Stüsslingen

«Ich will dem Lädeli eine Chance geben»: Der letzte Dorfladen kämpft ums Überleben

Die Genossenschaft Mini-Marché will den Dorfladen an der Hauptstrasse in Stüsslingen aufgeben. Mit einer Crowdfunding-Aktion kämpft Filialleiterin Nicole Leuzinger nun auf eigene Faust für den Erhalt des letzten Lädelis im Dorf.

Für Nicole Leuzinger war der Dorfladen schon immer mehr als nur eine Einkaufsmöglichkeit. Viele Erinnerungen sind mit dem kleinen Geschäft an der Hauptstrasse verbunden. Als kleines Mädchen lernte die Stüsslingerin hier den Umgang mit Geld. «Mein Bruder und ich kauften hier schon als Kinder unser Znüni», erinnert sie sich.

Als die 31-Jährige vor gut einem Jahr die Geschäftsleitung übernahm, war das eine Herzensangelegenheit. Mit ihrem «Lädeli» hatte Nicole Leuzinger ihren Traumberuf gefunden, wie sie selber sagt. Und mit dem Generationenwechsel war auch aus Sicht der Gemeinde die ideale Lösung gefunden. Denn auch diese hat ein grosses Interesse daran, den einzig verbliebenen Lebensmittelladen im Dorf zu behalten.

Eigentümer des Dorfladens ist derzeit noch die Genossenschaft Mini-Marché mit Sitz im jurassischen Courrendlin. Diese betreibt 35 Geschäfte im ganzen Jurabogen. Jenes in Stüsslingen unter dem Label «Prima» ist der östlichste Aussenposten der Kette. Für Mini-Marché macht der kleine Dorfladen in Stüsslingen jedoch zu wenig Umsatz. Das Unternehmen will den Standort darum per 1. Mai aufgeben.

Dass sich die Genossenschaft aus dem Geschäft zurückziehen will, war bereits absehbar, als Nicole Leuzinger die Leitung Anfang 2017 von Kathrin Strähl übernahm, die den Dorfladen zuvor lange mit viel Herzblut führte und heute noch als Nicole Leuzingers Stellvertretung einspringt.

Gemüse aus der Region

Die jetzige Geschäftsführerin will es nun auf eigene Faust versuchen. Dass sie dabei auf neue Lieferanten umstellen muss, ist ihr ganz recht. «Bisher musste ich pro Monat Ware für 7000 Franken beziehen», erklärt sie. «Das musste ich dann zuerst mal wieder reinholen.»

Ausserdem war sie vertraglich dazu verpflichtet, sich an Aktionen zu beteiligen, die bei der Kundschaft in Stüsslingen nicht immer sehr gefragt waren. Nun hat sie in der Waadtländer Cadar SA, einem Unternehmen der Fenaco-Genossenschaft, einen neuen Lieferanten gefunden, der ihr mehr Freiheiten bei der Gestaltung ihres Sortiments lässt.

Ausserdem möchte sie in Zukunft mehr Produkte aus der Region verkaufen. «Ich sehe nicht ein, wieso ich Gemüse aus dem Berner Oberland beziehen soll, wenn es doch hier gute Produzenten gibt», sagt sie. «In der Stadt ist das vielleicht anders, aber wir auf dem Land müssen regional zusammenarbeiten.»

Sie ist sicher, dass der Dorfladen genug abwirft, um rentabel zu sein. «Das Risiko ist da», sagt sie, «und reich wird man damit sicher nicht. Aber es ist machbar.» Nach dem Sprung in die Selbstständigkeit werde sie sich den gleichen Lohn wie bisher auszahlen.

Crowdfunding für das «Lädeli»

Für den Neustart wäre alles klar, wäre da nicht das fehlende Startkapital. Denn für die Neueröffnung benötigt der Laden einen Grundstock und auch die Geräte will Leuzinger dem Vorbesitzer abkaufen. Etwa 30'000 Franken hat sie bereits beisammen. 10'000 Franken fehlen ihr noch. Um das fehlende Geld aufzutreiben, hat die Stüsslingerin im Internet auf der Crowdfunding-Plattform «100 Days» eine Sammelaktion lanciert.

Hundert Tage hat sie Zeit, den Restbetrag zusammenzubringen. Die Aktion ist vielversprechend angelaufen. In den ersten drei Tagen sind bereits 1255 Franken eingegangen. «Eigentlich sind es sogar mehr. Man kann nämlich auch im Laden spenden. Das Geld überweise ich jede Woche, damit das Sammelziel erreicht wird», sagt Leuzinger.

Der Tipp für das Crowdfunding sei vom Gemeinderat gekommen, sagt Leuzinger. Dieser unterstützt die junge Geschäftsfrau auch bei einer laufenden Flugblatt-Aktion, die auf die Situation des Dorfladens aufmerksam machen soll. «Die Gemeinde hat ebenfalls grosses Interesse, dass der Dorfladen weiterlebt. Wenn wir schliessen müssen, gibt es auch keine Post mehr im Dorf.» Seit 2008 ist eine Post-Agentur im Laden untergebracht.

Die Sammelaktion werde auch zeigen, wie sehr die Stüsslinger Bevölkerung an ihrem Dorfladen hängt, sagt Nicole Leuzinger. Für sie ist jedoch klar: «Ich werde den Laden nicht schliessen, auch wenn ich die 10'000 Franken nicht erreiche.» Zu sehr liegt ihr das «Lädeli» am Herzen. Sie wolle ihm eine Chance geben.

Denn Stüsslingen ohne Dorfladen ist für sie unvorstellbar. Und wohl auch für viele ihrer Kunden. «Der Laden ist auch ein Treffpunkt. Die Kunden halten hier einen Schwatz, Kinder treffen ihre Gspänli und gerade die älteren Leute schätzen es sehr, dass sie im Dorf einkaufen können.»

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