Starrkich-Wil

Seit fast 100 Jahren unter Fahrstrom: Er wacht über die Elektro-Veteranen

Der SBB-Lokführer Hans-Peter Kaiser aus Starrkirch-Wil wacht als Präsident des Eisenbahn-Vereins «Team 10439» über die historischen Elektro-Lokomotiven des Depots Olten.

Olten und die Eisenbahn: das ist mehr als nur ein Zufall der Geschichte, ein Schienenkreuz, eingezeichnet von zwei Engländern auf einer Landkarte. Das ist ein Schicksal, wie es keine andere Stadt der Schweiz kennt. Olten und die Eisenbahn, das ist eine einzigartige Liebe, eine ewig währende Verbindung, eine unerschütterliche Gewissheit: Solange die Eisenbahn fährt, gibt es Olten, solange es Olten gibt, fährt die Eisenbahn in der Schweiz.

Zu den Gebäuden, die schon zu Zeiten von Werkstattchef und Zahnrad-Pionier Niklaus Riggenbach (1817-1899) bestanden, zählt die Depothalle nicht, in denen heute die historischen SBB-Lokomotiven untergebracht sind. In der heute sauberen Halle wurden früher staubige Silowagen abgestellt. «Zwei Jahre lang haben wir nur aufgeräumt», berichtet Hans-Peter Kaiser. Das in den Wagen transportierte Schüttgut sorgte für buchstäblich dicke Luft. «Damals konnte man nichts anfassen, ohne weiss zu werden. Und heute kann man kaum etwas berühren, ohne schwarze Hände zu bekommen», meint Kaiser lachend. Die Loks stammen aus den 1920er-Jahren, als die Elektrifizierung des Schweizer Schienennetzes begann. Von den meisten Maschinen gibt es schweizweit meistens nur noch ein einziges Exemplar.

Auf den Gleisen unter dem Shed-Dach reiht sich ein Eisenbahn-Juwel ans andere. Da steht der «Rote Pfeil», dahinter der «Trimbacher Frontlenker», dann kommt die «Kleine Sécheron». Übernamen, die sich in die Eisenbahngeschichte der Schweiz eingeschrieben haben. Dass Hans-Peter Kaiser einmal mit diesen Perlen zu tun haben würde, wusste er nicht, als er sich dafür entschied, seinen Bubentraum wahr werden zu lassen. «Ich wollte zur Eisenbahn», sagt der 49-jährige. 23 Jahre lang arbeitete er als SBB-Zugchef, dann, mit fast 40 Jahren, wechselte er in den Führerstand. Seither ist er als Lokführer im Personenverkehr tätig und dem Depot Basel zugeteilt.

Zu den historischen Lokomotiven kam er zufällig, als nach Leuten gesucht wurde, die sich engagieren wollten. Seit 16 Jahren gehört der Starrkirch-Wiler dem «Team 10439» an. Der Name des Vereins bezieht sich auf die Loknummer des «Trimbacher Frontlenkers», der Ae 3/6 II. Anfänglich gehörten 30 Mitglieder zum Verein, heute sind es deren 60. 45 davon sind aktive Mitglieder, 15 passive. 17 Lokführer gehören zum Team, einige dürfen alle Maschinen fahren. Zu ihnen gehört Kaiser. Die anderen Lokführer sind für zwei bis drei historische Maschinen zugelassen.

Trotz Auswahlverfahren gibt es keine Nachwuchssorgen

Um den Nachwuchs muss sich der Verein keine Sorgen machen: «Wir haben mit sechs jungen Lokführern einen guten Jugendanteil. Mehr nehmen wir nicht auf», sagt Kaiser. Hinein kommt man durch Empfehlung. Wichtig ist vor allem, dass sich ein Kandidat gut einfüge. «Passt er ins Team?» nennt Kaiser die entscheidende Frage. Begeisterung alleine genügt nicht. Ob einer den nötigen Willen hat, zeigt sich in den ersten zwei bis drei Jahren. Denn wer einmal selber einen Elektroveteran bedienen will, muss zuerst selber Hand anlegen. Putzen, schmieren, Unterhaltsarbeiten an der Lokomotive. «Jeder macht sich zuerst die Finger dreckig,» stellt Kaiser klar. Die Fahrzeuge sind Leihgaben von SBB Historic, die in der gleichen Halle ihren Aussenstandort mit selber unterhaltenen Fahrzeugen wie dem berühmten Trans-Europe-Express, (RAe TEE 1053).Neben der Ae 3/6 II 10439 stehen in der Obhut des Teams die Be 4/7 12504, die Ae 3/5 10217 und die Bm 4/4 II 18451. Ohne das Team 10439 würde die Eigentümerin SBB Historic die Maschinen zwar museal erhalten, aber nicht mehr in fahrtüchtigem Zustand.

