Deitingen

Wo heute eine stille Idylle herrscht, war damals eine Abfalldeponie

Idylle im Naturreservat Mürgelibrunnen.

Idylle im Naturreservat Mürgelibrunnen.

Der Natur- und Vogelschutzverein Deitingen besitzt seit 50 Jahren ein eigenes Naturschutzgebiet.

Es ist eine schöne Tradition, dass sich die Deitinger Naturfreunde jeweils am ersten Sonntagmorgen des neuen Jahres im Naturschutzgebiet Mürgelibrunnen treffen. Kalt und sonnig war es diesmal und der Aufmarsch beträchtlich: Rund 60 Personen durfte Thomas Bürki, Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Deitingen, beim Waldhaus begrüssen – und mit einer Feuerzangenbowle bewirten.

Seit seiner Gründung vor nun 61 Jahren hatte der florierende Verein nur gerade vier Präsidenten – und drei davon waren auch an diesem erfrischenden Morgen zum Mürgelibrunnen gekommen. Mit seinen 91 Jahren ist Stefan Probst zudem das älteste Mitglied, und er geht im Winter jede Woche mehrmals in den Wald, um für die Vögel frischen Rindertalg mit Kernen aufzuhängen.

Neben heutiger Idylle lag früher eine Abfalldeponie

Als zweiter Präsident, der auf den legendären Linus Schwaller folgte, gehörte Anton Kofmel 1959 auch zu den Gründungsmitgliedern des Natur- und Vogelschutzvereins Deitingen. «Damals war alles etwas kleiner, wir waren nur etwa zehn Mitglieder», erinnert sich Kofmel.

Neben dem Waldreservat Mürgelibrunnen, wo heute eine stille Idylle herrscht, sei damals eine Abfalldeponie gelegen. «Ich musste diese immer wieder löschen, wenn jemand Feuer gelegt hatte. Aber ich traute mich nicht von meinem Traktor runter, weil es so viele Ratten gab.»

Vor 50 Jahren bekam der Verein das alte Waldhaus von der Bürgergemeinde Luterbach geschenkt. «Wir mussten es nur noch nach Deitingen transportierten», so Kofmel. Dank einer Stiftung konnte der Verein Land kaufen und 1975 die Wasserläufe einrichten, die heute das geschützte Feuchtgebiet Mürgelibrunnen auf der Grenze zu Wangen an der Aare bilden. Zusammen leisten die etwa 90 Mitglieder hier jedes Jahr zwischen 300 bis 500 Frondienststunden.

«Der Wald hat nach wie vor eine Zukunft»

Auf dem kurzen Spaziergang durch den Wald erinnerte Thomas Bürki an die Auswirkungen der Winterstürme der vergangenen Jahrzehnte. «Vor 20 Jahren richtete Lothar Milliarden-Schäden in den Wäldern an. Daraus wurden die Lehren gezogen, und weil es weniger Monokulturen gibt, hat der Sturm Burglind vor zwei Jahren viel weniger Schaden angerichtet.»

Im 1,5 Hektaren grossen Waldreservat, das auf dem Boden der Bürgergemeinde Deitingen liegt, greift der Mensch nicht mehr ein und lässt der Natur freien Lauf. «Das Fallholz, das auf den ersten Blick wie eine Unordnung aussieht, bietet der Natur einen unbeschreiblichen Reichtum an Lebensräumen», beschrieb Bürki die Bedeutung solcher Reservate, auch wenn sie noch so klein sind. Vom Waldweg aus waren die Spechtbäume und Holzpilze auf der einen Seite sowie die Höhlen, die der Dachs auf der anderen Seite gegraben hat, leicht zu erkennen.

Als sich an dem Waldrand der Blick auf den Hügel mit einem Dutzend mächtiger Eichen öffnete, erklärte Bürki, dass der sich abzeichnende Klimawandel bedrohlich sei, dass man sich aber um die langfristige Zukunft der Wälder keine Sorgen machen müsse. «Wir Menschen denken in Spannen von wenigen Jahren bis maximal zwei Jahrzehnten. Diese Buche dort ist zwischen 140 und 160 Jahre alt.» Wenn sich das Klima verändere, dann bekämen einige Bäume, wie die vom Menschen kultivierte Fichte, grosse Mühe. Dafür würden andere Arten nach und nach ihren Platz einnehmen. «Was wir als Problem ansehen, ist für den Wald eine Entwicklung, die er mitmachen wird.»

Dann erklärte Bürki eine neue These, wonach die Bäume über ihre Wurzeln miteinander kommunizieren und sich gegenseitig über eine beginnende Trockenheit informieren, wonach alle ihren Wasserkonsum reduzieren würden.

Vortrag zum Neuntöter: Vogel des Jahres 2020

Bald ging es zurück zum Vereinshaus, wo der Präsident höchstpersönlich eine feine Feuerzangenbowle zubereitete. Beim Anstossen auf das neue Jahr sprach Thomas Bürki über den Neuntöter, der zum Vogel des Jahres 2020 erkoren wurde. «Der Neuntöter, der auch Rotrückenwürger genannt wird, jagt auch gerne in den Hecken des Mürgelibrunnens und seinen Namen hat er aufgrund seines eigentümlichen Verhaltens bekommen.» Er spiesse die gefangenen Insekten gerne an Zweigen auf, um sie später zu fressen. Laut der Legende töte er immer zuerst neun Beutetiere, bevor er mit dem Fressen beginnt. «Aber das ist wohl etwas übertrieben.»

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