Niedergösgen

Nachbarn der Model AG wehren sich: «Wir wurden über Jahre hinweg vertröstet»

Bei einem Besuch erklären die Anwohner, was sie sich von der Firma Model AG in Niedergösgen für die Zukunft wünschen.

Das Vertrauen ist weg: Seit Jahren wehren sich Nachbarn der Model AG gegen herumfliegende Plastik- und Papierfetzen. Nach dem Sturm Sabine im Februar konnte Landwirt Georg Wyser seine Schafe während zweier Wochen nicht mehr auf die Weide lassen. Gleichzeitig kämpfte damals die Firma Model AG auf der anderen Seite der Aare gegen den Ausfall einer ihrer Anlagen (wir berichteten). Papier- und Plastikfetzen zerstreuten sich in alle umliegenden Gärten, Dachrinnen und Weiden, auf das Aareufer und in die Aare selbst. Die Fetzen sind Fremdstoffe, welche die Model AG von gesammeltem Altpapier trennt.
Die Folgen des Sturms markieren den Höhepunkt vom Streit zwischen Fabrik und Anwohnerschaft im Kampf gegen die Fetzen. Das Vertrauen der Anwohner in die Fabrikleitung und in die getroffenen Massnahmen ist tief zerrüttet, wenn überhaupt noch vorhanden.

Der Fetzenflug war Gegenstand an Sitzungen des Gemeinderats, schlägt sich nieder in Protokollen, Massnahmen und Sonderbauvorschriften. Es wurden Fabrikbesuche organisiert, eine telefonische Hotline eingerichtet und das Amt für Umwelt eingeschaltet.

Sorge ums Wohl der Tiere

Während das Unternehmen der Model AG Umstrukturierungen durchlebte, auf dem Gelände umgebaut und Führungspositionen neu besetzt wurden, blieben viele der Anwohner dieselben. Denise Kämpf ist eine von ihnen. Sie sagt: «Wir werden stets mit neuen Versprechungen hingehalten. Gleichzeitig investieren wir enorm viel Zeit, um unsere Grundstücke von Plastik zu säubern.» Landwirt Wyser vom angrenzenden Neumatthof sorgt sich um das Wohl seiner Tiere: «Die Rückstände des Plastiks geraten durch die Tiere in unsere eigene Nahrungskette.» Praktisch jeden Tag sammle er kleine Stücke aus feinem Plastik vom Boden auf. Was aber in die Aare falle, lande am Ende eines Kreislaufes als Mikroplastik im Meer. Wyser versteht nicht, warum über lange Zeit nichts unternommen wurde.

Bis im März: Nach einer Sitzung im Gemeinderat, zu der Werkleiter Michael Wilms eingeladen und an seine Adresse heftige Kritik aus dem Gemeinderat laut wurde, versprach dieser zu handeln. Einen Monat nach dem Sturm wurden Förderbänder und Lagercontainer auf dem Fabrikgelände, die sich an der freien Luft befinden, mit Netzen zugedeckt. Wilms betonte damals, man habe einen grossen Aufwand betrieben, um unerwünschten Fetzenflug – auch bei Wind – zu unterbinden.

Gebrannte Kinder fürchten das Feuer

Doch die Skepsis der Anwohnerschaft bleibt. Kämpf sagt: «Wenn eine Privatperson einen Sack Müll auf der Strasse entsorgt, wird sie dafür gebüsst. Genauso muss ein Unternehmen für seine Verfehlungen belangt werden.» Es sei nicht die Aufgabe der Anwohner, dieser Firma auf die Finger zu schauen. Die Behörden müssten ihre Aufsichtsfunktion endlich wahrnehmen. Kämpf wünscht sich, «dass die Model AG ihr Möglichstes tut», um die Uferböschung und andere Flächen zu säubern und frei von Plastik zu halten.