Die Be 4/7 ist mit Baujahr 1921 die zweitälteste der Oltner Elektro-Veteranen, die Bm 4/4 II von 1939 die noch einzige reine Diesel-Streckenlokomotive der SBB. Leider ist sie derzeit nicht fahrbar. «Der Patient hängt am Atemgerät», illustriert Kaiser die Lage. Unterhalt an den Batterien steht an und die Radsätze müssen nebenan im Industriewerk überprüft werden. Zeitaufwendige Arbeiten, aber Kaiser ist optimistisch: Voraussichtlich 2022 soll sie wieder fahren. Daneben gehören auch die Re 4/4 I 10001 und der Rote Pfeil RAe 1001 zum Bestand des Team-Fuhrparks. Eine sehr stattliche Anzahl wichtiger Exponate, die viel Pflege und Fachwissen benötigen. Über’s Jahr verteilt finden so genannte «Fitnessfahrten» statt, bei denen die Lokomotiven auf dem Depotgelände bewegt werden. Hans-Peter Kaiser klettert in den Führerstand der Ae 3/6 II 10439, die dem Team den Namen gegeben hat. Die Armaturen wirken rustikal: Der Lokführer steht (!) am hölzernen Handrad, genannt Steuerkontroller, mit dem er die zwei Stufenschalter steuert, welche die beiden Fahrmotoren mit Strom versorgen. Rechts befindet sich der Hebel der Zugbremse und davor ein schmuckes Rad aus Messing: die Lokbremse. Ein klobiger Geschwindigkeitsmesser und zierliche Manometer der Bremsen sind unentbehrliche Anzeigen, genau so wie die wuchtigen Ampère- und Voltanzeiger auf dem Steuerpult. Auffallend ist auch, dass sich der Führerstand auf der rechten Seite des Fahrzeugs befindet, was von der Dampflokzeit her kommt.

«Man ist hier auf sich allein gestellt. Es gibt keine Checklisten», meint Kaiser. Auch wenn die Lokomotiven gut im Schuss sind: Im Gegensatz zu einer modernen Lokomotive muss man hier als Lokführer über Grundkenntnisse der Mechanik und der Elektrotechnik verfügen. Die 10439 wurde 1925 durch die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur (SLM) und die Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) gebaut. In vier Bestell-Tranchen wurde die 98 Tonnen schwere und 14,1 Meter lange Maschine zwischen 1923 und 1926 in Dienst gestellt. Zwei Fahrmotoren setzen einen Stangenantrieb in Bewegung. Die Höchstgeschwindigkeit betrug ab 1929 100 Kilometer pro Stunde. Die Nummer 10439 war abwechslungsweise den Depots Basel und Olten zugeteilt, ehe sie ab 1976 zum historisches Fahrzeug deklariert wurde. Während eine moderne Lokomotive zwischen zehn Minuten und einer Stunde bis zum Stadium der Betriebsbereitschaft benötigt, sind es bei der alten Dame zwei Tage. Vor allem die Lager müssen geschmiert und nachgefüllt werden, bis die Lok auf die Strecke darf.

Grosses Oltner Depot-Fest am
29. und 30. August 2020 geplant

Das grösste Ereignis des Jahres findet Ende August statt, wenn das Depot zu einem Festgelände wird. Dampflokomotiven bleiben fern: «Es wird ein Fest zur Elektrotraktion», verrät Kaiser. Für das Team 10439 ein enormer Kraftakt: Um die historischen Schätze richtig zu platzieren und wieder zu versorgen, sind zwei Wochen Rangierarbeit nötig. Seine Ferien verbringt der Präsident daher entlang der Oltner Gleise.

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