Anerkennungs-Preis

Eine stille und bescheidene Schafferin: Schönenwerderin erhält Anerkennungspreis

Gemeindepräsident Peter Hodel hält die Laudatio auf Verena Widmer-Hersperger

Übergabe des Schönenwerder Anerkennungspreises

Gemeindepräsident Peter Hodel hält die Laudatio auf Verena Widmer-Hersperger

Verena Widmer-Hersperger erhielt am 1. Januar 2020 die Auszeichnung für besondere Verdienste der Gemeinde Schönenwerd. Ein Portrait.

Der Rummel um ihre Person ist Verena Widmer unangenehm. Die 82-jährige Schönenwerderin steht nicht gerne im Mittelpunkt. Ihr ganzes Leben half sie anderen Menschen, wo sie konnte, setzte sich für das Dorfleben ein, packte an, wo es galt, Not zu lindern und den Zusammenhalt zu fördern. Wer ist diese aussergewöhnliche Frau?

Geboren wurde Verena Widmer-Hersperger am 8. Oktober 1937 als jüngstes Kind einer fünfköpfigen Familie. Während dem Zweiten Weltkrieg war der Vater oft im Militär, leistete über tausend Diensttage. Die Mutter engagierte sich in der Anbauschlacht (Plan Wahlen), nebst der Betreuung der drei Kleinkinder. Als Siebenjährige sieht Widmer in einer Zeitschrift die abgemagerten KZ-Häftlinge nach ihrer Befreiung, darunter Kinder in ihrem Alter. Noch heute erinnert sie sich an den Eindruck: «Man sah fast nur ihre Augen, sie waren nur noch Haut und Knochen». Sie fasste den Entschluss, in ihrem Leben Kindern zu helfen. Am Lehrerseminar in Solothurn lässt sie sich zur Kindergärtnerin ausbilden, ihre erste Stelle tritt sie im benachbarten Gretzenbach an.

Überlebenspakete oder Migros-Bons

1961 wurde zu ihrem Schicksalsjahr. Sie heiratete den Buchdrucker Fritz Widmer, drei Töchter kamen danach zur Welt. Sie gibt ihre Berufstätigkeit vorübergehend auf, um sich um die Mädchen zu kümmern. Da entdeckte sie im Niederämter Anzeiger ein Inserat: Die Stiftung Pro Juventute suchte eine Vertreterin für das Dorf. Widmer meldete sich und erhielt die ehrenamtliche Stelle: «Damals gab es noch keine Spitex, kein Frauenhaus, auch keinen Mahlzeitendienst.» Das staatliches Sozialsystem ist noch stark ausgebaut, weshalb Leute, die Hilfe benötigen, von der Pro Juventute unterstützt werden. «Wir gaben nie Geld, sondern überreichten ‹Überlebenspakete› oder Bons für die Migros. Denn dort konnte man weder Alkohol noch Tabak kaufen», berichtet Widmer. Die ‹Überlebenspakete› bestanden aus Waren des täglichen Bedarfs. «Von Spaghetti bis WC-Papier war alles dabei.»

Widmer wurde mit der Not anderer hautnah konfrontiert. «Einmal klingelte es morgens um ein Uhr bei mir. Draussen stand eine Frau im Nachthemd. Ihr Mann hatte sie vom Balkon im Hochparterre auf den Rasen hinuntergeworfen. Sie sagte, er sei im Rausch gewesen. Daher dachten wir, dass er nun schlafen würde und schlichen durch ein offenes Fenster in die Wohnung zurück, um die beiden Kleinkinder aus den Betten zu holen. Danach meldeten wir uns bei der Polizei.»

Ein grosses Anliegen war für Widmer und die anderen Vertreterinnen der umliegenden Gemeinden auch die Förderung der Lehrbuben. «Wir schauten, dass sie bei Bally im Ausschuss-Laden ein Paar Arbeitsschutz-Schuhe kaufen konnten oder Überkleider bekamen. Auch spezielle Matratzen für asthmatische Kleinkinder wurden den Familien verteilt. Der Höchstbetrag für eine Ausgabe lag bei 500 Franken, was jedoch selten vorkam. «Für die damalige Zeit war das viel Geld. Eine Kindergärtnerin verdiente damals 800 Franken im Monat.» Das Zentralsekretariat der Pro Juventute in Zürich kontrollierte die Arbeit. Meistens ging es jedoch um kleine Hilfen im Alltag. Ihr Mann sammelte in der Alteisenmulde immer die Velos ein. Aus drei kaputten entstanden so zwei fahrbare. «Er gab nicht auf, bis alle Kinder ein Velo hatten.»

Aus Sturmschäden entsteht der Dorf-Frondienst

Ein Sturm richtete 1972 im Schönenwerder Wald grossen Schaden an. Das Ehepaar Widmer rief den Frondienst ins Leben, der bis heute besteht. Jeden ersten Samstagmorgen im Monat treffen sich Leute aus dem Dorf, um im Wald gemeinsam zu arbeiten. Die Geselligkeit kommt dabei nicht zu kurz. Sie halb Flüchtlingen aus Kambotscha, gehörte 1995 zu den Initanten des Paul Gugelmann-Museums und half, dass der Bally-Park nach der Überschwemmung von 2007 wieder instand gestellt wurde.

Es gäbe noch viel aufzuzählen, wo die stille und bescheidene Schafferin überall gewirkt hat. Die Anerkennung ihres Lebenswerkes durch die Gemeinde ist dennoch ein Zeichen, dass auch ihre Taten nicht unbemerkt geblieben sind. Wo hat sie nun die von Oliviero Gorza geschaffene Skulptur platziert? Etwa auf dem Kaminsims, im Bücherregal, auf dem Esstisch? Verena Widmer winkt ab. «Sie steht diskret hinter einem Blumentopf.» Der Ort scheint ihre eigene Position zu spiegeln: Unscheinbar, aber doch vorhanden.

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