Vor dem stattlichen ehemaligen Bauernhaus in Lostorf steht ein kleines Bienenhaus aus altem, dunklen gebeizten Holz. Sandra Cagnazzo muss beim Eintreten durch die niedrige Tür den Kopf etwas einziehen. Schon ist das Summen der Bienen zu hören. Wie lange sie schon Imkerin ist, kann Cagnazzo nicht beziffern. «Ich bin sehr schlecht mit Zahlen», meint sie entschuldigend. Eines ist aber sicher: Die Leidenschaft für die gelb-schwarz gestreiften Insekten hat sie von ihrem Grossvater. «Ich bin hier auf dem Hof aufgewachsen und habe meinen Grossvater oft zu den Bienen begleitet.» Heute lebt sie zusammen mit ihrem Vater, ihrem Bruder, deren Partnerin, einer Katze, einem Hund und vier Alpakas im Generationenhaus.

Als der Grossvater der Imkerarbeit altershalber nicht mehr nachkommen konnte, stand die Frage im Raum: Wer führt die Tradition weiter? Cagnazzos Mutter startete zuerst einen Versuch. «Doch sie vertrug es nicht, wenn sie von den Bienen gestochen wurde», sagt Sandra Cagnazzo. Schliesslich habe sie sich selbst entschieden, die Ausbildung zur Imkerin zu machen. «Für mich war einfach klar: Zu diesem Haus gehört ein belebtes Bienenhaus.»

«Es het, solangs het»

Cagnazzo kümmert sich derzeit um zehn Bienenvölker — «ich bin also eine Standard-Imkerin». Zwei bis drei Stunden pro Woche verbringt sie mit ihren Bienen, daneben arbeitet sie als Pflegedienstleiterin im Alters- und Pflegeheim Brüggli in Dulliken. Pro Volk kann Cagnazzo jährlich 15 bis 20 Kilogramm Honig ernten. Das flüssige Gold verkauft sie im Hofladen des Buechehof in Lostorf, in einer Bäckerei oder direkt an ihrer Haustüre. Davon leben kann die 55-Jährige nicht: «Da es mein Hobby ist, bin ich nicht auf den Ertrag aus dem Honigverkauf angewiesen.» Ihre Stammkunden kommen dennoch jedes Jahr wieder vorbei und kaufen ihr den Lostorfer Honig ab. Aber: «Es het, solangs het», sagt Cagnazzo und lacht.

Neben ihren eigenen Bienen — insgesamt sind es über eine halbe Million — ist Cagnazzo aber auch um die Imker und deren Völker im Kanton Solothurn besorgt: Vor drei Jahren wurde sie ausserdem zur Präsidentin des Solothurnischen Bienenzüchter-Verbands gewählt. Dieser beinhaltet elf regionale Vereine. So auch denjenigen des Niederamts, den Cagnazzo seit sechs Jahren präsidiert. Ihre Aufgabe sei es, den Imkern unterstützend zur Seite zu stehen, Probleme anzugehen und Informationen für die korrekte Imkerarbeit zu liefern. Ausserdem organisiert der Verein Kurse für Nachwuchsimker.

«Im Niederamt sind 61 Imker registriert», erklärt die Vereinspräsidentin. Mit 614 Bienenvölkern weise die Region deshalb eine hohe Bienendichte auf. «Was viele nicht wissen: Wir haben genügend Bienen», sagt Cagnazzo. Was fehle sei das Nahrungsangebot für die sechsbeinigen Fluginsekten. Und sogleich wendet sie sich mit einer Bitte an die Bevölkerung: Wer etwas länger wartet, bevor er die Wiese in seinem Garten mäht, und wer auf seinem Balkon einige einheimische Nektarblumen anpflanzt, der hilft den Bienen wirklich. «Ausserdem sollte man nur einheimischen Honig kaufen und weniger Pestizide und Insektizide im eigenen Garten verwenden», so Cagnazzo.

Wenn sich Cagnazzo mit ihren Anliegen an die Leute in der Region wendet, bekommt sie oft viel Zuspruch — ebenso wie die Bienen, die seit dem Film «More Than Honey» einen Superheldenstatus verpasst bekommen haben. Schliesslich seien sie auch das dritthäufigste Nutztier in der Schweiz. «In den letzten Wochen hat man gerade mit der Coop-Aktion ‹Bee Happy› wieder gesehen, dass der Hype rund um die Bienen noch immer anhält», sagt Cagnazzo. Und man merkt: Das freut die Hobbyimkerin.