Lüsslingen

Nach Tod des Gründers spricht die Witwe: «Es gibt keinen Guru in der Kirschblütengemeinschaft»

Danièle Nicolet vor dem Bienenhaus im Garten des Kirschblütenhofs in Lüsslingen. Im Haus nut der Praxis von Samuel Widmer versammelte sich jeweils die Gemeinschaft. Künftig finden die Treffen im ehemaligen «Rössli» in Nennigkofen statt.

Danièle Nicolet vor dem Bienenhaus im Garten des Kirschblütenhofs in Lüsslingen. Im Haus nut der Praxis von Samuel Widmer versammelte sich jeweils die Gemeinschaft. Künftig finden die Treffen im ehemaligen «Rössli» in Nennigkofen statt.

Seit Jahren steht die Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen-Nennigkofen in den Schlagzeilen. Im Januar starb ihr Gründer Samuel Widmer an Herzversagen. Im Interview spricht seine Witwe Danièle Nicolet über die Zukunft der Kirschblütler. Diese hänge nicht von der Präsenz eines Gurus ab. Die Gemeinschaft, so die 51-Jährige, brauche keine Leitung.

Wie haben Sie die letzten Wochen und Monate nach dem Tod von Samuel Widmer erlebt?

Danièle Nicolet: Es war einerseits eine belastende Zeit. Er war 30 Jahre lang mein Lebensmittelpunkt. Er ist der Vater von meinen fünf und unseren zehn Kindern. Wir waren Tag und Nacht zusammen, bauten die Gemeinschaft zusammen auf. Das war unsere gemeinsame Vision. Wenn von zwei tragenden Säulen eine wegbricht, wenn man den Mann, den Vater der Kinder und den Arbeitspartner verliert, ist das schwierig. Aber es war und ist auch eine sehr schöne und innerlich stille Zeit, die nochmals viel aufmacht im Innern.

Wer führt die Arbeit jetzt weiter?

Einen Grossteil der Arbeit mache ich seither selber. Aber ich bin nicht alleine. Wir haben ein gutes Team. Zwei Tage nach seinem Tod führten wir zum Beispiel eine Ausbildung mit 60 Personen durch. Die Stabilität ist wichtig. Und Marianne Principi (die zweite Lebensgefährtin von Samuel Widmer, Anmerkung der Redaktion), die das Sekretariat und die Organisation macht, ist weiterhin meine «rechte Hand».

Fanden Sie überhaupt Zeit zum Trauern?

Ja. Aber es war schon eine strenge Zeit. Vor allem hatten die Kinder auch Mühe mit dem Medienrummel. Doch ich bin gut aufgehoben in einem Feld von Freunden. Es ist beglückend zu sehen, wie sie helfen und mich unterstützen, ohne dass ich danach fragen müsste. Ich muss keine Angst haben, dass etwas nicht klappen wird. In den Gemeinschaftstreffen war die Verarbeitung des Todes natürlich oft ein Thema. Ich weiss nicht, ob Sie schon einmal einen so nahen Todesfall erlebt haben.

Von einer so nahestehenden Person bisher nicht.

Wir lebten ja in vielen Dingen auf einer grösseren Ebene. Natürlich ist das Alltägliche und das Körperliche wichtig. Aber wir haben in einem Raum gelebt, der darüber hinausgeht. Oder wir leben immer noch darin. Dieser Raum wurde durch den Tod noch mehr geöffnet. Wenn die Person, die einem am wichtigsten ist, ganz hinübergeht, öffnet sich ein sehr weiter Raum. Daraus kommt eine unheimliche Energie, die einen trägt.

Samuel Widmer ist noch immer präsent?

Nicht in menschlicher Form, aber als Energie ganz stark. Das geht auch vielen in der Gemeinschaft so. Ich weiss nicht, wie ich das ausdrücken soll, damit es nicht missverständlich ist. Es hat etwas sehr Heiliges, Grosses und Kraftvolles. Er fehlt natürlich im Kleinen und Alltäglichen. Samuel war eine sehr starke Persönlichkeit. Da hat sich eigentlich nichts geändert, auch nicht in der Gemeinschaft. Das ist sehr schön zu sehen.

Wie überraschend kam der Tod?

Wir wussten aufgrund seiner Herzinfarkte und der genetischen Veranlagung, dass er wohl nicht 90-jährig werden wird. Das hatte sich in den letzten Jahren abgezeichnet. Wenn man jemanden gut kennt, hat man dafür ja auch ein Gespür. Obwohl er immer sagte: «Wenn die Kinder oder du mich brauchen, bleibe ich so lange da, wie ich kann. Aber der Rest ist Schicksal.»

