Die Äste biegen sich unter der Last. Nur leicht wiegen sich die Kirschbäume im Wind. Vermutlich sind sie froh über jeden Besucher, der ein paar der dunkelroten, glänzenden Früchte von den dünnen Ästen trennt – und sie sich entweder direkt in den Mund oder sorgfältig in den am Gürtel befestigten Holzkorb steckt.

Seit Ende Juni ist hier «selber pflücken» angesagt. So heisst das Konzept der Familie Grob vom Bauernhof «Im Holz» in Winznau. Wer Kirschen, Zwetschgen oder Äpfel will, der muss sie selbst von den Hochstammbäumen ablesen. Zuvor unterschreiben die Kunden ein Dokument, in dem sie die Haftung beim Besteigen der Leiter für sich selbst übernehmen.

«Wir machen das nebenbei»

«Es ist ein Experiment», stellt Simon Grob gleich zu Beginn klar. Er uns seine vier älteren Geschwister – Judith Leuthold, Reto Grob, Karin Senn und Lukas Grob – sind gerade in ihr erstes Jahr gestartet. Seither können die Kirschen gepflückt werden. Sein Bruder Lukas Grob ergänzt: «Wir machen das nebenbei, denn eigentlich arbeiten wir alle woanders.»

Die Idee ist aus der Not entstanden: Im September 2018 verstarb ihr Vater, Hans Grob-Marti, überraschend im Alter von 69 Jahren. Der Landwirt kümmerte sich leidenschaftlich um seine Obstbäume. Die Früchte verkaufte er jeweils an einem eigenen Stand auf der Kirchgasse in Olten.

Die ältesten Bäume sind über 30 Jahre alt

Die 80 Hochstammbäume rund um den Bauernhof, sie sind sein Vermächtnis. «Darum wollten wir sie behalten», sagt Lukas Grob, während er über den Bauernhof führt. Das Landwirtschaftsland hätten sie an die benachbarten Bauern verpachtet. Die Mutterkühe, Hühner und Pferde wurden verkauft. «Die Bäume lagen unserem Vater sehr am Herzen, er hat sie alle selbst gepflanzt», so Lukas Grob. Die ältesten seien über 30 Jahre alt.

«Wir hatten unserem Vater die Möglichkeit mit dem Selberpflücken schon mehrmals vorgeschlagen», sagt Lukas Grob. Dieser habe immer abgewunken. Simon Grob ergänzt: «Die Leute sind manchmal schon nicht so vorsichtig und rupfen mal einen Ast eines Baumes ab. Das gehört halt dazu.» Der Vater habe dies aber nicht riskieren wollen. Nun, nach seinem Tod wollten die fünf Geschwister einen Versuch mit dem Konzept wagen.

«Wir sind damit aufgewachsen»

Mit ihrem Selberpflücken-Experiment scheint die Familie Grob ein Bedürfnis abzudecken. Bis jetzt laufe es gut, meint Lukas Grob. Die Kunden kämen von überall her, «aus dem ganzen Mittelland». Auch Leute aus Basel seien schon vorbeigekommen. Vermutlich dank der Werbung auf Facebook und dank der Website, ergänzt Simon Grob. «Wenn es so weiterläuft, dann ziehen wir das Projekt weiter», sagt Lukas Grob. Auch wenn es für die Brüder, die beide hauptberuflich auf dem Bau arbeiten, ein Zusatzaufwand ist.

Noch seien ihnen die Kirschen aber nicht verleidet. «Wir sind ja damit aufgewachsen», sagt Lukas Grob, der als ältester der Geschwister am meisten Erfahrung in der Pflege der rund 50 Kirschbäumen hat. Er weiss denn auch über fast jede der rund 15 verschiedenen Sorten etwas zu erzählen. Da sind die kleinen Schwarzen, die für Schnaps oder Konfitüre geeignet sind. Dann gibt es die grossen Dunkelroten: «Die sind am beliebtesten bei den Kunden.» Und schliesslich führt er noch zu einem Baum voller gelb-weisser, unreif aussehender Kirschen. «Die sind schon reif», sagt Lukas Grob und pflückt für den Besuch zwei Kostproben vom Baum. Lachend erklärt er: «Wir sagen immer, das sind die Kirschen für die Kinder. Die machen keine Flecken.»