Stüsslingen

Eins plus eins gleich eins - Gemeindefusion im Niederamt

Ortsbild Dorfansicht Stüsslingen

Ortsbild Dorfansicht Stüsslingen

Die Gemeinden Rohr und Stüsslingen informierten über die mögliche Gemeindefusion. Wie ist die Stimmung bei den Bürgern?

«Mein Puls ist ruhig», sagt ein Rohrer nach der Informationsveranstaltung. Er gehört zu den rund 100 Rohrer und Stüsslinger, die sich am Montagabend in der Mehrzweckhalle zusammengefunden haben. Die beiden Gemeindepräsidenten Georges Gehriger und André Wyss, der Verantwortlichen für Gemeinden des Kantons, Dominik Fluri und der Finanzverwalter von Stüsslingen, Matthias Deppeler, stehen vor den Zuschauern. Der Gegenstand der Präsentation ist die Gemeindefusion von Stüsslingen und Rohr. Dieses Projekt läuft schon seit drei Jahren (wir berichteten). Jetzt wird über den Stand der Dinge informiert. Gleichzeitig will man den Puls der Einwohner fühlen: Gibt es noch offene Fragen, was die Fusion betrifft? Wie ist die Grundstimmung?

Erläuterungsbericht zur Fusion per 1. Januar 2021

In den letzten Monaten wurde am Erläuterungsbericht zur Fusion per 1. Januar 2021 gearbeitet. Dieser Bericht soll für die Gemeindeversammlung im Dezember bereit sein. Jetzt wird sichergestellt, dass der Bericht alle Fragen der Bevölkerung beantwortet. «Diese Gemeindefusion ist kein Schnellschuss», bestätigt Dominik Fluri. Er arbeitet für den Kanton beim Amt für Gemeinden und hat schon viele Fusionen gesehen. Er legt den Zuhörern die Sicht des Kantons dar und betont, dass dieser den Gemeinden bei Fusionen keinen Druck auferlege, aber gerne beratend unterstützt: «Die Gemeinden wissen am besten, ob sich eine Fusion lohnt oder nicht.»

Er hat das vorliegende Fusionsprojekt von Anfang an mit seiner Expertise unterstützt. Der Gemeindepräsident von Rohr, André Wyss, hat ihn vor drei Jahren kontaktiert und nach dem Vorgehen gefragt. Im Bahnhofsbuffet von Olten hat er ihm dann die rechtlichen Schritte und Knackpunkte erklärt.


Emotionale Entscheidung für Rohr

Die Fusion der zwei Gemeinden ist eigentlich alter Tabak. Schon Ende der 1990er-Jahre wollte man den Schritt wagen. Aber dann haben sich die Rohrer dagegen entschieden. Was die genauen Gründe der damaligen Absage waren, bleiben unklar. Klar ist aber, dass es für die Rohrer eine emotionalere Angelegenheit ist, als für die Stüsslinger. Der Dorfteil Rohr wird zwar bestehen bleiben und das Dorfschild bekommt nur eine Ergänzung, aber die Gemeinde soll später Stüsslingen heissen. Auch das Wappen soll jenes mit den drei Sternen auf blauem Grund werden. Da dass 95-Seelen-Dorf Rohr Mühe hat, seine 21 Ämter zu besetzen, scheint eine Fusion der einzige und logische Schritt.

«Ich könnte mir vorstellen, dass sich der eine oder andere Rohrer um den Verlust der Eigenständigkeit fürchtet», sagt Wyss. So wird auch während des anschliessenden Apéros diskutiert: «Ich finde unser Wappen schön und es wäre schade, wenn es verloren ginge», wendet eine junge Rohrerin ein. Sie sei für die Fusion, aber sie wünsche sich, dass gewisse Rohrer Eigenheiten bestehen bleiben würden. Der Stüsslinger Gemeindepräsident Gehriger beschwichtigt: «Solche Details sind nicht in Stein gemeisselt.» Am Wappen soll die Fusion nicht scheitern und komme ein guter Vorschlag, kann das auch später geändert werden.

Finanzielle Überlegungen in Stüsslingen

Stüsslingen zählt heute genau 1000 Menschen mehr als Rohr. Für das Dorf ist es weniger eine emotionale Angelegenheit. Finanzielle Fragen stehen im Vordergrund: Wird der Steuerfuss sich verändern? Der Stüsslinger Finanzverwalter Matthias Deppeler erklärt die heutige Situation und die Situation nach der Fusion. Die Veränderungen sind minimal. Es sei aber schwierig, Prognosen über den Steuerfuss zu machen. «Andere Faktoren wie die Bildung und das Soziale haben einen grösseren Einfluss auf den Steuerfuss als die Fusion», so Deppeler.

Der Kanton unterstützt finanziell

Die Fusion ist aber nicht gratis. So fällt Reorganisationsaufwand an. Fluri vom Kanton erklärt: «Der Kanton zahlt 30 000 Franken Projektkostenbeitrag, falls die Fusion zustande kommt.» Zudem würden im vorliegenden Fall die nächsten sechs Jahre eine Besitzstandsgarantie beim Finanzausgleich gelten. Und wenn der Kanton einen Fusionsbeitrag zahlen würde, dann fliessen – nach den aktuellen Berechnungen – rund 200 000 Franken in die Stüsslinger Kassen. Aber dies sei noch nicht spruchreif. Nach dem gut einstündigen Referat kommt es zur Fragerunde: Wasserversorgung, Spezialfinanzierung und andere technische Fragen beschäftigen die Stüsslinger und Rohrer.

Beim anschliessenden Apéro stehen die Leute zusammen und plaudern. Wo die Rohrer und wo die Stüsslinger sind, ist für den Aussenstehenden nicht ersichtlich. «Wir sind zusammen in die Schule gegangen und wir sind auch in den gleichen Vereinen», erklärt eine junge Stüsslingerin. «Die Veranstaltung war sehr informativ und ich bin klar für eine Fusion», meint ein Anderer. Der Grundtenor ist positiv: Eine Fusion würde die gelebte Gemeinschaft rechtlich besiegeln.

Damit die zwei Gemeinden ab Januar 2021 eine wird, muss an den Gemeindeversammlungen vom Dezember ein Eintrittsentscheid gefällt werden. Anfang nächstes Jahr wird es dann eine Urnenabstimmung geben. «Ich stehe der Abstimmung gelassen gegenüber», sagt Gehriger. Denn er ist überzeugt, dass die Arbeitsgruppe die Fusion gut und sorgfältig vorbereitet hat. Jetzt sei es am Volk zu entscheiden. So auch Wyss: «Ich würde mich freuen, wenn die Fusion erfolgreich verlaufen würde.» Ein wenig wehmütig scheint er schon zu sein. Denn es wäre seine letzte Legislaturperiode als Rohrer Gemeindepräsident, würde es zur Fusion kommen.

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Autorin

Judith Frei

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