Rohr

Leben im 100-Seelen-Dorf: Wo eine kleinräumige Welt als Heimat genügt

Schon zur Jahrtausendwende zeichnete sich in Rohr eine Fusion mit Stüsslingen ab. Die Ur-Rohrer wollten davon nichts wissen und bewahrten ihre Autonomie. Doch in den vergangenen Jahren büsste das Dorf weiter an gesellschaftlicher Identität ein. Deshalb die Frage: Wie lebt es sich heute im kleinsten Gösger Dorf?

«Jetzt sind wir hundert!», stand vor ein paar Jahren beim Dorfeingang auf einem Schild zu lesen. Heute zählt das Gösger Kleindorf wieder knapp weniger als hundert Einwohner. S-förmig schlängelt sich die Schafmattstrasse die Jurahöhen Richtung Baselland empor. Ringsherum steigen die trichterförmig gelegenen Hänge an, die an diesem kalten Februartag leicht mit Schnee gezuckert sind. Meierweid, Berghof, Gitziberg, Kohlholz und Schneggenberg heissen die Einzelhöfe auf den Jurahöhen schon seit eh und je. Nur entlang des Stüsslinger Bachs öffnet sich zwischen Wallmattberg und Stellirain eine Klus, die ins Mittelland führt.

«Rohr - führt Weg der Zukunft in die Fusion?», titelte das Oltner Tagblatt am Tag vor der Jahrtausendwende 1999. Alt Ammann Gottlieb Marti resümierte damals: «Unsere Vorfahren haben es im zu Ende gehenden Jahrhundert verstanden, mit viel Geschick und Ausdauer auch in schwierigen Zeiten eine Kleinstgemeinde zu führen.» Und doch sah sich Rohr in den Nullerjahren gezwungen, mit Stüsslingen und Kanton über eine Fusion zu verhandeln. Der Zusammenschluss mit der Nachbargemeinde scheiterte: Das Rohrer Stimmvolk lehnte die Fusion ab. In Stüsslingen kam es deshalb gar nicht erst zur Abstimmung.

Rohr behielt somit seine Autonomie, verlor aber im 20. Jahrhundert zusehends seinen identitätsstiftenden Charakter. Männerchor und Schützenverein hatten im Dorf einst noch für Geselligkeit gesorgt. Seit über zwanzig Jahren existiert die Post nicht mehr. Während 150 Jahren hatte die Familie Gisi sie über vier Generationen hinweg geführt. 1999 schloss die Gesamtschule nach über 100-jährigem Bestehen, weil nur noch acht Kinder im schulpflichtigen Alter waren.

Auch der Migroswagen, der früher jeden Mittwochmorgen ins Dorf kam, ist längst nicht mehr. Die Feuerwehr fusionierte in den Nullerjahren mit jener von Stüsslingen. Im vergangenen Jahr schloss die letzte verbliebene Beiz, der Frohsinn, nachdem bereits die Eintracht und der Balmis dichtgemacht hatten. Gab es vor dreissig Jahren noch neun Milchbauern, sind heute nur noch deren drei übrig. Die grosse Mehrzahl der Dorfbewohner verdient ihren Lebensunterhalt nicht mehr im Dorf.

«Der Anteil der Ur-Rohrer-Bewohner nimmt stetig ab», sagt der amtierende Gemeindepräsident André Wyss, der selbst 2010 in die Gemeinde zog. 18 Jahre nachdem der erste Fusionsversuch scheiterte, nähert sich Rohr zum zweiten Mal den Stüsslingern. «Ziel wäre es, die Fusion bis Ende der Amtsperiode 2021 umzusetzen», sagt André Wyss. Mit gemischten Gefühlen. Schliesslich übe er das Amt gerne aus. Doch bei ungefähr 60 Stimmberechtigten sei es schwierig, Einwohner für ein Behördenamt zu gewinnen.

«Nicht hier, dort unten»

Geblieben sind die Ur-Rohrer Familien, die seit vielen Generationen in diesem Talkessel heimisch sind. Sie heissen Gisi, Gisiger, Marti, Henzmann, Lochmann und Soland. So weit sich die Familie Soland ihrer Wurzeln besinnen mag, betrieb sie am tiefsten Punkt des Dorfes einen Landwirtschaftsbetrieb. Dort, wo seit 1977 der Bus hält. Dort, wo die vielen Rohrer Quellen in den Stüsslinger Bach münden. Dort, wo es im Winter kaum Sonnenstunden gibt. Das ist dort, wo sich Köbi Soland seit 81 Jahren daheim fühlt.

Seine Ehefrau Margrit Soland öffnet beim Besuch die verriegelte Tür. Die Gretzenbacherin kam vor 52 Jahren in die kleine Bauerngemeinde. Sie hatte sich am Niedergösger Musikfest in den Rohrer Köbi Soland verliebt. Das Leben fand damals auf engem Raum statt: Das frisch verliebte Ehepaar lebte mit den Eltern Soland, zwei ledigen Geschwistern des Vaters und fünf Geschwistern im selben Bauernhaus. Heute ist auch in Rohr der Freiraum grösser geworden. Köbi Soland erbaute Ende 90er-Jahre ein Einfamilienhaus in nächster Nähe zum Bauernhaus. Hier lebt er heute mit seiner Margrit. Während sein Sohn Matthias, der den Hof übernahm, mit seiner Familie ins Bauernhaus zog.

