Drei Monate ist Christian Zimmermann aus Flumenthal unterwegs. Nicht auf einer Weltreise mit dem Flugzeug, sondern klimafreundlich zu Fuss nach Moskau. Mit dabei «Molly», ein Einkaufswägeli, das er als Transportfahrzeug benutzt. Mit diesem hat er bereits Australien durchquert. Mit Videos und Fotos seiner Reisen gestaltet Christian Zimmermann jeweils Multivisionen, die er öffentlich zeigt.

Wo befinden Sie sich?

Christian Zimmermann: Heute habe ich gerade die litauisch-lettische Grenze passiert, etwa 45 Kilometer von Kraslava entfernt. Inzwischen bin ich rund 2550 Kilometer gelaufen. In Kraslava werde ich einen Ruhetag einlegen.

In einem Hotel?

Das ist eine kleine Privatpension. Die habe ich vor kurzem im Internet gebucht. Ich muss selber jeweils staunen, wenn ich irgendwo im Nichts in einem Wald sitze, online gehe, und zwei Tage im Voraus eine Unterkunft buchen kann.

Können Sie die Umgebung genauer beschreiben?

Die Grenze habe ich auf einer Schotterpiste überschritten. Ich schaue, dass ich auf Nebenstrassen unterwegs sein kann. Auf den grossen Strassen hat es zu viel Verkehr. Das passt mir nicht. Ich wandere in einer ganz schönen Landschaft, hügelig, grüne Wiesen, einfache Holzhäuser, oft gelb oder rot oder auch gescheckt bemalt, mit kleinen, gepflegten Gärten. Zwischendurch sieht man auch eine Ruine mit bröckelndem Putz. Ich begegne oft einsamen Kühen. Die Wiesen sind nicht eingezäunt. Die Kühe sind an einem Pflock angebunden. Wenn sie ihren Radius abgegrast haben, werden sie daneben angebunden.

Wie fühlen Sie sich?

Sehr gut, das heisst immer besser. Der Anfang war hart, mit Blattern an den Füssen und Muskelkater. Es dauerte eine Weile, bis der Körper sich anpasste und merkte, dass ich nicht nur an einem Tag 35 Kilometer abspule, sondern jeden Tag von neuem. Heute bin ich 45 Kilometer weit gelaufen. Das spüre ich schon zusätzlich. Ich will aber morgen nicht allzu spät in Kraslava ankommen.

Aber körperlich geht es Ihnen gut?

Wie gesagt, die Zusatzkilometer spüre ich schon etwas. Aber ich bin in einer sehr guten körperlichen Verfassung, ich könnte bis ans Ende der Welt laufen. Mit den Füssen habe ich keine Probleme mehr. Inzwischen habe ich auch 10 Kilogramm abgenommen, obwohl ich «fresse», was ich in die Hände bekomme. Es ist unglaublich, was ich alles in mich hineinstopfe. Es ist wirklich interessant zu sehen, was der Körper leisten kann. Tag für Tag 35 Kilometer. Dann denke ich, das ist doch fast nicht möglich von Flumenthal nach Moskau zu laufen. Aber es geht.

Und wie geht es Ihnen psychisch?

Sehr gut. Ich bin im Flow und geniesse es. Ich hatte noch keinen Morgen, an dem es mich angurkte. Ich packe mein Zelt ein, belade «Molly» und laufe los.

Wie hat «Molly» die bisherige Reise überstanden?

Hervorragend. Keine Reparatur bis anhin. Einmal wechselte ich die abgefahrenen vorderen Reifen nach hinten und umgekehrt. Die halten so locker bis nach Moskau.

Verspüren Sie kein Heimweh oder Langeweile?

Das taucht natürlich immer wieder auf. Nach Vilnius bin ich in Richtung Norden vier Tage im Wald gelaufen. Einfach nur Bäume, Bäume und wieder Bäume. Man sieht nirgendwohin, keine Häuser, einfach nur Bäume. Da beginnt es im Hirn schon zu drehen, den lieben langen Tag nur Bäume, schliesslich studiert man ja den ganzen Tag etwas. Meine Gedanken springen dabei von einem Extrem ins andere. Ich dachte, was würde ich nun machen, wenn mein Haus abbrennt, dann dachte ich an meinen Grenzübertritt nach Russland, danach frage ich mich, ob der Lauch daheim im Garten wächst?

Unterwegs treffen Sie Menschen an. Was haben Sie dabei erlebt?

Heute beispielsweise, irgendwo im Nichts, steht ein Lieferwagen auf der Piste. Zuerst denke ich, der hat eine Panne. Beim Näherkommen entpuppt sich der Lieferwagen als eine Art Laden, wie die Migros-Wagen früher. Durch die geöffnete Hecktüre sehe ich eine Verkäuferin und vor der Hecktüre alte Frauen in Kopftüchern, die mit ihren Leiterwägeli einkaufen gehen. Vor zwei Tagen in Litauen habe ich einen Wanderer angetroffen, der 86 Jahre alt ist. Er lief am Stock und sprach etwas Deutsch. Als ich ihm erklärte, dass ich von der Schweiz nach Moskau wandere, kriegt er riesengrosse Augen und sagt zu mir: «Warum gehst Du nach Moskau. Die Russen sind alles böse Menschen.» Ihm waren offenbar die Gräueltaten der Russen im Baltikum während des Zweiten Weltkrieges nach wie vor sehr präsent. Der älteren Generation steckt das noch tief in der Seele.

Bald müssen Sie einen Schlafplatz suchen?

Ich bin effektiv am Schauen. Jetzt bin ich noch in bewohntem Gebiet unterwegs, aber weiter vorne kommt ein Wald. Dort werde ich die erstbeste Gelegenheit nutzen und links oder rechts abbiegen und mein Zelt aufstellen. Ausser in den grösseren Städten schlafe ich immer im Zelt, was ich auch gern mache.

Keine Angst?

Nein. Ich schaue schon, dass ich auf Sichtweite bin. Aber Angst muss man hier grundsätzlich höchstens vor den Menschen haben.

Ich dachte an Tiere.

Gut, es wäre schon ein Lotto-Sechser, wenn ich die wenigen Wölfe oder Bären, die hier möglicherweise anzutreffen sind, zu sehen bekäme.

Also vor den Menschen?

In den drei Monaten, die ich nun unterwegs bin, hatte ich nie ein Problem. Die Leute in Polen oder im Baltikum sind absolut genial, hilfsbereit, gastfreundlich und sehr grosszügig. Fast jeden Tag erhalte ich etwas geschenkt. Seien es Gurken aus dem Garten oder eine Tafel Schokolade.

Wie geht es nun weiter?

In Kraslava pflege ich meinen Körper und erledige etwas Büroarbeiten. Danach bin ich noch drei, vier Tage in Lettland, bevor ich über die Grenze nach Russland laufe. Ich habe zwar ein Visum, aber ich habe gehört, dass man zu Fuss nicht über die Grenze kommt. Dann würde ich mir einen Chauffeur anlachen, der mich einige Kilometer über die Grenze mitnimmt. Nach Moskau sind es dann noch 620 Kilometer.

Mit dem Einkaufswagen durch Australien

Mit dem Einkaufswagen durch Australien

Der Solothurner Fotograf Christian Zimmermann legte mit seinem Einkaufswagen „Misses Molly“ über 3000 Kilometer quer durch Australien zurück.

Der Link zur Facebook-Fanseite von Christian Zimmermann und Bruder Andreas.