Aus Niederämter Sicht
Fastenzeit

Antje Kirchhofer-Griasch
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Julia Konstantinidis (Archiv)

Seit Mittwoch ist wieder Fastenzeit. Vor ein paar Wochen noch zeigte sich, dass trotz Corona auch eine Fasnacht wieder möglich sein könnte. Am Schmutzigen Donnerstag hätte es so richtig losgehen können. Und dann beginnt ein Krieg. Mir fehlen die Worte und die Vorstellungskraft, um das zu begreifen und einzuordnen.

Wie viele andere Menschen frage ich mich, was ich tun kann. Ausser Beten und Hoffen. Die Menschen in Köln haben den traditionellen Rosenmontagsumzug kurzerhand in eine riesige Friedensdemonstrationen verwandelt. So versuchen sie, dem Schrecken zu begegnen. Viele Menschen an vielen Orten sind für den Frieden auf die Strasse gegangen.

Jetzt, nach Aschermittwoch, ist Fastenzeit. In diesen Tagen muss sich die neue Realität erst setzen. Zwischen Aschermittwoch und Ostern fasten auch heute viele Menschen, aus religiösen oder aus gesundheitlichen Gründen.

Das Fasten, das Verzichten auf bestimmte Nahrung, ist aber nur ein Teil der christlichen Fastenpraxis. Papst Franziskus hatte dazu aufgerufen, am Aschermittwoch einen Gebets- und Fastentag für die Ukraine einzulegen. Für die nächsten Wochen der Fastenzeit könnten die Worte des Propheten Jesaja aus der Bibel eine Ermutigung sein. Er spricht darüber, wie ein Fasten, das Gott gefällt, aussehen soll: Wer fastet, soll sich dafür einsetzen, dass Menschen befreit werden.

Man soll sich gegen jede Unterdrückung stellen. Man soll sein Brot mit Hungrigen und Obdachlosen teilen. «Helft, wo ihr könnt, und verschliesst eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen.» Ich finde, das ist ein ganz universeller Fastenaufruf, ganz egal ob man christlich, jüdisch oder sonst religiös oder nicht religiös ist. Der Aufruf: «Helft, wo ihr könnt!», das kann uns auch innerlich ermutigen uns zu fragen, wo unsere Möglichkeiten sind.

Wer sich dafür entschieden hat, in dieser Fastenzeit auf Alkohol, Schokolade und Ähnliches verzichten will, dem wünsche ich dass er oder sie dadurch wichtige innere Erfahrungen gewinnt. Vielleicht verbunden mit einer Zeit der religiösen Vertiefung und Stärkung des inneren Friedens.

Ich hoffe, dass sehr viele Menschen in den nächsten Wochen den Fasten-Aufruf von Jesaja oder eine ähnliche Aufforderung hören und sich motivieren lassen. So wie die freiwilligen Helferinnen und Helfer, die in Polen und anderswo die Flüchtenden empfangen.

Wir können helfen bei den verschiedensten Schwierigkeiten, beispielsweise durch Spenden, oder auch durch Nachbarschaftshilfe, vielleicht durch die Aufnahme von Geflohenen und auf viele andere Art und Weise. Wir können etwas Beitragen zum Zusammenleben in unserem Dorf, in der Schweiz und zum Zusammenleben der Menschen überhaupt.

Wir können auch dazu beitragen, dass andere Themen nicht ganz von der Tagesordnung verschwinden. Die Fastenkampagne der drei landeskirchlichen Hilfswerke fokussiert dieses Jahr auf das Thema Klimagerechtigkeit. Auch dieses Thema bleibt, auch wenn es im Moment überlagert wird. Am letzten Montag erschien gerade vor der Fastenzeit der sechstes Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC über die Folgen der Erderwärmung verbunden mit der Warnung: Wir haben bisher zu wenig gemacht.

Manchmal ist ein Perspektivenwechsel nötig. Nicht nur verzichten ist ein Fasten, sondern auch helfen und das Richtige und Gute tun. «Helft, wo ihr könnt!» Das nehme ich als Inspiration für mich mit in diese Fastenzeit.

Antje Kirchhofer-Griasch lebt in Aarau. Sie ist Pfarrerin in der christkatholischen Kirchgemeinde Schönenwerd-Niedergösgen.

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