Sonderpädagogik

Sonderschule in Kriegstetten gibt es schon seit 125 Jahren

Zentrum für Sonderpädagogik führte die Erziehung und Schulung von verhaltensauffälligen Kindern ein.

Vor 125 Jahre wurde die Institution in Kriegstetten gegründet – und ein besonderes Stück Schulgeschichte geschrieben.

Wer über die kleine Oeschbrücke in das gepflegte Areal tritt, das sich rund um das markante Gebäude mit Schulbauten, kinder-freundlichem Pausenplatz, Spielplätzen und Gartenanlagen gruppiert, steht mitten in einer zeitgemäss gestalteten heilpädagogischen Schulanlage. Nichts mehr erinnert an die lange Vorgeschichte, abgesehen von den Steintrögen bei der Wasseranlage, die aus der alten Papiermühle stammen. Die Anlage steht auf kulturhistorisch und industriegeschichtlich interessantem Boden.

Am 1. Oktober 1894 zog eine Schar Kinder mit einem Lehrerehepaar und einigen jüngeren Frauen ins alte Bad Quellental ein. Sie kamen nicht als Badegäste, sondern als neue Bewohner einer Anstalt für Kinder, die in keiner Primarschule im Kanton ihrer Behinderung wegen Aufnahme fanden.

Fabrikanten als Mitgründer der Institution

Die Bezeichnung «Anstalt für schwachsinnige Kinder» gefällt heute nicht mehr, aber es war damals eine echte Pionierleistung. Es war der Beginn der Schulung und Erziehung geistig behinderter Kinder im Kanton Solothurn auf Grundlage der damaligen Kenntnisse der Ursachen, der heilpädagogischen Massnahmen und der schulorganisatorischen und personellen Gegebenheiten. Der wechselnde Zeitgeist wird sich in der langen Geschichte des Kinderheims Kriegstetten immer wieder spiegeln.

Die Anstaltsgründung war das erste Projekt der 1889 gegründeten kantonalen Gemeinnützigen Gesellschaft. Initiant war der Schönenwerder Fabrikant Otto Wyser (1835–1914). Er war Schulpräsident in Schönenwerd und gründete dort die erste Haushaltungsschule des Kantons. Aus heutiger Sicht verlief das Vorgehen bei der Anstaltsgründung sehr professionell: Bedürfnisnachweis, Bereitstellung der Bauten, Regelung der Finanzierung und Schaffung guter Bedingungen für die pädagogische Arbeit. Es war damals allen Beteiligten klar, dass die Gründung einer solchen Institution eigentlich Aufgabe des Staates wäre. Doch es fehlten die gesetzlichen Grundlagen. Man könnte sie zwar schaffen und schaffte sie auch, aber erst 50 Jahre später, 1960 mit der Eidgenössischen Invalidenversicherung. Die Anstalt Kriegstetten blieb also der privaten Initiative überlassen, allerdings mit grösstem Wohlwollen und moralischer Unterstützung der hohen Regierung.

Ein wenig öffnete sich der kantonale Geldbeutel dann doch mit einem Beitrag aus dem Alkoholzehntel und der Bettagskollekte. Für die Anstaltsgründung wurde eine Stiftung errichtet und Geld gesammelt. Aus der Bevölkerung kamen viele kleinere und grössere Geldbeträge zusammen, aber die grösste Summe erbrachte über Jahrzehnte die solothurnische Industrie: Eisenwerk Gerlafingen, Papierfabrik Biberist, Cellulose Attisholz. Zement Vigier, Bally Schönenwerd. Neben der finanziellen Unterstützung übernahmen Industrielle und Politiker im Rahmen der Aufsichtskommission Verantwortung und leisteten wertvolle Mithilfe.

Gebäude wurde zu «sehr billigem Preis» gekauft

Der Erwerb der Liegenschaft Quellenhof erwies sich als glückliche Fügung. Sie gehörte dem Kantonsrat und Fabrikant Josef Müller–Haiber, dem Inhaber der Sphinx-Werke in Solothurn. Die Gebäulichkeiten verkaufte Josef Müller zum «sehr billigen Preis» von 15 000 Franken an die Stiftung. Nach der Unterzeichnung des Kaufvertrages verzichtete er auf die gesamte Kaufsumme.

1898, also vier Jahre nach der Eröffnung der Anstalt, war die Zahl der Kinder auf 53 angewachsen, und entsprechend erfolgte der Ausbau des Hauses zu einem zweckmässigen Heim mit Schulräumen.

Am 14. April 1923, dem letzten Ferientag, brach ein Brand aus und legte das Haus in kurzer Zeit in Schutt und Asche, glücklicherweise kamen keine Personen zu Schaden. Notunterkunft war für die Knaben im Gasthof Kreuz und für die Mädchen im Gasthof Sternen. Schon am 30. April bezogen 33 Kinder die von Direktor Sieber bereitgestellte Arbeiterkantine im Attisholz als Notheim. «Die Kinder erfreuten sich an der neuen Umgebung und an der guten Verpflegung,» wie Heimleiter Wilhelm Fillinger in einem Bericht schrieb. Die Sorgen blieben bei der Heimkommission, die bereits acht Tage nach dem Brand beschloss, ein neues Anstaltsgebäude für 100 Kinder am gleichen Ort zu bauen. Die Finanzierung der Baukosten von 450 000 Franken war gesichert. 1924, nach einer Bauzeit von 19 Monaten, konnten die Kinder einziehen.

Weitere neue Namen im Laufe der Zeit

Hinter der Namensänderung von 1938 in Erziehungsheim Kriegstetten standen Überlegungen zur strukturellen Neugestaltung des Heimes. Schulunterricht und die Förderung manueller Fähigkeiten durch Arbeit im Haus, Garten und Werkstatt wurden gleichmässig aufgeteilt. Diese Organisationsform wurde erst 30 Jahre später neu überdacht. Mit dem Bau eines Personalhauses, heute sind dort Schul- und Therapieräume eingerichtet, erfüllte man 1965 eine Forderung der damaligen Zeit. Heute werden Parkplätze verlangt, morgen wohl Steckdosen um Elektroautos aufzuladen.

Das 75-Jahre-Jubiläum bei voll belegtem Haus war erneut Anlass zu einer Namensänderung in «Sonderschule Kinderheim Kriegstetten.» Damit verbunden waren auch sehr einschneidende Änderungen in Richtung eines modern gestalteten Kinderheimes mit Familiengruppen, Aufnahme von externen Kindern und Neustrukturierung der Leitungsfunktionen. Die 70er-Jahre waren der Anfang zur Entwicklung der heutigen neuen Form der Schulung von Kindern mit besonderen Schulproblemen. Sind wohl damit die Träume der Pioniere von 1894 erfüllt?

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