Jetzt, wo die Natur in voller Blüte steht, ist es allerdings kaum möglich, die zwischen den Gräsern am Boden haftenden Fetzen aufzusammeln. Auch René Fuhrer lebt im Quartier neben der Model AG. Er schliesst sich Kämpf an und schlägt vor: Als Zeichen des Goodwills könne das Unternehmen einen namhaften Betrag in ein Projekt stecken, dass sich dem Kampf gegen Mikroplastik in den Weltmeeren widme. Und er fragt sich, was wohl eine Organisation wie Greenpeace zu einer solchen Verschmutzung von Gewässer und Weiden sagen würde. Fuhrer: «Viele aus unseren Familien hatten lange einen grossen Bezug zur Firma auf der anderen Seite des Flusses.»

Einige Väter arbeiteten dort, noch bei der Vorgängerin der Model AG. Doch nun finde ein Generationenwechsel statt, viele seien pensioniert. Den Standort der Model AG findet Fuhrer eigentlich gut, «auch den Umstand, dass sie mit der Fernwärme des KKW Gösgen arbeitet». Mehrere Anwohner anerkennen die jüngsten Anstrengungen der Model AG gegen den Fetzenflug. So sagt Peter Spielmann, auch Hausbesitzer im Quartier: «Seit die Netze installiert wurden, habe ich weniger Fetzen im Garten.» Doch aus seiner Sicht bleiben offene Fragen: Wie geht es weiter? Wer kümmert sich um die Kontrolle der Auflagen? An wen können sich Anwohner wenden, wenn es wieder stürmt? Warum ist so lange nichts geschehen? Wer entfernt die Fetzen, die noch immer überall liegen?

Auf Anfrage sagt Markus Chastonay vom kantonalen Amt für Umwelt (AfU): «Auf Begehren der Gemeinde und der Anwohnerschaft haben wir nach dem Sturm im Februar mit dem Betrieb Kontakt aufgenommen.» Bei der anschliessenden Begehung hat das AfU festgestellt, dass auf dem Areal Förderbänder und Mulden unzureichend gegen das Wegwehen von Papierfetzen gesichert sind. Diese sind mittlerweile abgedeckt. «Mit der Firma Model AG hat der Kanton Solothurn bisher keine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen.» Es bestehe die Absicht, dies in nächster Zukunft zu tun. Für die Model AG gelten zudem Sonderbauvorschriften gemäss Gestaltungsplan. Bei Verstössen können Anwohner sich bei der Model AG oder der Gemeinde melden. Private können auch privatrechtliche Schritte einleiten. Das AfU schreite ein, wenn es bei den Kontrollen feststelle, dass die Anforderungen des Umweltschutzgesetzes nicht eingehalten würden.

Weiter hält Chastonay fest: «Falls Aufforderungen wiederholt nicht fristgerecht umgesetzt werden, folgt eine Verfügung.» Sollte auch diese nicht zum Erfolg führen, dann komme eine Vollstreckung in Betracht. «Weil sich Massnahmen nicht immer sofort bewähren, spielt auch der Faktor Zeit eine wichtige Rolle.» Auf die Frage, wer für die Reinigung der Umgebung aufkommen muss, sagt Chastonay: Gemäss Sonderbauvorschriften ist die Model AG für die Reinigung zuständig und muss dafür aufkommen.

Zielführende Massnahmen

Niedergösgens Gemeindepräsident Roberto Aletti verweist auf die getätigten Vorkehrungen der Firma. «Nach Stürmen führen wir um das Gelände Kontrollen durch.» Die Model AG hat die
Auflage, Fetzen zu entfernen, auch am Aareufer. «Ziel ist eine 100-prozentige Vermeidung von Fetzenflug.» Angesprochen auf Konsequenzen, die weitere Verunreinigungen für die Model AG haben werden, sagt Aletti: «Das sollte nicht mehr vorkommen.»

Die Gemeinde erachtet die umgesetzten Massnahmen als zielführend. Bei Bise habe sich die Konstruktion bereits bewährt. Abzuwarten sei noch stürmisches Wetter aus Westen.» Dazu kommt es spätestens im Herbst.

Die Model AG hat die Fragen dieser Zeitung innert Frist nicht beantwortet.

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