Lostorf

Es war merkwürdig kühl im ganzen Haus: Wenn unerwünschte Gäste einen Besuch abstatten

Durch dieses im oberen Stock liegende Fenster ist die Täterschaft ins Haus eingestiegen.

Durch dieses im oberen Stock liegende Fenster ist die Täterschaft ins Haus eingestiegen.

Dämmerungseinbruch in Lostorf: Wie dem Geschädigten der kalte Schauer über den Rücken fährt; ein Erlebnisbericht.

Offen gesagt: Man stellt es sich immer anders vor; wenn überhaupt. Aber Einbrüche sind nun mal nicht mein Alltagsgeschäft, soweit ich dies beeinflussen kann. Dass ich mal Opfer eines solchen würde, war denkbar. Aber wie immer: Einfach nicht dann, wenn er einen wirklich heimsucht.

Stets offene Türen sind plötzlich geschlossen

Es war merkwürdig kühl im ganzen Haus. Nicht grundlos, wie der Abend später zeigen sollte. Aber ich gehöre nicht zu jenen, die von der Arbeit nach Hause kommen und das ganze Haus nach möglichen Einbruchspuren absuchen. Erst dachte ich: «Vielleicht ist was mit der Heizung», griff nach dem Radiator, der aber wohlig warm vor sich hin schnurrte. «Aha», sagte ich. «Die Heizung geht. Vielleicht wirst du krank.» Obwohl: Ich fühlte mich eigentlich ganz in Ordnung, braute mir dann eine heisse Suppe zusammen und war mir sicher, es würde bald besser werden. Nach der Suppe zündete ich die Kerzen im Raucherzimmer an, sinnierte vor mich hin und fuhr mit der Hand immer wieder wärmend über die Arme. Nichts half. Nichts half gegen die Ungemütlichkeit. Endlich überwand ich mich, dachte an eine warme Dusche im oberen Stock, wo die Raumtemperatur höher ist, löschte im Parterre das Licht und stieg die Treppe hoch.

Beim Hochsteigen fiel mir auf, dass die Türe zum Badezimmer im oberen Stock geschlossen war. «Das mach’ ich doch nie», wunderte ich mich und nahm nur Augenblicke später wahr, dass die Tür zur einstigen Küche, die heute als Stauraum dient, offen stand. Die steht sonst nie offen. So allmählich wurde mir anders. Ich machte noch drei, vier Schritte Richtung Büro, warf dann einen prüfenden Blick in den Raum. Das Fenster dort – sperrangelweit offen, draussen schwarze Nacht, auf dem Fussboden weisse Farbsplitter des Fensterrahmens. Die aufgerissenen Schubladen des Pultes nahm ich zeitverzögert wahr, auch den Umstand, dass die Türe zwischen Büro und Schlafzimmer offen stand. Die Kastentüren im Schlafzimmer waren aufgerissen, auf dem Bett lag das Gefäss einer Duftkerze, dessen Deckel nicht weit davon entfernt. Die Schublade des Nachttisches – heraus gezogen.

Der Anblick hatte etwas Unheimliches. Kalter Schauer fuhr über meinen Rücken und jetzt, in der Rückblende, muss ich sagen: Erst im zweiten Moment wusste ich: Da waren Einbrecher zu Besuch gewesen. Und mit einem Mal war die Unversehrtheit des Hauses weg. Bislang hielten sich heimliche Besucher meines Wissens nie hier drin auf. Ich rief die Polizei. Der Mann auf der Alarmzentrale war eine Seele. Völlig unaufgeregt erinnerte er mich daran, nichts anzufassen, ja keine Spuren zu verwischen. Er schicke eine Patrouille vorbei, sagt er noch. Ich hätte ihn umarmen können.

Die Täterschaft war körperlich gut in Form

Die Patrouille erschien vielleicht zehn Minuten nach dem Alarm. Ich weiss es nicht mehr. Sie liess sich die Situation erklären und bat mich im Parterre zu warten, während sie sich den oberen Stock besahen. Später rekonstruierte einer der Polizisten den Weg der Täterschaft, nachdem er sich draussen vor dem Haus einen Überblick verschafft hatte. «Die war gut in Form», hielt er fest. Via hochgestellter Gartensitzbank und Fenstersims im Parterre hatte sie den Balkon vier, fünf Meter über Grund erklommen und sich nicht etwa an die Balkontür herangewagt, sondern erfolgreich ans rechts davon liegende Bürofenster. Versucht hatte sie sich auch an einem Wohnzimmerfenster im Parterre und an der Aussentür der Waschküche. Sie alle widerstanden heldenhaft.

Später kam ein Vertreter des kriminaltechnischen Dienstes hinzu, sicherte Spuren, nahm Abzüge für mögliche DNA-Proben und wusste schon nach zehn Sekunden, dass bei der Tat Handschuhe getragen wurden. «Da ist ein Abdruck,» sagte der Mann und zeigte mit dem Kinn Richtung Fensterrahmen.

Es muss knapp vor 23 Uhr gewesen sein, als die polizeiliche Arbeit vor Ort beendet war. Präventiv-Instruktion inklusive. «Ein Bewegungsmelder kann Wunder wirken», sagte der Polizist, während mir die Polizistin ein Formular übergab, worauf ich die mir gestohlenen Gegenstände notieren soll. Die Anzeige hatte ich schon zu Beginn unterschrieben.

«Eigenartig; seither ist die Wärme im Haus nicht mehr zurückgekehrt», stelle ich fest. Der Schreiner kommt am Dienstag vorbei; die Versicherung weiss Bescheid, gibt sich völlig unkompliziert. Vielleicht hilft das.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1