Eisenbahnbau

Träume von nie gebauten Tunnels durch Graubünden

Das neue Buch von Luzi C. Schutz zur Ostalpenbahn.

Das neue Buch von Luzi C. Schutz zur Ostalpenbahn.

Wäre jemals eine «Ostalpenbahn» realisiert worden, würde das Niederamt kein künftiger Transitkorridor nach Süden.

wei gehörnte Kraftprotze in Schwingerpose: Die Karikatur aus der Solothurner Satirezeitschrift «Der Postheiri» von 1853 zeigt humorvoll das Ringen um die Alpenbahnfrage. Auf der einen Seite stehen die Vertreter der Gotthardbahn, gekennzeichnet durch die Wappen der Kantone Basel und Uri. Links stehen die Befürworter eines Alpendurchstiches am Lukmanier, die durch den Ingenieur La Nicca aus Graubünden und eines Standesvertreters von Zürich erkennbar sind. Was mit der Überschrift «Der Hosenlupf des Gotthards und Lukmaniers» wie ein kurzer, sportlicher Wettstreit beschrieben wird, war ein über Jahrzehnte dauerndes Ringen um Geld und Gunst.

Der Historiker Luzi C. Schutz (33) aus Filisur GR hat im Rahmen seiner Masterarbeit bei Prof. Tobias Straumann an der Universität Zürich die Geschichte der Ostalpenbahn erforscht. Seine Erkenntnisse liegen nun in überarbeiteter Form als Buch vor, das im Rahmen der Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte erschienen ist. Das Staatsarchiv Graubünden als Herausgeberin legt einen qualitativ hochwertigen Band über ein wechselvolles Stück Schweizer Eisenbahngeschichte vor.

Als am 9. Juni 1856 die Bahnstrecke von Olten durchs Niederamt bis vor die Tore Aaraus eröffnet wurde, gab es in Graubünden bereits ausgereifte Pläne für einen Alpendurchstich. Vor allem der Ingenieur Richard La Nicca (1794-1883) hatte verschiedene Streckenvarianten durch Graubünden, den «Ostalpen», ausgearbeitet. Er plante erst einen Durchstich am San Bernardino, danach am Splügen, um sich schliesslich auf eine Lukmanierstrecke zu fokussieren. Bis Anfang der 1860er-Jahre sah es danach aus, als würde eine Schweizerische Transitbahn durch Graubünden führen. Erst das Umschwenken von Alfred Escher und dessen Nordostbahn rückte den planerisch weitaus weniger ausgereiften Gotthard in den Vordergrund. Die Folgen sind bekannt: 1882 wurde die Gotthardbahn eröffnet, eine Ostalpenbahn wurde nie realisiert.

Schutz weist auf die epochale Bedeutung von Willem Jan Holsboer (1834-1898), der eine Umkehr in der Bündner Eisenbahnfrage bewirkte. Satt einem aussichtslosen Projekt wie der Ostalpenbahn nachzutrauern, betrieb er die Erschliessung des Kantons auf der Schmalspur. Daraus ging später die Rhätische Bahn (RhB) hervor.

Ostalpenbahn hätte Folgen für das Niederamt gehabt

Für das Niederamt hätte ein Alpendurchstich in Graubünden weitreichende Konsequenzen bis in die Gegenwart gehabt. Eine direkte Verbindung von Amsterdam nach Rom, wie sie unlängst der deutsche Verkehrsminister unter dem Namen TEE 2.0 propagierte, würde nicht wie darin vorgesehen durchs Niederamt führen. Direkt von Basel nach Aarau und weiter zur Südbahn geleitete Züge wären ohne den Gotthard nicht denkbar.

Der Autor hat sehr fundiert geforscht. Dennoch sieht er seine Arbeit erst als Vorläuferin einer noch zu verfassenden Darstellung. «Die ganze Geschichte der Ostalpenbahn muss noch geschrieben werden.» Es ist zu hoffen, dass sich Schutz bald dieser Aufgabe annimmt.

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