Am Ende kam es doch überraschend. Wir kamen eine Woche vorher von einem einmonatigen Aufenthalt in Indien zurück. Dort unterstützen wir seit 25 Jahren karitative Projekte. Wir betreiben ein Zentrum auf dem Land, wo die verschiedenen Schichten zusammengebracht werden. Noch bis am Dienstagabend vor seinem Tod am Mittwoch war er in allem noch sehr leidenschaftlich und kraftvoll. Aber ich merkte schon, dass das System instabiler wurde und die Kraft nachliess. Wir haben viel zusammen über den Tod gesprochen.

Wer leitet nun die Kirschblütengemeinschaft?

Es gibt ein falsches Bild über die Gemeinschaft. Etwa, dass Samuel das Oberhaupt oder der Guru oder der Führer sei. Viele Leute mögen solch einfache Bilder. Aber so war es nicht. Die Gemeinschaft hatte keine Leitung.

Aber er bezeichnete sich als Kristallisationspunkt.

Das waren wir beide. Wir waren die Gründer, arbeiteten 27 Jahre zusammen. Damals hatte Samuel bereits eine Arztpraxis, den Seminarbetrieb gab es noch nicht. Er konnte sich besser ausdrücken als ich und hat viel mehr Bücher geschrieben. Er war ein sehr charismatischer Mensch und immer das Herz im Ganzen.

Und Sie agierten im Hintergrund?

Wir machten viel in Arbeitsteilung. Ich kümmerte mich in den ersten Jahren mehr um die Familien und die Kinder. Marianne Principi kam 1997 sehr früh dazu. Sie hat das mitgetragen. Die ersten Familien waren 1995 aus der Ostschweiz dazugekommen. Damals hatten wir gerade zwei kleine Kinder und wollten anders leben. Kein Einfamilienhaus mit Zaun rundherum, wo die Mutter das Mittagessen für drei Leute kochen muss.

Ich bin leidenschaftlich gerne Mutter, aber ich wollte immer auch etwas anderes machen, mit Erwachsenen im grösseren Rahmen zusammenleben. Daneben habe ich immer auch viel gearbeitet. Ich habe nie eines meiner fünf Kinder in eine Krippe gegeben. Es war immer jemand im Haus, der sich um sie kümmerte, der ihnen Stabilität und einen guten Rahmen bieten konnte.

Wie haben Sie Samuel Widmer kennen gelernt?

Über Meditationsgruppen und über seine Arbeit. Danach hatten wir eine Weile keinen Kontakt, bevor wir uns wieder an einer Meditationsveranstaltung trafen. Es war für beide das Gefühl, beieinander zu Hause zu sein, mit einer Energie, die einen anzieht. Es ist schon ausserordentlich, wenn man fast 30 Jahre lang jeden Morgen erwacht und denkt, einen Lottosechser gehabt zu haben, dass man einander fand. Wir führten ein total konfliktfreies Leben, wollten dasselbe. Das sehe ich sonst selten. Auch in der Gemeinschaft.

Als wir unsere Beziehung angefangen haben, wollte Samuel zwar Kinder, aber nie so viele. Er hatte ja selber acht Geschwister und sah zu Hause, dass die Mutter damit überfordert war. Das hatte sich dann daraus entwickelt, dass man in einer Gemeinschaft gegenseitig viel getragener und dadurch nicht überfordert ist.

Wie und wo sind Sie aufgewachsen?

Im Tessin, in einer ganz normalen Familie von dazumal. Meine Eltern stammen aus dem Kanton Bern. Wegen des Berufs des Vaters zogen wir ins Tessin. Wir waren drei Kinder, der Vater ging arbeiten, die Mutter blieb zu Hause, bis ich im Jugendalter war. Mit 15 kamen wir nach Solothurn.

Zurück zur Frage nach der Leitung der Gemeinschaft. Diese hängt also nicht von Samuel Widmer ab?

Nein. Die Schlagzeilen, dass die Gemeinschaft nun zusammenbreche oder ein Witwenkrieg losgehe, bildeten nicht unsere Wirklichkeit ab. Die haben keine Ahnung, wie wir wirklich leben. Marianne Principi ist meine beste Freundin, wir zogen und ziehen zusammen unsere zehn Kinder auf. Und da sind viele leidenschaftliche Menschen, die mittragen. Und eine starke junge Generation, die nachwächst.

Sie sprechen auf die Sektenexperten an, die sich nach dem Tod von Samuel Widmer äusserten.

Ich kenne sie beide. Diese Leute warteten auf jede Möglichkeit, sich dazu zu äussern. Sie leben ja davon. Hugo Stamm haben wir intensiv kennen gelernt. Er hat eine solche Sehnsucht nach etwas Grösserem, nach einem Zuhause und hat gleichzeitig grosse Angst davor, ausgeschlossen zu sein. Also muss er es bekämpfen. Die Sektenexperten weisen selber Symptome von Sektierern auf.

