Amtsgericht Olten-Gösgen

Nachbarin mit Messer angegriffen: Die Täterin ist ein Opfer ihres Wahns

Messer-Attacke: Die Frau wurde als schuldunfähig eingestuft. (Symbolbild)

Messer-Attacke: Die Frau wurde als schuldunfähig eingestuft. (Symbolbild)

In Trimbach griff im Sommer 2018 eine junge Frau ihre Nachbarin mit einem Messer an. Seit Montag steht sie nun vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen.

Unter Wahnvorstellungen leidend griff im Sommer 2018 in Trimbach eine junge Frau ihre Nachbarin mit einem Küchenmesser an und verletzte diese leicht. Diese Woche findet das Verfahren gegen die als schuldunfähig eingestufte Frau statt und das Amtsgericht Olten-Gösgen muss entscheiden, welche Massnahme für die psychisch kranke Beschuldigte angemessen ist.

Die heute 30-jährige Frau war aus unerklärlichen Gründen davon überzeugt, ihre Nachbarin sei bei ihren

Eltern eingebrochen und habe verschiedene Gegenstände gestohlen. In einem Zustand, den man vereinfacht Verfolgungswahn nennen könnte, klingelte sie mit einem Messer in der Hand an der Wohnungstür des Opfers und verlangte die gestohlenen Gegenstände zurück. In der Folge riss die Beschuldigte ihre Nachbarin an den Haaren, schlug ihren Kopf gegen die Wand, drohte mit dem Messer und verletzte das Opfer leicht an der Hand und am Hals.

Die massive Gewalt qualifizierte Staatsanwältin Stephanie Flury in der Anklageschrift als versuchte vorsätzliche Tötung, überliess es aber dem Gericht, die Tat als versuchte schwere Körperverletzung oder als einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand einzustufen. «Die zentrale Frage ist nicht, welche Straftat die Beschuldigte begangen hat, sondern welche Massnahme für sie die beste ist», sagte Flury im Plädoyer der Anklage. «Fakt ist, sie ist krank.»

Die Beschuldigte argumentierte, sie habe nie die Absicht gehabt, ihre Nachbarin zu verletzen. «Ich habe sie an den Haaren gepackt und mit dem Messer bedroht, weil ich Druck machen wollte, damit sie die gestohlenen Sachen zurückgibt. Verletzt wurde sie aber nur, weil sie einen Kampf begann. Das hatte ich nicht vorausgesehen und bedauere das sehr.»

Später wehrte sich die Angeklagte heftig gegen die Verhaftung und musste durch die Polizei aus der Wohnung getragen werden. Im Oltner Untersuchungsgefängnis teilte sie Fusstritte aus. «Ich war während der ganzen Zeit barfuss», relativierte die Beschuldigte die Wirkung. Ein Polizist habe sie mit Sprüchen provoziert und sie habe auch eine Ohrfeige kassiert.

Der forensische Gutachter Urs Hagen beschrieb die diagnostizierte Krankheit als «ausgeprägte schizo-affektive Akzentuierung. Sie leidet unter psychotischen Schüben und war schon mehrfach in psychiatrischer Behandlung.» Die Beschuldigte nehme das Neuroleptikum Abilify und habe darauf gut angesprochen. «Sie meistert das Leben meistens recht gut, aber manchmal brechen die psychotischen Symptome durch.» Sie sei zum Tatzeitpunkt mit Sicherheit nicht schuldfähig gewesen, meinte der Psychiater. «Der Druck des Wahns war zu diesem Zeitpunkt enorm.»

Der Amtsgerichtspräsident Claude Schibli wollte vom Gutachter wissen, ob ein stationäres Setting in einer geschlossenen Anstalt nötig ist, oder ob eine ambulante Therapie genügt. Die Antwort fiel zweischneidig aus: «Da sie eine gewisse Stabilität erreicht hat, könnte ein engmaschiges Setting mit einer ambulanten Behandlung funktionieren. Aber falls es nicht funktioniert, müsste eine Zurückversetzung in eine geschlossene Anstalt jederzeit möglich sein.»

Man müsste die Psychiatrie-Spitex mit ins Boot holen und das Umfeld, besonders ihre Eltern einbeziehen.

«Eine Therapiestelle in unmittelbarer Nähe des Wohnorts ist empfehlenswert. In einer Psycho-Edukationsgruppe könnte sie lernen, wie sich eine Krise ankündigt, bevor sie manisch wird. Idealerweise würde sie dann die Frühwarnzeichen erkennen und selber in einer Klinik Hilfe suchen», sagt Hagen.
Auf Antrag der Verteidigung wurden die Eltern als Zeugen vernommen. Diese erklärten sich bereit, ihre Tochter zu unterstützen. Sie haben ihr eine Wohnung in der Nähe gekauft. Zudem zeigten sie sich bereit, die Angeklagte bis auf weiteres in ihrem früheren Kinderzimmer aufzunehmen, damit sie sich wieder an ein normales Leben gewöhnen kann. Hier setzte Rechtsanwalt Roland Winiger an. Er forderte für seine Klientin die Anordnung einer ambulanten Therapie und führte die Unterstützung der Eltern als wichtigstes Argument an.

Die Staatsanwältin bezeichnete dagegen die Gefahr, die von der Beschuldigten für die Gesellschaft und sich selber ausgeht, als zentrales Argument, das für die Einweisung in eine geschlossene Anstalt spricht. «Nur so lassen sich weitere schwere Straftaten vermeiden.» Bei gutem Verlauf seien sehr rasch Lockerungen möglich, aber eine ambulante Therapie genüge nicht. «Ihre Wahnvorstellungen machen sie gefährlich.»

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