Aus Niederämter Sicht
Wie erkläre ich es ihnen?

Raphaela Glättli-Gysi
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Geflüchtete bei einem Einkaufszentrum der polnischen Grenzstadt Przemyśl. Hier erhalten sie gespendete Waren.

Geflüchtete bei einem Einkaufszentrum der polnischen Grenzstadt Przemyśl. Hier erhalten sie gespendete Waren.

Bruno Kissling

Heute eine Kolumne zu schreiben, gänzlich ohne Blick auf das Kriegsgeschehen in der Ukraine, scheint mir geradezu unangebracht und pietätlos. Darum spare ich die Ideen für weitere Kolumnentexte für später auf.

Unsere Tochter kam vergangene Woche aus der Schule nach Hause und sagte: «Wir haben über Krieg geredet». Nur das. Ihre Augen aber waren voller Fragezeichen. Was erzählt man den Kindern? Und vor allem: wie berichtet man über ein solch grosses Thema? «Das ist, wie wenn es bei euch auf dem Pausenplatz eine Schlägerei gibt und man sich nicht versöhnen kann. Aber im Grossen.»

Unser erster Erklärungsversuch, was denn Krieg sei, war soeben kläglich gescheitert an der Wissbegierde unserer Kinder. Diese Antwort reichte ihnen nicht. Als ich unserer Tochter am nächsten Morgen sagte, dass sie auch die Brotrinde essen solle und es gerade viele ukrainische Kinder gebe, welche seit mehreren Tagen auf der Flucht seien und vielleicht nichts zu essen hätten und sie sich das gar nicht vorstellen könne, kam die Antwort postwendend: «Du Dir auch nicht!» Ich sagte ja, da habe sie Recht.

Ich war vierzehn, als 1992 die Armee der bosnischen Serben in Sarajevo einmarschierte. Ich nehme an, wir hatten auch Fragen damals zum Krieg. Und auf alle Fragen haben wir wohl auch Antworten erhalten. Wenn ich mein Tagebuch von damals anschaue, hat mich der Krieg beschäftigt. Heute kommen die im Krieg oder gleich nach Kriegsende geborenen Kinder von damals mit den Jahrgängen 1990 bis 1997 zu mir in den Deutschunterricht.

Viele von ihnen haben schon eigene Kinder. Was macht die heutige Bilderflut mit ihnen? Unsere Kinder blättern von sich aus in der Tageszeitung, schauen sich Bilder an, Bilder von Männern im Krieg, Panzern und auch Bilder von Kindern, die mit ihren Müttern, Grossmüttern und Stofftieren in Berlin, Ungarn oder Polen am Bahnhof ankommen. Dürfen wir unseren beiden Primarschulkindern diese Bilder überhaupt zeigen?

Als Mutter empfinde ich das als Gratwanderung, denke aber, wenn man sie begleitet und versucht altersgerechte Antworten zu finden und Bilder zu erklären, was unsere Pflicht ist, dann können gute und wichtige Diskussionen entstehen. Unsere Kinder haben ein Recht auf richtige, ehrliche Information. Sie schirmen sich selbst gegen ein Zuviel ab.

Etwa, wenn wir im Auto unterwegs sind, muss ich seit Kriegsbeginn immer das Radio ausmachen, wenn Nachrichten gesendet werden. Sind Bilder besser zu ertragen als belebte Bilder und Hörmaterial, etwa kurze Filme aus einem U-Bahn-Bahnhof, in welchen das Bild immer wieder zittert oder der Ton ganz abbricht, weil von Draußen wieder Detonationen zu hören und spüren sind?

Seit Beginn der Pandemie habe ich meine persönliche Auswahl von Film- und Bildmaterial, welches ich mir anschauen möchte zu den tagesaktuellen Themen, gewissermassen selbst zensiert. Auch um dem Zuviel zu entgehen.

Umso wichtiger finde ich, wenn man den Kindern Berichte und Bilder zeigt oder davon erzählt, wenn etwa eine wildfremde Frau, die kleinen Kinder einer ihr ebenso wildfremden Familie sicher über die Grenze brachte und die Mutter später nachkommen konnte und ihre Kinder wieder in die Arme schliessen durfte.

Oder aber die mit Bildern und prägnanten Filmausschnitten untermalte Geschichte eines befreundeten Fotografen, welcher mit seinem VW-Bus vollbeladen mit Hilfsgütern an die ukrainische Grenze fuhr und mit einem Kleinkind, dessen Mutter und weiteren verwandten Frauen zurückkehrte.

Diese mutigen Geschichten, diese kleinen Glücksmomente von Einzelerfolgen mitten in der medialen höchstexplosiven Berichterstattung dieses Krieges, sind es meiner Meinung nach wert, den Kindern zu erzählen. Nicht um ihnen das Weltgeschehen zu verheimlichen, sondern um sie ihrem Alter entsprechend teilhaben zu lassen.

Raphaela Glättli-Gysi ist Sprachkursleitende für Deutsch und wohnt mit ihrer Familie in Lostorf.