Winznau

Lost Places – spukt es hier?

Die Winznauerin Deborah Sgier fotografiert verlassene Orte. Sie erklärt ihre Faszination und wieso sie nie alleine in die Gebäude geht.

Deborah Sgier winkt ab und lacht verlegen. Es sei nicht immer ganz legal, was sie mache. Denn die 30-Jährige fotografiert sogenannte Lost Places – vergessene Orte. Das sind Gebäude, die nicht mehr genutzt werden. Sie fotografiert aber weniger in der Region, denn hier hat es nicht viele Gebäude, die aufgegeben wurden. In Frankreich jedoch bieten die verlassenen Schlösser und Gutshäuser die perfekten Kulissen, die Sgier für ihre Fotografien sucht. Auch in Italien und Ostdeutschland gibt es mehr solch verwunschene Orte, da dort entweder Geld oder Bewohner fehlen, die die Gebäude beleben könnten. Mittlerweile hat sie knapp 150 solche Orte besucht und 30 000 Bilder geschossen.

Sgier macht das noch nicht so lange: Angefangen hat sie vor zwei Jahren, als sie an einem verlassenen Bauernhof im Baselbiet vorbeifuhr. Sie stieg aus und hatte sich mit ihrem Handy bewaffnet ins Innere des Gebäudes gewagt. Die Fotos, die sie damals mit dem Natel machte, entsprechen heute nicht mehr ihren Ansprüchen. Heute fotografiert sie mit einem Fotoapparat und hat ihr Auge für Symmetrien geschärft: «Bei meinen Bildern muss alles mittig sein.»
Die Orte, welche sie fotografiert, findet sie meist durch intensive Recherche. «Es gibt auch eine Lost-Places-Szene, durch die ich auch Tipps bekomme», sagt sie. Recherchen über die Geschichte des Gebäudes stellt sie aber immer an. Bei den Privathäusern sei es schwierig, herauszufinden, wer das Gebäude errichtet und wer darin gelebt hat. Bei Hotels und öffentlichen Gebäuden sei das aber etwas anderes. Amtliche Dokumente und Zeitungsberichte helfen ihr, Orte zu finden wie die psychiatrische Anstalt, die sie in Norditalien besucht hat. Die genaue Ortschaft will sie nicht verraten. Es geht darum, das Gebäude zu schützen. «Ich habe viele Orte gesehen, die durch Vandalismus zerstört wurden», sagt sie. Sie würde sofort sehen, wenn nicht nur der Zahn der Zeit an einem Ort genagt habe, sondern Dinge auch durch Menschenhand zerstört wurden.

Sgier interessiert die Geschichte dieser Orte. Was ist hier passiert? Wer hat sich hier bewegt oder gar gewohnt? «Die psychiatrische Institution in Norditalien war an sich nicht unheimlich, aber der Gedanke, was dort passiert ist, als noch Menschen dort gewohnt oder gearbeitet haben, finde ich gruselig.» Dort habe sie das Gefühl gehabt, eine Zeitreise zu machen. In eine Zeit, in der solche Institutionen Irrenanstalt heissen und altmodische Behandlungsmethoden angewendet werden. Wahrlich schauerlich sind ihre Aufnahmen von diesem Gebäude. Ein Behandlungsstuhl, der aussieht wie ein Folterinstrument. Das einzig Lebendige sind die Kletterpflanzen, die ihren Weg von draussen durch das Fenster ins Innere finden. Oder Karteikästen, die vielleicht die Krankenakten der ehemaligen Anstaltsbewohner aufbewahrten.

Ein eigenes Kunstwerk schaffen durch Bildbearbeitung

«Diese Orte sind schon gespenstisch, aber wenn ich drin bin, dann fokussiere ich mich darauf, das nächste Sujet zu finden», sagt sie. Mehr Angst habe sie vor den Nachbarn, die sie beim Einsteigen in die Gebäude erwischen. So sei sie diesen Sommer in Italien von einem Anwohner bedroht worden. «Wir wussten, dass es keine gute Idee ist, in das Gebäude zu gehen.» Dieser Anwohner hatte genug von den Fotografen. Denn wenn es einen interessanten Lost Place gibt, wissen das viele. Und dann kann es auch mal eng werden in einem Gebäude: Vor wenigen Tagen sei sie mit ihrer Freundin Naomi Weber in Frankreich gewesen, um ein verlassenes Schloss zu fotografieren. Dort haben sie ungefähr neun andere Fotografen angetroffen. «Zum Teil musste ich anstehen, damit ich ein Foto machen konnte», meint sie schmunzelnd. Sobald sie aber ihr Sujet gefunden hat, hat sie die Aufnahme schnell im Kasten. Denn sie will auch nicht ihre Begleitperson warten lassen. Deborah Sgier ist nie alleine unterwegs: «Die meisten Gebäude sind einsturzgefährdet, und so ist es besser, wenn man nicht alleine ist.» So komme Naomi Weber mit, die früher auch fotografiert habe.

Nachdem sie das Foto geschossen hat, ist die Arbeit noch nicht getan. Dann geht es darum, die Aufnahmen zu bearbeiten. «Bei jedem Bild gebe ich meine persönliche Note dazu.» Dabei geht sie nicht nach System vor, sondern lässt sich von ihrer Stimmung leiten: «Würde ich ein Bild ein zweites Mal bearbeiten, käme etwas völlig anderes heraus.» Dafür braucht sie aber kein aufwendiges Material. Sie bearbeitet ihre Bilder am Tablet mit einem Gratis-Bildbearbeitungsprogramm.

Sie konnte ihre Bilder auch schon verkaufen und hat damit Preise gewonnen. Doch davon leben kann sie nicht. Heute macht sie neben Bildern von Lost Places auf Anfrage auch Porträtaufnahmen. «Es wäre schon toll, wenn die Fotografie mein Beruf wäre», räumt sie ein. Aber jetzt ist sie schwanger und schätzt, dass sie als Fachfrau Gesundheit einen sicheren Beruf hat.

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