Gretzenbach

«Ich brauche eigentlich kein Haus»: Die Werkstatt ist Paul Gugelmanns wichtigstes Zimmer

Er ist Meister der klingenden Mechanik: Paul Gugelmann (91) entwirft und baut seine Kunstwerke bei sich zu Hause in Gretzenbach. Ein Besuch in seiner Werkstatt.

Paul Gugelmann öffnet die Haustür. Wie immer ist er schwarz gekleidet. Nur das Daunengilet könnte auch als ultramarin durchgehen. «Früher, als ich bei Bally gearbeitet habe, trug ich viel farbige Kleidung. Seitdem ich frei arbeiten kann, trage ich nur noch schwarz», meint er lachend. «Schwarz sieht immer gut aus, und man kann sich damit überall zeigen.»

Gugelmanns Daheim steht heute in einer Reihe von anderen Einfamilienhäusern am Dorfrand von Gretzenbach. «Als ich dieses Haus vor 45 Jahren baute, stand ringsum kein anderes.» Er entwarf das Gebäude selber: «Ein Architekt zeichnete anschliessend die Pläne.» Zuvor lebte er unter an­derem in Paris, im Niederamt ist er aber heimisch geworden. «Die Grossstadt fehlt mir gar nicht», meint Gugelmann, der seit dem Tod seiner Ehefrau vor 18 Jahren allein lebt. «Ich musste Kochen lernen, das mache ich noch gern.» Vereinsamt sei er aber nicht: «Ich habe einen sehr grossen Freundeskreis.»

«Ich brauche nur diesen Raum»

Sein wichtigstes Zimmer, die Werkstatt, liegt zum Garten hin neben der Küche. «Ich brauche eigentlich kein Haus, ich brauche nur diesen Raum», sagt Gugelmann, setzt sich an die Werkbank und nimmt den Lötkolben zur Hand. Langsam fährt er damit der Kante eines Metall-Vögelchens entlang, das er an einem Röhrchen befestigen will. Aus seinen Gedanken entwickelt er eine Idee zur Umsetzung. «Jedes Kunstwerk benötigt zuerst einen Plan.» Die Frage, was Kunst sei, hängt für ihn mit dem eigenen Erlebnis zusammen: 

Gugelmann arbeitet fast ausschliesslich auf eigene Initiative. «Auftragswerke mache ich für Leute, die ich sehr gut kenne. Ich verlange fast einen Strafregisterauszug und ein Leumundszeugnis», scherzt er. Wenn er nicht an seiner Werkbank tüftelt, nimmt er gerne ein Buch zur Hand. «Hesse war früher mein Lieblingsautor. Heute lese ich gerne die Kurzgeschichten von Franz Hohler.» Gugelmann schmunzelt: «Da weiss man nachher noch, was man gelesen hat!»

Vor 25 Jahren wurde das Paul-Gugelmann-Museum eröffnet

In der ganzen Schweiz ist der Name Gugelmann nicht zuletzt wegen des Museums in Schönenwerd ein Begriff, das vor einem Vierteljahrhundert seine Türen öffnete. Eine Sonderausstellung mit noch nie gezeigten Werken wird heute eröffnet. «Das Museum entstand dank meinem lieben Freund Jean-Pierre Racine. Vorher zügelte ich die Objekte für Ausstellungen in ganz Europa und auch Amerika herum», erinnert sich Gugelmann.

Zu seinen Kunstwerken pflegt er ein sachliches Verhältnis. «Mit meinen Figuren rede ich nicht. Sie geben mir ja auch keine Antwort.» Die mechanischen Bewegungen sollen nicht perfekt sein: «Meine Maschinen sind so präzise wie nötig. Ich habe Freude, wenn die Räder noch ein bisschen ‹gwaggle›.» Elektronik interessiert ihn gar nicht: «Ich habe keinen Computer. Aber langweilig ist mir nie!»

Sorge bereitet Paul Gugelmann der Materialismus, der zunehme. «Jeder will noch mehr verdienen, noch mehr haben. Die Menschen sollen doch einander etwas geben. Die Mitmenschen wollen doch auch leben!» Sein Rat an junge Menschen lautet daher: «Man soll etwas machen, was Freude bereitet. Das ist das Wichtigste. Geld ohne Freude bringt gar nichts.»

Gugelmann blickt zufrieden zurück: «Ich hatte ein sehr interessantes Leben. Nachher kommt nichts mehr. Darum muss ich jetzt arbeiten. Ich brauche auch keinen himmlischen Trost. Ich würde nichts anders machen, wenn ich nochmals vorne anfangen würde.»

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