Niederamt

«Die Lieferungen von Rohmaterial sind mindestens bis Juli blockiert»

Herbert Kuster hat in seiner Firma wegen den Massnahmen des Bundes volle Auftragsbücher.

Herbert Kuster hat in seiner Firma wegen den Massnahmen des Bundes volle Auftragsbücher.

Ganze Branchen leiden unter den verordneten Massnahmen des Bundes. In Gretzenbach gibt es aber eine Ausnahme.

Im Niederamt kann sich ein Hersteller von Produkten aus Plexiglas kaum vor Aufträgen retten. Die Nachfrage ist immens: Banken, Lebensmittelgeschäfte, Institutionen und Ämter, alle brauchen Trennwände aus Acrylglas, also Plexiglas.

Das Unternehmen Plexiglascenter aus Affoltern am Albis produziert diese auch in Gretzenbach. Herbert Kuster ist Geschäftsführer vom Plexiglascenter. Er sagt: «Wegen der Vogelgrippe und auch wegen der Sars-Pandemie im Jahr 2003 war unser Betrieb auf eine solche Situation vorbereitet.»

Schon damals hätten sich grosse Schweizer Konzerne mit Trennwänden und Spuckschutzen in grosser Stückzahl eingedeckt. «Bereits im Januar rechneten wir mit einer erhöhten Nachfrage, also blockierten wir unsere Lagerbestände.» Im März sind die Bestellungen dann förmlich explodiert.

Lange Schichten, auch am Wochenende

Normalerweise stellt die Firma Vitrinen her, Quader für Exponate in Museen oder gebogene Elemente für Industrie und Geschäfte. Das Material wird gefräst, gebogen oder mit Laser verarbeitet und auf ganz unterschiedliche Weise verwendet. Alle regulären Aufträge wurden jedoch verschoben oder annulliert. Nur wenige dringende Ausnahmen werden weiterhin produziert, sagt Kuster. Alle zwölf Angestellten der Firma sind voll ausgelastet.

Für Schulen, Spitäler, Verkaufstheken oder Botschaften werden Objekte zur Raumtrennung im Akkord hergestellt. Das Unternehmen produziert aktuell auch samstags und sonntags. Neben zwei eigenen Lieferanten verlassen täglich 50-100 Pakete per Post oder Kurier das Haus. Kuster sagt: «Wir haben auch Bestellungen von Gefängnissen oder Büros und fertigen Speziallösungen in grosser Zahl an.»

Eine der ersten grossen Lieferungen zu Beginn der Krise erfolgte an das Staatssekretariat für Migration. «Weil sie die Abklärungen mit Asylsuchenden nicht aussetzen konnten, bestellte das Amt bereits sehr früh bei uns.» Und Kuster fährt fort: «Vielen Kunden müssen wir im Moment absagen oder sie um etwas Geduld bitten.»

Ein spezieller Fall war eine Sprachheilschule im Kanton Bern: Weil die Auflagen des Bundes auch für sie gilt, deren Schulkinder mit Gesichtsvisieren in Gebärdensprache aber nicht sprechen können, fand Kuster in Absprache mit einem anderen Kunden eine Lösung. So konnten der Schule Trennwände für jeden Platz zur Verfügung gestellt werden.

Windschutz für die Attika liegt aktuell nicht drin

Die Lagerbestände schrumpfen. Die Platten in unterschiedlicher Dicke werden immer weniger. Weil die Herstellung des Produkts in ganz Europa an seine Grenzen stösst, musste das Plexiglascenter bereits Auftragsbestätigungen aussprechen, mit Material welches erst mit Lieferungen Ende Juni und sogar im Juli eintreffen wird. «Diese Sendungen sind bereits alle reserviert», sagt Kuster.

Einige Kunden hätten kein Verständnis für die Lieferengpässe, zeigten sich sogar entrüstet ob der Wartezeit, das sei schade. Wer jetzt einen Windschutz für die Attikawohnung ordern will, muss sich gedulden. Ein Ende der Bestellflut ist noch nicht in Sicht. Ein weiterer Grosskunde sei das Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon. Das Seminarzentrum braucht Schutzwände für 80 Plätze.

Einen Vorteil sieht Kuster in der Beschaffenheit des Materials: «Wenn all die Trennwände und Platten nicht mehr gebraucht werden nehmen wir das gesamte Material zurück.» Acrylglas kann vollwertig recycelt werden. Daraus entstehen neue Produkte in allen Farben und Formen. «Das ist das Schöne am Ganzen.»

Weiter bekennt sich Kuster zum Standort in Gretzenbach. «Für uns ist die Lage hier ideal. Wir planen, zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.» Diese Absicht hängt nicht mit Corona zusammen. Das Unternehmen hat die Filiale Plexipoint in Gretzenbach erst im April eröffnet. Unabhängig von der Krise schafft sich Plexiglascenter so ein Standbein in der Region Niederamt, mitten in der Schweiz.

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