Olten-Gösgen

Entscheid des Amtsgerichts: Psychisch kranke Frau darf bei den Eltern leben

Das Gericht geht davon aus, dass die Frau im Mehrgenerationen-Haushalt ihrer Eltern ein Umfeld antrifft, das sie psychisch stabilisieren kann. (Symbolbild)

Das Gericht geht davon aus, dass die Frau im Mehrgenerationen-Haushalt ihrer Eltern ein Umfeld antrifft, das sie psychisch stabilisieren kann. (Symbolbild)

Trotz Messerangriff auf Nachbarin muss 30-Jährige nicht in eine geschlossene Anstalt, entschied das Amtsgericht Olten-Gösgen.

Unter Wahnvorstellungen leidend griff im Sommer 2018 in der Region Olten eine junge Frau ihre Nachbarin mit einem Küchenmesser an und verletzte ihr Opfer leicht an Hand und Hals. Gestern Freitag entschied das Amtsgericht Olten-Gösgen, dass die heute 30-jährige Frau nicht in einer geschlossenen Anstalt leben muss, sondern wieder bei ihren Eltern leben darf. Sie muss Medikamente nehmen und regelmässig eine Psychotherapie besuchen. Dass die junge Frau zum Tatzeitpunkt unter paranoiden Wahnvorstellungen litt und somit als schuldunfähig eingestufte werden muss, war unbestritten. Aber die Staatsanwaltschaft hatte als Massnahme eine stationäre Psychotherapie in einer geschlossenen Anstalt gefordert. Die Gesellschaft müsse vor weiteren Gewalttaten geschützt werden.

«Das Gericht geht aufgrund der Schilderung des Opfers davon aus, dass die Beschuldigte nicht zustechen wollte, sondern dass sie ihrem Opfer das Messer an den Hals hielt, um es zu bedrohen», sagte Amtsgerichtspräsident Claude Schibli in der Urteilsbegründung. Das Opfer habe unter Todesangst gelitten, das Leben sei jedoch objektiv betrachtet nicht wirklich in Gefahr gewesen. Die Tat der psychisch kranken Frau sei deshalb als einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand und nicht als versuchte vorsätzliche Tötung einzustufen, wie es die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. «Ein Schuldspruch und eine Strafe sind nicht möglich. Die rechtliche Qualifikation ist aber nötig, um die richtigen Massnahmen treffen zu können», fuhr der Richter fort.

Die schwere schizo-affektive Störung und die paranoiden Schübe seien mit der bereits begonnenen, langfristigen Verabreichung des Medikaments Abilify unter Kontrolle zu halten. «Die Beschuldigte ist behandlungsbedürftig. Eine solche medizinische Behandlung ist laut dem psychiatrischen Gutachten Erfolg versprechend und kann neuerliche Gewalttaten vermeiden. Die deliktrelevante psychische Erkrankung hat sich unter der heutigen Medikation bereits deutlich verbessert. Eine stationäre Therapie in einer geschlossenen Anstalt ist deshalb nicht unbedingt nötig.»

Da die Eltern wünschen, ihre kranke Tochter wieder in ihrem früheren Kinderzimmer aufzunehmen, verfügte das Gericht eine ambulante Therapie mit einem engen Setting: Unterbringung bei den Eltern, regelmässige Psychotherapie, dauerhafte Medikation, Betreuung durch die Psychiatrie-Spitex, Besuch eines psycho-edukativen Kurses und Kontrolle durch die Bewährungshilfe. Das Gericht geht davon aus, dass die Frau im Mehrgenerationen-Haushalt ihrer Eltern ein Umfeld antrifft, das sie psychisch stabilisieren kann.

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