Aus Niederämter Sicht
Das alte Haus von Rocky Docky

Raphaela Glättli-Gysi
Raphaela Glättli-Gysi
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Gian Ehrenzeller

Dieses Haus ist alt und hässlich.
Dieses Haus ist kahl und leer,
denn seit mehr als fünfzig Jahren,
da bewohnt es keiner mehr.
Dieses Haus ist halb verfallen und es knarrt und stöhnt und weint.
Dieses Haus ist noch viel schlimmer als es scheint.
Das alte Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt...

Na, liebe Lesende, werden Erinnerungen an Schulreisen und Lagerabende wach, wo dieses Lied unter Gitarrenbegleitung gesungen wurde? Aber auch Erinnerungen an alte, leerstehende Häuser in Ihrem Dorf? Wir hatten gleich zwei solche Häuser am Schulweg. Sie waren zufälligerweise schon offen, als wir uns hineinwagten. Beim Eintreten schlug einem ein kalter, nach Alt riechender Luftzug entgegen. Die Häuser waren marode und drum gefährlich und «gfürchig» aber eben auch eine Mutprobe. Und auch wie das alte Haus von Rocky Docky: denn das Haus ist voller Wunder und voll heimlicher Musik.

Obwohl wir eigentlich wussten und uns das zuhause auch eingeschärft wurde, dass wir gar nicht in das alte Haus dürfen, weil man das erstens nicht macht und eben weil es tatsächlich nicht ungefährlich war, überwiegte der «Gwunder». Die aus dem Haus mitgebrachten Gewichtssteine sind immer noch im Keller meiner Eltern.

Nun steht in Lostorf ein solch altes Haus. Durch den neu errichteten Ersatzschulweg wurde dem Haus ungewollt mehr Aufmerksamkeit zuteil. Unsere Kinder, insbesondere unser Junge und seine Freunde, erzählten aber schon länger von einem Geheimweg beim alten Haus vorbei. Dort sei es spannend und abenteuerlich, war die Antwort, weshalb sie nicht wie bis anhin auf dem gewohnten Weg nach hause laufen könnten.

Nach den Herbstferien aber veränderten sich die Aussagen. Plötzlich hiess es, das Gebäude sei offen und es sei nicht leer, da wohne jemand. Mein erster Gedanke war, da sei wohl die Fantasie mit ihnen durchgegangen. Auf die Frage, ob sie denn schon im Haus drin gewesen seien, kam ein «Ja aber andere Kinder auch» im Chor. Dann, in der Woche vor Halloween, war plötzlich die Rede von einer Mörderpuppe und aufgemalten Handabdrucken.

Ich verdrehte die Augen und sagte mir; ja es ist Halloween und da spielten andere Kinder ihnen einen Streich. Für mich dachte ich, gibt es tatsächlich Eltern, die ihre Kinder «Chucky die Mörderpuppe» sehen lassen? Es war dunkel und neblig an diesem Morgen und ich beschloss, mir ein Bild von besagtem Haus zu machen. So ganz geheuer war es mir nicht.

Im Gegensatz zu den unter zehnjährigen Kindern, musste ich mir überlegen, ob das nun Hausfriedensbruch sei. Da die Türe aber sperrangelweit offen stand, sah ich schon weit vor der Türschwelle genug. Genug um mich zu fragen, ob da eine kleine Untergrundgesellschaft Unterschlupf gefunden habe.

Schelm, wer Böses denkt, der Weg ins Bad Lostorf sei zu weit und hier sei eine gute Alternative gefunden worden. Zur Erklärung; das Gebäude war früher eine Schreinerei mit angebautem Wohnhaus und später dann Asylunterkunft. Die Asylsuchenden zogen weiter. Geräumt wurde das Gebäude nicht, weil es sowieso abgerissen werden sollte, so meine Überlegungen zu dem Zustand, der sich mir zeigte. Gut möglich, dass tatsächlich irgendwo eine Puppe neben Stofftieren und Fussbällen zu finden wäre. Inzwischen wurde das Gebäude wieder verriegelt, die Abenteuerlust der Kinder ist wohl gestillt. Gegen den Abriss regte sich Widerstand im Dorf. Zu Recht, wie ich finde; das Gebäude hat Charme und Potenzial und ist, mal abgesehen von morschen Bodendielen, gar nicht so hässlich wie das Haus von Rocky Docky.

Es wurde von verschiedenen Gruppen Interesse angemeldet, eine Projektgruppe wurde gegründet. Ein inklusives Projekt Gemeinde-Schule-Musikschule-soziale Institutionen-Jugendarbeit könnte hier funktionieren. Es wartet jeden Abend auf’s neue Morgenrot...hoffentlich nicht zu lange.

Raphaela Glättli-Gysi ist Sprachkursleiterin für Deutsch und wohnt mit ihrer Familie in Lostorf.

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