Kriegstetten

«Negative Dynamiken sind rar»: So sieht der Alltag im Sonderpädagogischen Zentrum aus

Schule, Tagesschule und Internat in einem: Ein Besuch im sonderpädagogischem Zentrum in Kriegstetten, in dem alles ein bisschen anders läuft.

Schule für alle – oder eben doch nicht. Denn dies scheint einfacher gesagt als getan. Ein Besuch in einer Schule, wo alles etwas anders läuft. Bei der 9. Klasse und einer 7./8. Klasse des sonderpädagogischen Zentrums in Kriegstetten – mit Einblicken in den Schul- und Lebensalltag dieser jungen Menschen.

99 Schülerinnen und Schüler, zwischen 4 und 17 Jahren, besuchen die 13 Schulklassen in Kriegstetten. Aufgrund von Auffälligkeiten in den Bereichen Sprache, Kommunikation und Verhalten können die Kinder und Jugendliche, die hier zur Schule gehen – trotz integrativer Förderung und neu zugelassenen Mischformen – keine Regelklasse besuchen. Wie Schulleiterin Corinne Meier erklärt, können die Lernenden in einer kleineren Klasse und mit einer engeren Betreuung individueller gefördert werden. Deshalb nehmen sie aus dem ganzen Kanton die manchmal weite Anreise auf sich, um in Kriegstetten die Schule zu besuchen.

Individuelle Förderung im Schulalltag

Bereits der Stundenplan zeigt, dass nicht im traditionellen Sinne gearbeitet wird: Während der Unterrichtszeit kommen und gehen die Jugendlichen ohne grosses Aufhaben, um die individuellen Therapien und Beratungen in Anspruch zu nehmen. «Wir haben ein gutes Zusammenspiel zwischen Therapeuten, Coaches und Lehrpersonen. Alle Bezugspersonen der Jugendlichen sind im stetigen Austausch. So können Therapien und Gespräche innerhalb der Unterrichtszeit stattfinden», erklärt Corinne Meier.

Das Tagesprogramm sieht einige gemeinsame Abläufe vor, etwa die Lektüre und Diskussion der Tageszeitung. Nach diesen Momenten bearbeiten die Jugendlichen selbstständig ihre Dossiers oder üben sich an für sie schwierigen Themata. Der Unterrichtsstoff ist grösstenteils auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse abgestimmt, so gibt es während des Mathematikunterrichts der 9. Klasse solche, die mit Masseinheiten arbeiten und andere, die den Dreisatz lernen.

«Eine Herausforderung ist die thematische Vielfalt, die hier in einer Klasse vorzufinden ist», sagt Markus von Niederhäusern, eine der zwei Lehrpersonen der 9. Klasse. Genau diese Individualität des Unterrichtstoffes sei wichtig, unterstreicht seine Kollegin Zita Stich: «Wir haben normal begabte und lernbehinderte Schülerinnen und Schüler in der Klasse» – so sei ein Standardprogramm kaum durchführbar.

Grundlagen stets repetieren und festigen

Auch der Besuch in einer 7./8. Klasse zeigt, dass hier die individuelle Förderung der zentrale Aspekt der Unterrichtsgestaltung ist. «Ziel ist es, mit allen auch am Oberstufenstoff zu arbeiten. Gleichzeitig müssen aber Grundlagen stets repetiert und gefestigt werden», erklärt Julie Balmer, eine der zwei Lehrpersonen dieser Klasse. Es arbeiten alle am gleichen Inhalt, aber mit einer individuellen Ausführung. «Früher habe ich nicht so viel gelernt und bin nicht gut mitgekommen, jetzt habe ich das Gefühl, mehr zu lernen», meint Ch.* (14); für Y.* (13) hingegen «ist es manchmal langweilig». Nebst traditionellen Themata werde auch stark an den Sozialkompetenzen gearbeitet, «denn in der Arbeitswelt sind diese nicht weniger wichtig», weiss Julie Balmer.

So individuell wie die Arbeitspläne sind auch die Klausuren und Rückmeldung. «Wenn ein Schüler oder eine Schülerin auf eine Lehre mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) zielt, werden Tests durchgeführt und es wird erklärt, was er oder sie für Noten hätte», so Zita Stich. Generell werde jedoch mit Rückmeldungen bewertet und individuelle Ziele gesetzt.