Die Jasskarten auf dem Küchentisch sind noch handwarm. Nach dem morgendlichen Stallgang hat sich Köbi Soland ins wohlig warme Haus zurückgezogen. Mit seinem sanften Gemüt sitzt er hier, grüsst lächelnd und trinkt Holundersirup.

«Sie haben also Ihr gesamtes Leben hier verbracht?»

«Nun, nicht hier, dort unten», sagt er und nickt Richtung nebenstehendem Bauernhaus.

Vom Ur-Ur-Ur-Grossvater bis zum Vater

Köbi Solands Welt ist eine kleinräumige, die ihm alles bedeutet. Margrit Soland wusste daher: Mit ihrem Traum, den Herbst des Lebens in Ascona am Lago Maggiore zu verbringen, würde sie ihren Mann nie erreichen. Nach der Pension habe sie 15 Jahre gebraucht, um ihren Mann zu überzeugen, am Sonntagmorgen auszuschlafen. Wie Köbi Solands Vorfahren blieben sie in Rohr. Eines Tages hätten sie auf dem Feld den Grabstein eines Vorfahren gefunden. «Wir verbauten den Stein im Bach», erzählt er.

Um mehr über die Familiengeschichte herauszufinden, reisten die Solands einmal nach «Solothurn ufe», ins Staatsarchiv. Dabei bestätigte sich, dass die Solands mindestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Rohr ihr Fundament haben. Schon Köbi Solands Ur-Ur-Ur-Grossvater hiess Urs-Jakob und heiratete eine Stüsslingerin mit Familiennamen Eng.

Margrit Soland verschwindet kurz, um mit einem Couvert zurückzukehren, das so etwas wie das Familienarchiv enthält. Soland sei ein elsässischer Name und die Familie habe sich womöglich bei einer Pilgerreise nach Einsiedeln in Rohr niedergelassen, vermutet sie. Aus jener Zeit zeugt noch heute die kleine St. Ulrichs-Kapelle. Das Kloster Einsiedeln soll sie im 13. oder 14. Jahrhundert erbaut haben. Rohr sei erstmals im 11. Jahrhundert im Jahrzeitenbuch des Klosters Einsiedeln erwähnt. Die Schafmatt war für die Pilgerreisenden ein wichtiger Pass gewesen. Deshalb war Rohr damals bevölkerungsmässig mindestens so gross wie Stüsslingen. Durch die Pilgerbeiträge vor allem aber finanzkräftiger.

Ur-Ur-Grossvater Urs-Jakob, Ur-Grossvater Urs-Jakob, Grossvater Urs-Jakob, Vater Jakob-Alfons: Sie alle führten den Bauernhof fort und heirateten «über den Mist», hatten eine Frau aus Stüsslingen oder wie Köbi Solands Vater gar aus Rohr als Gemahlin. Neben dem Bauernwesen fabrizierte die Familie Soland Holzrechen, wodurch sie im Dorf unter dem Namen «Rechenmachers» bekannt war.

Besonders innovativ verhielt sich Köbi Solands Grossvater, den er selbst nie kannte. Urs-Jakob Soland nutzte 1914 den Rohrer Wasserreichtum geschickt. Er nutzte seine Privatquelle für den Betrieb einer Turbine und erzeugte damit Elektrizität. Im Oltner Tagblatt von 1999 steht: «Wer sich damals in Rohr zu den ersten Strombezügern zählen durfte, lag ganz im Ermessen des Turbinenbetreibers – dabei spielten offenbar Gesinnung und Sympathie eine grosse Rolle.» Wie die Abklärungen eines durch Urs-Jakob engagierten Ingenieurs ergaben, versiegten in den Jahren 1912/13 durch den Bau des Hauenstein-Basistunnels, einige der Rohrer Quellen. Davon betroffen war auch das hauseigene «Kraftwerk» der Familie Soland. Sie erhielt deshalb eine Entschädigung von den SBB. Unter anderem dank diesem Zustupf kam die Familie Soland 1927 in den Besitz des ersten Rohrer Autos. «Den mächtigen Delage-Wagen nutzten wir noch viele Jahre. Später zum Transport einer Güllenpumpe», sagt Köbi Soland mit einem Lächeln.

Als 1850 noch 195, also nahezu doppelt so viele Einwohner wie heute in Rohr lebten, arbeiteten im Zuge der Industrialisierung viele in einer Fabrik im Mittelland. Margrit Soland weiss Berichten aus der Familie zufolge, dass beispielsweise die Müllers vom Gitziberghof unterhalb der Schafmatt täglich zu Fuss nach Schönenwerd in die Bally-Fabrik marschierten. «Meine Tante erzählte mir, die Röcke seien im Winter wie Eiszapfen gewesen.»

Trotz Grossfamilien wie die der Lochmanns mit dreizehn Kindern, schrumpfte die Rohrer Bevölkerung im 20. Jahrhundert zusehends. Die Einwohnerzahl pendelte sich bei rund 100 Einwohnern ein. Auf dem Hof von Köbi Soland führt heute Sohn Matthias das Erbe der langjährigen Familiengeschichte fort. Ein Grossteil der Familie, hat das Dorf, wie heute üblich, verlassen. Tochter Svenja macht derzeit die Lehre als Bäuerin und könnte dereinst in die Fussstapfen ihres Vaters treten.

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