Aus Niederämter Sicht
Ein Stück Weihnachten im Herzen

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Weihnachten steht vor der Tür und normalerweise werden einem um diese Zeit die Jahresrückblicke nur so um die Ohren gehauen. Titel wie «Die besten Songs des Jahres», «Das hat uns 20XY bewegt» oder «Diese Promis haben uns verlassen» werden durch alle Medien gereicht.

Für 2020 wird es wohl eher heissen «15 Sachen, die uns trotz Corona Freude bereitet haben» oder «Das Jahr, das nur zweieinhalb Monate dauerte». Allerdings ist mir bis jetzt noch kein solcher Rückblick begegnet, vielleicht folgen sie nächste Woche noch, vielleicht hat auch einfach niemand Lust, auf das vergangene Jahr zurückzublicken. Was aber im Vergleich zu vorhergehenden Jahren ähnlich bleibt, ist das starke Verlangen nach einer heilen Welt zur Weihnachtszeit. Guetzli backen, Kerzen anzünden, Geschenke für die Liebsten aussuchen. Vielleicht hat sogar die eine oder der andere dieses Jahr mehr Zeit, sich bei den Weihnachtsvorbereitungen so richtig ins Zeug zu legen und selbst etwas zu basteln, bauen oder backen.

Doch nicht nur im engsten Familienkreis spiegelt sich der Weihnachtsgeist wider. Plötzlich werden überall sanftere Töne angeschlagen, Menschen werden grosszügiger, sie spenden und denken an die Leute, die den Rest des Jahres über vergessen gegangen sind. Das ist schön und kann in vielen Situationen Freude und etwas Erleichterung bringen. Was wir dabei aber nicht ausser Acht lassen dürfen: Auch im August gibt es Menschen, die einsam sind. Auch im April gibt es Alleinerziehende, die ihren Kindern kein Geschenk beispielsweise zum Geburtstag kaufen können. Das ganze Jahr über gibt es Menschen, die ein «du machst das gut» oder «schön, dass es dich gibt» verdient haben. Nur denkt dann oft niemand an sie und sie stehen alleine da.

Ich will mit diesen Gedanken niemandem die Vorweihnachtszeit oder gar das Weihnachtsfest vermiesen. Aber ich will dazu anregen, die nette und grosszügige Seite nicht gleich am 27. Dezember wieder in den Schrank zu hängen. Ich glaube, es würde uns guttun, das ganze Jahr etwas Weihnachten in unseren Herzen und Köpfen zu tragen. Oder wie es in einem Song der Band Queen heisst: «Thank God it’s Christmas, let it be Christmas every day».

Und zwar das Weihnachten, wo man seinen Nachbarinnen und Nachbarn Guetzli in den Briefkasten legt, beim Weihnachtsbaumverkauf im Dorf einen Schwatz hält und etwas trinkt oder das Weihnachtskonzert der örtlichen Musikgesellschaft besucht.

Nicht das Weihnachten, wo man dem reichsten Mann der Welt noch mehr Geld in den Rachen wirft und Paketbotinnen und Paketboten an den Rand ihrer Kräfte bringt, indem man Geschenke auf Amazon bestellt.

Das tönt jetzt alles so schön und gut, beinahe kitschig. Ich weiss aber auch, dass es schwierig ist, im Alltag daran zu denken. Man ist gestresst, abgelenkt oder sehr auf etwas anderes fokussiert. Das mit den guten Vorsätzen zu Jahresbeginn hat sowieso noch nie wirklich funktioniert, also wieso überhaupt noch probieren? Es gibt einen ganz eigennützigen Grund: Weil man selber auch mal davon profitieren kann. Zum Beispiel dann, wenn eine andere Person versucht, den gleichen Vorsatz umzusetzen, und Sie genau im richtigen Moment fragt: «Wie kann ich helfen?»

Vielleicht gibt es ja Menschen, die diese Kolumne regelmässig lesen. Ich werde dann probieren, Sie in einem halben Jahr nochmals daran zu erinnern. So quasi auf dem halben Weg bis zur nächsten Weihnachten. Ich schliesse das Jahr in dieser Kolumnenserie mit dem Aufruf, 2021 ein Stück Weihnachten im Herzen zu tragen. Oder wie unsere Mamis und Grosis sagen würden: «Sitt lieb zunand!»

Melina Aletti, Pharmazie-Studentin, wohnt in Niedergösgen.