Die Berufslehre als das grosse Ziel vor Augen

Die Berufswahl und Berufsvorbereitung ist ein grosses Thema in der 9. Klasse. Luzia Häring, Berufsintegrationscoach, erklärt, dass die Jugendlichen verschiedene Anschlussmöglichkeiten haben: Sie können, je nach Möglichkeit, eine EBA-Lehre oder eine praktische Lehre in einer sozialen Institution machen. Die Erfahrung hat den beiden Lehrpersonen der 9. Klasse und dem Berufsintegrationscoach gezeigt, dass die Schulabgänger grösstenteils eine Anschlusslösung finden. Aber «Statistiken und Erhebung zu Lehrabschlüssen oder Abbrüchen gibt es noch nicht», sagt Schulleiterin Corinne Meier.

Auch unter den Schülern ist die Berufslehre ein Dauerthema. «Wir werden unterstützt, auch wenn es zuhause nicht so gut geht», bemerkt E.* (15), «wir können uns hier gut auf die Lehre vorbereiten». So hinterlassen die Jugendlichen der Klasse 9 einen motivierten Eindruck: «Ich freue mich sehr auf die Lehre, habe aber ein bisschen Angst vor der Berufsschule», sagt F.* (15). Seine Klassenkameradin Ch.* (15) stimmt damit überein und hofft, «in der Berufsschule gut mitzukommen».

Die Schülerinnen und Schüler in Kriegstetten werden von 8 bis 17 Uhr betreut, sie können in der Schule essen und nachschulische Angebote – etwa Aufgabenhilfe – nutzen. «Am Mittag können wir nach dem Essen verschiedene Aktivitäten machen», schildert L.* (13): «Ich gehe am liebsten in den Atelierraum, dort kann man frei basteln. Man kann aber auch in den Ruheraum, es gibt einen Bewegungsraum, einen Musikraum oder man kann im Freien spielen».

Nebst der Tagesschulstruktur wird in Kriegstetten ein Internat für Wochenbetreuung oder ganzjährige Aufenthalte geführt. Zirka ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler leben im Internat, das sich auf dem Areal befindet. Wie Markus Magnenat, Bereichsleiter Sozialpädagogik, erklärt, gibt es vier Wohngruppen, in denen 3 bis 6 Kinder und Jugendliche leben. Die Gründe für den Internats-Eintritt seien sehr unterschiedlich, doch «sozial bedingte Aufenthalte sind die Tendenz», so Magnenat.

Ist es nicht problematisch, Kinder und Jugendliche mit schwierigen Hintergrundgeschichten gemeinsam in derselben Institution leben und lernen zu lassen? Magnenat räumt ein, dass sicherlich immer wieder herausfordernde Situationen entstehen. Doch von den Fachpersonen werde genau hingeschaut und begleitet. «Wenn eine positive Gruppe entsteht, sind negative Dynamiken rar», weiss er. Darüber hinaus sei es wichtig, interne Angebote – wie den FC Kick – anzubieten, in denen soziale Kompetenzen trainiert werden können, mit dem Ziel sich in einem Verein in der Gemeinde zu integrieren.

Internat hilft, eine problematische Situation zu stabilisieren

Die Kinder und Jugendliche, die hier wohnen, können nicht in Pflegefamilien oder bei Verwandten sein: Im Internat zu leben, ist nicht der erste Lösungsansatz. Es handle sich um eine Einrichtung, die helfen könne, eine problematische Situation zu stabilisieren und an schwierigen Verhaltensmustern zu arbeiten, wie Geschäftsführer Ulrich von Känel aufzeigt. Die Tagesabläufe sind hier klar strukturiert – gemeinsames Frühstück, Medienzeit am Nachmittag, Ämtlipläne – und wiederholen sich.

«Es ist keine Luxuslösung, sondern eine der letzten Möglichkeiten», betont von Känel. Ziel sei dabei die Vorbereitung auf ein Leben ausserhalb der Institution. Das wissen auch die Jugendlichen. «Ich bin nicht freiwillig hier», sagt Y.* (13). «Es gefällt mir nicht, dass es so viele Regeln hat. Wir müssen früh ins Zimmer und ich koche auch nicht gerne». Aber er weiss: «Wenn ich zeige, dass ich respektvoll sein kann, dann kann ich wieder gehen».

*Namen der Redaktion bekannt

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