäuser zu erforschen, um diese in einem weiteren Band beschreiben zu können. «Dabei wird das ganze Kantonsgebiet erarbeitet», sagt der Leiter der Forschungsgruppe, Benno Furrer aus Zug. Und er hält fest: «Es wird keine flächendeckende Inventarisierung bäuerlicher Wohn- und Wirtschaftsformen geben. Entstehen wird aber eine Dokumentation ländlicher Bauten im gesamten Kantonsgebiet.»

Konkret werden 15 Objekte aller Epochen und aller Gegenden genauer in Monografien vorgestellt. Ein Vorgehen, wie es in den Bänden über andere Kantone ebenfalls angewandt wurde.

Diese Woche war das fünfköpfige Forscherteam im Kanton Solothurn an der Arbeit, vor allem die dendrochronologischen (s. Kasten) Untersuchungen an den Gebäuden vorzunehmen. Unter ihnen der gebürtige Oltner Roland Flückiger, der als freischaffender Architekturhistoriker in Bern lebt und arbeitet.

Er berichtet, wie er durchs Kantonsgebiet reist und nach den herausragendsten Objekten sucht. «In Dornach stiess ich auf die vorläufig wohl ältesten Bauteile eines Bauernhauses im Kanton. Holz von 1499 wurde dort verbaut, dem Jahr der Schlacht von Dornach also.»

Das typische Solothurner Haus?

Hochstudhäuser sind typisch für das Schweizerische Mittelland, auch für den Kanton Solothurn. Je weiter man aber Richtung Jura vorstösst, desto mehr Stein wurde verbaut, erklären die Fachleute. Die mächtigen Dächer der Häuser wurden mit Stroh, in der Regel mit Roggenstroh, eingedeckt. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist das alte Taunerhaus in Rohr.

Das typische Solothurner Haus über das ganze Kantonsgebiet hinweg gibt es nicht. Hingegen ein paar regional geprägte, eigenständige Bauformen. So beispielsweise das Gäuer Haus, welches man in den Dörfern des Aaregäu noch heute findet, die Bauernhäuser im Bucheggberg oder die Bauernhäuser im Schwarzbubenland, die sich dem Baselbieter Stil anlehnen.

In Rodersdorf kann man gar Elsässer Einfluss entdecken. «Sehr interessant sind zudem noch die vielen Berghöfe, die oft noch in originalem Zustand sind», sagt Benno Furrer, der sich vorwiegend dieser Bauten annimmt. Er erwähnt den Obergrenchenberg oder das Rotmättli beim Scheltenpass auf Beinwiler Gebiet. Wenig originale Bausubstanz fand Flückiger im Thal.

Gebäudeversicherung «schuld»

Die Einführung und die Bedingungen der Gebäudeversicherung vor rund 150 Jahren hatte grossen Einfluss auf die Architektur der Bauernhäuser. Man versuchte, die Bauherren auf ein Umschwenken von Stroh- zu Ziegeldächern zu gewinnen.

«Das ging so weit, dass man von den Strohdachbesitzern das Doppelte an Versicherungssumme verlangte, als diejenige für die Ziegeldachbesitzer», weiss Furrer. Viele Hausbesitzer änderten deshalb ihre Dächer; andere Hausformen wurden gebaut.

Bemerkenswert ist aber: Der Kanton Solothurn war bei der Durchsetzung der Gebäudeversicherungsvorgaben nicht so streng wie andere Kantone. So hat sich beispielsweise im Bucheggberg die traditionelle Dachform lange erhalten.

Wie man früher ein Haus baute

Im Kanton Solothurn sind noch erstaunlich viele alte Bauernhäuser in fast allen Dörfern anzutreffen. Viele Häuser wurden nach Tradition und Kunst der Zimmerleute ohne Plan erstellt. Alte Pläne existieren in der Regel nur von Hausbauten, bei denen es Streitigkeiten gab. Zimmerleute und Maurer arbeiteten oft weit ausserhalb ihres Wohngebietes.

Heute ist sichtbar, dass es eigentliche Zimmer-Dynastien gab, denn immer wieder sind Häuser in der gleichen Bauform über grössere Gebiete hinaus entstanden. Ein Bauherr hatte – im Gegensatz zu heute – nicht viel Einfluss auf die äussere Gestaltung seines Hauses. Er musste lediglich eine ausreichende Menge Holz beschaffen.

Das Holz wurde in der Regel im Winter geschlagen und im darauffolgenden Sommer verbaut. Der Bauherr gab seine Grund-Bedürfnisse bekannt und das Haus wurde errichtet. «Ein Hausbau war bestimmt immer eine Dorfangelegenheit», erzählt Flückiger. Wie genau aber die Häuser aufgerichtet wurden, ist bis heute nicht bekannt, da es keine schriftlichen Überlieferungen gibt.»

Ausgewählte Objekte bekannt

Flückiger hat inzwischen alle für die Monografie infrage kommenden Häuser «vor dem Berg» angeschaut. Diejenigen des Wasseramtes und des Bucheggbergs wurden bereits von der Solothurner Denkmalpflege untersucht. Jetzt bleiben noch Thierstein und der Bezirk Dorneck.

«Im Lauf der Jahre entwickelt man ein ‹Gspüri› für die alten Häuser. Vielfach muss ich mich durchfragen, bei Gemeindebehörden und Lokalhistorikern», berichtet Flückiger über seine Vorgehensweise. Im Grossen und Ganzen komme er immer in die Häuser; ganz selten wolle jemand von der Bauernhausforschung nichts wissen. «Aber heute sind die Hausbesitzer kritischer als früher. Sie wollen ganz genau wissen, was wir da tun.»

Bis Ende 2018 sollen die Berichte für die Publikation fertig erstellt sein – solange läuft auch der Nationalfonds für das Projekt. 2019 soll das Buch publiziert werden. Insgesamt steht ein Projektkredit von 674 000 Franken zur Verfügung; daran leistet der Kanton Solothurn 60 Prozent. 40 Prozent übernimmt der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1