Mitten im Raum steht ein hüfthoher Springbrunnen aus Stein. Der Raum ist in Erdtönen gehalten, eine Ecke ist farbigen, handgewobenen Teppichen vorbehalten, in einem anderen werden sorgfältig gestaltete Lampen ausgestellt. «Dieser Raum soll eine Oase der Sinne sein», sagt Jeannette Lerch. Tatsächlich: Es riecht nach Zedernholz, im Hintergrund sind stets orientalische Klänge und das Plätschern des Brunnens zu hören.

Dieser Raum befindet sich oberhalb von Lostorf und ist Teil der Galerie Darkoum, die Lerch 2004 aufgebaut hat. Die 70-Jährige wollte damals ein Stück ihrer zweiten Heimat Marokko in die Schweiz holen. «Die Farben, die Stoffe, die Muster, das Zuschlagen der grossen Türe aus Zedernholz: Diese Dinge lösen bei mir Heimatgefühle aus», sagt sie.

Zweite Heimat in Nordafrika

Betritt man Lerchs «Oase der Sinne», kommt man nicht darum herum, sich weit weg von der Schweiz zu fühlen. «Viele sagen, wenn sie mich besuchen, sei das wie eine kleine Auszeit aus dem Alltag», sagt die Kunstmalerin. Ihren Gästen serviert Lerch in den marokkanischen Räumen gesüssten, kalten Pfefferminztee auf einem mit goldenen Ornamenten verzierten Tablett.

Die Liebe zu Marokko entstand bei der Künstlerin bereits in der Kindheit: «Meine Eltern waren sehr teppichverbunden», sagt Lerch schmunzelnd. Ihre fünf silbernen Reife am Arm klimpern beim Sprechen fröhlich mit. So sei sie schon damals in Kontakt gekommen mit der orientalischen Kultur. «Meine erste Reise nach Marokko war ein Nachhausekommen für mich.»

Mehr als 25 Jahre lang pendelten Jeannette Lerch und ihr Mann René zwischen der Schweiz und Marrakesch. «Es ist eine wunderbare Kultur», erzählt die dreifache Mutter und berichtet von den schwesterlichen Freundschaften, die sie in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, von den Momenten der Ruhe und Besinnung im nordafrikanischen Land oder von den Schwierigkeiten mit der so fremden Bürokratie. Dennoch: Der Liebe zu Marokko hat keine Widrigkeit Abbruch getan. «Es ist dort nicht alles in Ordnung. Aber die arabische Kultur hat sehr viele schöne Seite», sagt Lerch und dreht den grossen, silbernen Ring mit dem dunkelroten Stein an ihrem Finger. Dabei fallen die vielen Zweige und kleinen Blätter auf, die seit über 25 Jahren ihre Finger zieren. «Die Tattoos haben eine besondere Wirkung. Sie sollen mir Glück und Kraft bringen, für alles, das ich mit meinen Händen anpacke», erklärt sie.

Gestochen wurde ihr der Hautschmuck aus hygienischen Gründen aber in der Schweiz.
Im Frühling dieses Jahres fand das Leben in den beiden Kulturen Marokko und Schweiz ein Ende: Das Haus in der Grossstadt Marokkos hat das Ehepaar Lerch verkauft. Ihr Lebensmittelpunkt soll für die nächste Zeit in Lostorf sein. Die nach marokkanischem Vorbild gestalteten Räume ihrer Galerie Darkoum können Jeannette Lerch über ihr Fernweh hinwegtrösten. «Hier bin ich nie alleine, sondern umgeben von den Künstlern, die diese Stücke angefertigt haben.» Allesamt seien die Laternen, Schalen, Stoffe, Teppiche, Schmuckstücke, Antiquitäten oder Möbel Einzelstücke. Lerch: «Ich will den Schweizern Dinge zeigen, die man als gewöhnlicher Tourist nicht zu sehen bekommt.» Das schätze ihre Kundschaft.

«Jedes Bild hat eine Geschichte»

Neben der Liebe zu Marokko widmet sich Lerch derzeit besonders intensiv ihrer Liebe zur Malerei: Nachdem sie rund 25 Jahre lang als Keramikkünstlerin gearbeitet hatte, gehört ihre Aufmerksamkeit derzeit voll und ganz den Bildern im Stile des Realismus und den Bronzeskulpturen. Vergangene Woche eröffnete die Lostorferin ihre neue Ausstellung «Augen-Blicke» — in ihrer Galerie. Sie habe bereits früh gewusst, wie man malt. «Jedoch konnte ich in meinen jüngeren Jahren einen eigenen, aussagekräftigen Stil entwickeln», sagt Lerch.

Durch die Erfahrungen und die Reisen in fremde Kulturen habe sich dies verändert. Heute möchte sie mit ihren Bildern von gewöhnlichen Spatzen auf einer Wäscheleine oder von einem Zebra in ungewöhnlicher Umgebung zum Nachdenken anregen. «Jedes Bild und jede Skulptur hat eine Geschichte», sagt sie. So wie auch jede Antiquität viel zu erzählen habe.