Lostorf

Der Gross Chastel war ein Refugium in unsicheren Zeiten

Auf dem Gross Chastel erklärt der Archäologe Christoph Philipp Matt die Bedeutung des Refugiums. Die Zeichnung zeigt die ungarische Pfeilspitze.

Auf dem Gross Chastel erklärt der Archäologe Christoph Philipp Matt die Bedeutung des Refugiums. Die Zeichnung zeigt die ungarische Pfeilspitze.

Auf dem Gross Chastel oberhalb von Lostorf befand sich in spätrömischer Zeit eine Rückzugsiedlung.

Es braucht eine gewisse Vorstellungskraft, sich auf der leicht abfallendenden Hochebene eine kleine Siedlung vorzustellen. Wo sich vor gut 1770 Jahren kleine Holzhäuser befunden haben mögen, sieht man heute nichts als Bäume und spärlich bewachsenen Waldboden. Nichts deutet darauf hin, dass sich auf dem Gross Chastel einmal Menschen aufgehalten haben.

Einer, der sich hier bestens auskennt, ist Christoph Philipp Matt (67). Vor gut vierzig Jahren hat er sich der Baselbieter als Student der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie intensiv mit dem Gross Chastel auseinander gesetzt. «Mein Professor gab mir das Thema, die von dort stammenden römischen Streufunde auszuwerten.» Daraus entstand seine Abschlussarbeit, die den Gross Chastel erstmals wissenschaftlich auswerteten. Dabei ging es auch um die Deutung des Ortes. War der Gross Chastel ein Höhenheiligtum oder eine römische Warte? Weder noch, ist sich Matt sicher. Was für Aussenstehende nach einer harmlosen Frage klingt, hat innerhalb der Archäologie-Szene für hohe Wellen gesorgt.

Für Matt steht fest, dass der Gross Chastel als eine Rückzugsiedlung diente. Während die römischen Strukturen zerfielen und Alemannenüberfälle die Gegend um Lostorf unsicher machten, suchten die Bewohner der römischen Villen Schutz im abgelegenen, temporären Refugium. Mauerreste fanden sich keine, dafür aber viele Nägel, was den Schluss nahe legt, dass auf dem Gross Chastel einfache Behausungen für Menschen und Tiere aus Holz erstellt wurden. Als mögliche Erbauer kommen die Bewohner der römischen Gutshöfe in Lostorf oder Winznau in Frage. Solche Flucht-Orte sind typisch für die spätrömische Zeit, die dann ab dem vierten Jahrhundert wieder aufgegeben wurden.

Christoph Matt hielt daher in seinem «Vorbericht» fest, dass «man sich kaum jeweils nur einige Tage auf den Gross Chastel geflüchtet hat.» Es ist von einer «intensiven Besiedlung» zwischen 250 und 280 n. Chr. auszugehen. Allerdings stand der Gross Chastel im Schatten der Refugien auf der Frohburg oder dem Wittnauer Horn, dessen Bedeutung und Ausbau er nie erlangte. Nochmals als Rückzugsort aktiviert wurde das Plateau wohl im 10. Jahrhundert. Die Einfälle der Ungarn hinterliessen eine Spur in Form einer Pfeilspitze. «Dieser Fund ist für die Nordwestschweiz einmalig», erklärt Matt.

Seit 1980 arbeitete Matt bei der archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt. Der Gross Chastel liess ihn aber nicht los. Nachdem er seinen «Vorbericht» 1981 in der Zeitschrift «Archäologie in der Schweiz» und 1987 den Gesamtbericht im Jahresband der Archäologie des Kantons Solothurn veröffentlichte, publizierte er 2008 einen Aufsatz zum Gross Chastel im Sammelband «Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter». Dass er nun für diese Begehung wieder an die Stelle seines anfänglichen Wirkens zurückkehrt, erfüllt ihn mit Freude: «Es schliesst sich ein Kreis.»

Erste Funde schon 1911

Der Gross Chastel ist ein schwer zugängliches, etwa dreieckiges Plateau, das auf drei Seiten steil abfällt. Einzig von Westen her ist die Hochebene einigermassen gut zugänglich. Lange Zeit war dieses abgelegene Gebiet in Vergessenheit geraten. Pfarrer Karl Sulzberger (1876-1963) aus Trimbach und der Solothurner Historiker und Burgenforscher Eugen Tatarinoff (1868-1938) fanden dort 1911 römische Keramik und Ziegelfragmente. 1935 entdeckte der Kreisförster Paul Meier weiteres Material, das er dem Historischen Museum in Olten zukommen liess. Dadurch wurde Theodor Schweizer (1893-1956) auf die Stelle aufmerksam. Der Amateur-Archäologe, im Hauptberuf Postangestellter, betrieb in seiner Freizeit heimatkundliche Studien und interessierte sich besonders für Plätze der Ur- und Frühgeschichte. Viele der heute bekannten Stätten gehen auf seine Entdeckung zurück.

Mit drei Arbeitslosen begann er im April 1937 mit einer dreiwöchigen Ausgrabung auf dem Gross Chastel. Eine zweite Ausgrabung im folgenden Jahr kam nicht mehr zu Stande. Schweizer beging das Gelände nochmals 1949 und fand eine römische Münze. Seither ruhen die archäologischen Untersuchungen. Eine flächendeckende Ausgrabung der gesamten Anlage unterblieb bislang.

Die Ausgrabung von Schweizer brachte eine stattliche Anzahl von Funden: 350 Objekte wurden erfasst. Unter anderem fanden sich römische Münzen und Trachtenbestandteile wie eine Zangenfibel, eine Rahmengürtelschnalle oder eine Zierscheibe, daneben auch der Verschlusshaken eines Kästchens, das Fragment einer Schere oder ein Schlüsselbund. Eine Besonderheit stellen zwei Venus-Statuetten und einer Muttergottheit aus weissem Ton dar. Die Muttergottheit wurde von einem Töpfer namens Pistillus in Mittelgallien erschaffen und war weit verbreitet. Auch in der römischen Villa von Olten-Grund wurde eine Statuette des gleichen Töpfers gefunden. An keramischen Funden sind Schalen und Kochtöpfe, Becher und Krüge zu nennen. Es handelt sich um Reste von mindestens 150 Gefässen.

Wer sich heute auf den Gross Chastel begibt, sollte die im Internet abrufbaren Berichte von Christoph Philipp Matt im Gepäck haben, denn vor Ort erinnert nichts an die Fundstelle. Keine Tafel, kein Schild weist auf die archäologische Bedeutung hin. Ob eine solche Beschriftung nötig wäre, mag Matt nicht beurteilen. «Das müsste von Leuten aus Lostorf angeregt werden.»  Ein Vorteil hat dieser Schleier des Unbekannten: Dass keine Massen auf den Gross Chastel strömen, ist für die Erhaltung der noch im Boden liegenden Fundstücke jedenfalls der beste Schutz.

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