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Friedrich Nietzsche auf der Froburg: Der Ort zwischen Ende und Anfang

Peter André Bloch auf der Froburg. In den Händen hält er den Begleitband zur Basler Ausstellung.

An dieser Stelle könnte schon Nietzsche gesessen haben:

Peter André Bloch auf der Froburg. In den Händen hält er den Begleitband zur Basler Ausstellung.

1874 und 1878 weilte Friedrich Nietzsche während zwei Wochenenden auf der Froburg. Peter André Bloch kennt die Hintergründe.

Wanderer und Ausflügler aus der Umgebung kehren heute im Restaurant auf der Froburg ein. Vorbei sind die Zeiten des Kurbetriebes, als sich Gäste aus Basel, Deutschland und dem Elsass über Wochen einfanden, um ihre Sommerfrische zu verbringen. Unter ihnen war auch Elisabeth Nietzsche (1846-1935), Schwester des Jahrtausendgenies Friedrich Nietzsche (1844-1900). Dieser begleitete sie bei der Anreise am Samstag, 4. Juli 1874, und besuchte sie am folgenden Mittwoch, 8. Juli 1874. Elisabeth blieb bis zum 10. Juli. In einem Brief vom 9. Juli fragte er sie, was sie tue, ausser «Milch zu trinken und mit Füchslein spazieren zu gehen.» Auf der Froburg machte Elisabeth Nietzsche Bekanntschaft mit der Frau von Franz Overbeck, der zu einem engen Vertrauten Nietzsches wurde.

Der zweite Aufenthalt Nietzsches datiert vom 6. bis 8. Juli und vom 20. bis 22. Juli 1878. Er reiste jeweils am Samstagvormittag an und am Montagvormittag wieder ab nach Basel. «Ich komme Samstag womöglich zum Mittagessen und wir reisen zusammen Montag früh zurück: 8 Uhr 41 von Läufelfingen ab, Ankunft in Basel 9,38, so dass ich zur Zeit in’s Colleg komme», schrieb er der Schwester vor dem ersten Besuch. Elisabeth, die 1885 Bernhard Förster heiratete, hatte sich bereits seit dem 29. Juni 1878 im Kurhaus niedergelassen.

Erstmals erwähnte Nietzsche die Froburg in einem Brief an seine Freundin Malwida von Meysenburg, der er am 2. August 1872 einen Ausflug dorthin vorschlug. Ob diese Reise stattfand, ist unklar, vermutlich nicht. Die Froburg war zu dieser Zeit ein aufstrebender Tourismus-Ort. Nietzsche berichtet 1878 von 90 Leuten, die mit ihm das Mittagessen eingenommen haben. Er selber befand sich zu dieser Zeit im grossen Umbruch seines Lebens, wie Peter André Bloch, Nietzsche-Kenner und Kulturvermittler aus Olten, weiss: «Die zweite Zeit auf der Froburg ist biografisch der Ort zwischen Ende und Anfang. Die Zeit in Basel ging zu Ende, er kündigte seine Professoren-Lehrtätigkeit in Basel und löste seine Wohnung auf.» Danach entstanden jene Werke, die ihn als Philosophen unsterblich machten, wie «Also sprach Zarathustra» oder «Jenseits von Gut und Böse». Bereits plagten ihn Migräneanfälle und Sehstörungen. Dass Nietzsche auf die Froburg kam, hängt für Bloch mit der guten Erreichbarkeit zusammen: «Nietzsche drängte es nach Süden. Die Froburg war von Basel aus der südlichste Punkt, von dem man die Alpen sah und den man mit der Eisenbahn sehr einfach erreichen konnte.» Läufelfingen lag damals an der Hauptstrecke Basel-Olten, die Linie über Tecknau-Gelterkinden gab es noch nicht.

«Die Sonne sinkt» wurde zum Erweckungserlebnis

Für Bloch war Nietzsche lange Zeit ein Fremder. Bloch erinnert sich, wie er als Kind zum ersten Mal 1943 am Mitternachts-Gottesdienst in der Oltner Martinskirche teilnehmen durfte: «Der Pfarrer stieg auf die Kanzel. ‹Gott ist tot›, rief er der Gemeinde zu. Dann ging das Licht aus und der Pfarrer sprach: ‹Das sind die Worte Friedrich Nietzsches, der schuld ist an allem, was über Deutschland, die Schweiz und Europa gekommen ist. Er ist dann auch an Syphilis gestorben.› Dann ging das Licht wieder an.» Bloch fragte den Vater, was Syphilis bedeute, aber der zischte ihm nur zu, er solle schweigen: «Verstehst du nicht!» Zu Hause habe er dann im ‘Brockhaus’ nachgeschaut. «Aber da ich nicht wusste, dass man das Wort mit Ypsilon schreibt, habe ich es nicht gefunden», lacht der 83-Jährige.

Bis zu seinem dreissigsten Lebensjahr kam daher Nietzsche in seinem Leben nicht vor. Erst als ein japanischer Student beim Verfassen einer Seminararbeit dringende Hilfe brauchte, kam Bloch mit dem lyrischen Werk von Nietzsche in Berührung. «Das Gedicht ‹Die Sonne sinkt› ist eines der schönsten, das Nietzsche geschrieben hat. Ich bekam eine Lese-Ekstase!»

Dank Schokolade Nietzsches Handschrift im Original geschaut

Beim Forschen an seiner Dissertation über Friedrich Schiller begegnete Bloch später im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar dem Nietzsche-Herausgeber Mazzino Montinari (1928-1986), der ihn auf die Fälschungen durch die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche hinwies. «Eigentlich bekamen nur Kommunisten die Nietzsche-Originale vorgelegt. Aber ich hatte Schweizer Schokolade dabei, das half», erinnert sich Bloch. «Ich habe die durchgestrichenen Seiten im Manuskript ‹Willen zur Macht› selber gesehen.» Bloch begann sich für Nietzsche zu interessieren. Durch Begegnungen und Zufälle kamen immer mehr Gegenstände aus dessen Nachlass in seinen Besitz, so unter anderem die Möbel aus Nietzsches Wohnung in Basel, die heute in der Ausstellung in Sils-Maria stehen.

Bloch gründete mit Montinari das jährlich stattfindende Nietzsche-Kolloquium im Silser Hotel Waldhaus. Früher sass er selber oft im Nietzsche-Haus und betreute die Besucher. Dabei kam er mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt. «Einmal fragte mich jemand: ‹Sind Sie ein Nachkomme von Nietzsche? Sie sehen so intelligent aus!›» Der sehr belesene Oltner versteht sich aber nicht als Philosoph. «Ich bin Interpret, da habe ich mehr Freiheiten.» Die Versuche, Nietzsche in eine Denkschule einzugliedern, schlagen seiner Meinung nach fehl. «Nietzsche ist ein zu komplexer Denker.»

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