«Waren Sie schon mal beim Gelmersee im Berner Oberland? Dort gibt es einen sehr schönen Weg um den See herum. An einer Stelle ist es zwar etwas eng, ja fast schon kritisch. Der Rest ist aber wunderschön. Und was ist mit der Wanderung vom Weissenstein zum Grenchenberg? Ich sage Ihnen, dieser Blick nach unten, einfach toll.»

Oswald Schmid wandert für sein Leben gerne. Unzählige Routen hat er bereits abgelaufen. Wenn er vom Wandern, den Aussichtspunkten und Wanderwegen erzählt, merkt man augenblicklich: Er weiss, wovon er spricht.

Er war der erste

Seit 41 Jahren sorgt er — meist alleine — dafür, dass die Wanderlustigen durchs Niederamt spazieren können. Als Bezirksleiter für Olten-Gösgen beim Verein Solothurner Wanderwege läuft er die Routen zwischen Aarau und Olten ab. Hier muss ein Wegweiser ersetzt werden, dort ist die gelbe Raute am Wegrand durch Wind und Wetter verblasst.

«Als ich 1978 angefangen habe, da gab es keine Wegweiser, keine Zeitangaben. Nur ein paar gelbe Linien am Wegrand», erzählt der heute 86-Jährige. Der Verein Solothurner Wanderwege wurde erst ein Jahr darauf gegründet.

Er kennt sie in- und auswendig

Schmid sitzt am Küchentisch in seiner Drei-Zimmer-Wohnung in Dulliken. Immer wieder zeichnet er mit seinem Zeigfinger Wege und Kurven auf die Tischplatte. Er kennt sie alle, in- und auswendig. Manchmal erhielt er einen Anruf, wenn Stefan Baltermi oder Louis Meier irgendwo unterwegs waren: «Osi», sagten sie dann etwa, «ich stehe jetzt hier, ein paar Schritte von der Froburg entfernt, bei dieser Abzweigung, weisst du, wo ich meine?» «Osi» wusste genau, wo sich Baltermi oder Meier befanden.

Der eine unterstützte ihn seit 2006, der andere seit 2008. Sein ganzes Wissen will Schmid nun aber einem anderen weitergeben, der Niedergösger Hans Belser wird sein Nachfolger. Denn es ist Schmids letztes Jahr als Bezirksleiter. «Für mich ist das jetzt der richtige Zeitpunkt, nicht zu früh, nicht zu spät», sagt Schmid.

41 Jahre Wanderweg-Erfahrung in einem Ordner

Während des Erzählens fallen ihm immer neue Fakten ein. Mehrmals steht er auf, holt eine alte, verstaubte Landkarte oder einen dicken, blauen Ordner aus dem Nebenzimmer. In diesem Bundesordner steckt alles drin, 41 Jahre Wanderweg-Erfahrung. Jede einzelne Tafel, die in der Region Olten-Gösgen steht, ist darin enthalten — mit Foto, Beschreibung, Zustand.

450 goldgelbe Wegweiser sind es insgesamt. Sie stehen an 147 verschiedenen Standorten auf 178 Kilometern Wanderwegen — «davon sind zwei Drittel Naturwege», betont Schmid.
Oswald Schmids Erfahrungsschatz ist riesig. Er umfasst jedoch nicht nur Wanderrouten. Er erinnert sich an die Flugzeuge, die während des Zweiten Weltkrieges mit bedrohlichem Getöse über seinen Kopf brausten.

«Wir kamen viel herum»

«Jedes Mal, wenn ich in den Himmel blicke», sagt er und zeigt aus dem Fenster. Er erinnert sich daran, dass er eigentlich Automechaniker werden wollte. Als ihm ein Bekannter seines Vaters eine Schreinerlehre anbot, musste er sich entscheiden: «Mein Vater gab mir zwei kleine Holzstäbchen, der eine war kürzer als der andere.» Er zog den kürzeren und wurde Schreiner. Und er erinnert sich an die Arbeit als Wegmacher beim Kanton Solothurn.

ür den Strassenunterhalt war er zuständig. Bis zu seiner Pensionierung krampfte er auf den Solothurner Strassen. «Wir kamen viel herum. Eintönig war es darum nie», erzählt der vierfache Vater, zweifache Grossvater und zweifache Urgrossvater.

Bis im Herbst hat er noch einiges zu tun

Trotz der vielen Arbeit, Schmid nahm sich die Zeit für gleich mehrere Hobbys. Er spielte 44 Jahre lang die Posaune in der Musikgesellschaft Dulliken, löschte 30 Jahre lang Brände mit der Feuerwehr Dulliken, gewann einige Medaillen am Volksschiessen in der Region. Die goldenen und silbernen Auszeichnungen hängen in seinem Wohnzimmer. Ebenso die Urkunde der Solothurner Wanderwege — vor sechs Jahren wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.

Die Wanderweg-Betreuung abzugeben, fällt dem 86-Jährigen nicht ganz leicht. «Das Laufen fehlt mir schon jetzt», sagt er und schiebt den Gedanken ans Aufhören wieder zur Seite. Bis im Herbst habe er noch einiges zu tun. Und: «Waren Sie schon mal auf der Belchenflue? Das ist der schönste Aussichtspunkt im Jura. 360 Grad ringsherum gibt es etwas zu sehen», schwärmt Schmid. Da würde er gerne nochmals rauf. «Aber wissen Sie, die Arthrose in meinen Beinen.»