Das sind harte Vorwürfe.

Für sie muss die Kirschblütengemeinschaft so sehr ihrem Bild entsprechen, dass sie die Wirklichkeit gar nicht mehr sehen. Sie haben ihre Geschichten und Biografien, die sie nicht integriert haben. Vor 20 Jahren war es schwieriger, mit diesen Kommentaren von aussen umzugehen. Mittlerweile lese ich es nicht einmal mehr richtig. Es steht ja immer das Gleiche drin.

Was ist die Idee der Kirschblütler? Was führt sie zusammen?

Das Interesse an Selbsterkenntnis. Wir interessieren uns für die Fragen, wer wir als Mensch sind. Wer bin ich persönlich, wo wollen wir hin, was ist gesund, als was sind wir von der Evolution gedacht? Wir versuchen herauszufinden, was der Sinn des Lebens ist, um dies in lebendige Formen umzusetzen. Weniger in Traditionen und gegebenen Strukturen denken, sondern sich alleine, zu zweit oder mit mehreren so einzurichten, dass man sich gesund entfalten kann. Es geht um die Erforschung des Bewusstseins und des Seins.

Spielen Drogen eine zentrale Rolle?

Ja und nein, das ist sehr individuell. Jeder kommt von einem anderen Ort her. Wichtiger ist die Selbsterkenntnis, das Interesse am Erforschen des Seins. Das andere sind Hilfsmittel, die dem einen dienen und dem anderen nicht. Übrigens sind für mich auch Alkohol, Nikotin und legale psycholytische Medikamente Drogen. Aber im Volksverständnis wird das Wort mit Illegalität verbunden. Psycholyse ist ein stimmigerer Begriff für die Hilfsmittel, die einige manchmal einsetzen.

Wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz hatte die Staatsanwaltschaft gegen Samuel Widmer und andere Personen Verfahren eröffnet. Wie geht es damit weiter?

Das Verfahren gegen Samuel wurde eingestellt. Wie der Stand bei den weiteren drei Verfahren ist, weiss ich nicht.

Welche Rolle spielt der enttabuisierte Sexualbereich für die Gemeinschaft?

Natürlich wurden manche dadurch angezogen, dass wir auf der Beziehungsebene mehr Freiheit zum Experimentieren haben. Dass man zusammenleben kann, ohne alle fünf oder zehn Jahre eine neue Beziehung zu beginnen. Die serielle Monogamie scheint nicht zu funktionieren.

Was meinen Sie damit?

Das gängige, von der Gesellschaft propagierte Modell, dass Beziehungen ein Leben lang halten müssen, damit für die Kinder gesorgt ist. Das zeigt sich ja an der Scheidungsrate. Wir versuchen, die Sehnsucht nach Treue und lebenslanger Beziehung sowie dem, was man in jeder Lebensphase braucht, so zusammenzubringen, dass es kein Murks ist. Aber es gibt auch in der Gemeinschaft Leute, die konventionelle Beziehungen zu zweit führen. Die meisten sind verheiratet und leben in der Familie mit Kindern zusammen.

Wie ist die Gemeinschaft organisiert?

Es gibt keine Strukturen. Jeder, der dazugehören will, gehört dazu. Natürlich gibt es solche, die engagierter sind. Das ist in einer Jassrunde oder in einem anderen Verein auch so. Jemand muss den Jahresausflug organisieren. Es ist ein Missverständnis, die Arbeit in unserer Praxis und die Gemeinschaft als eins zu sehen. Man muss die beiden Dinge trennen. Vieles ist unabhängig voneinander entstanden. Wir haben ganz viele Leute in der Praxis, die mit der Gemeinschaft nichts zu tun haben, und umgekehrt.

Kann die Praxis weiter betrieben werden? Damit die Leistungen über die Krankenkasse abgerechnet werden können, müsste ja ein Arzt vorhanden sein.

Die Praxis wird durch einen Arzt weitergeführt (Sebastian Weidenbach, Anmerkung der Redaktion). Er ist da hineingewachsen und übernimmt nun die Verantwortung für die ärztliche Leitung. Aber es wird ja nicht alles durch die Krankenkasse abgerechnet. Ein Teil ist die Arztpraxis, der andere Teil ist das selbstständige Geschäft von mir.

Welches ist Ihr Bereich?

Ich bin beim Arzt als Psychotherapeutin für die ärztlichen Leistungen angestellt. Dazu kommen der Seminarbetrieb, Lebensberatung und Animatherapie. Der grössere Teil der Klienten sind nicht Arztpatienten. Gerade die Leute aus Deutschland können ja nicht über die Krankenkasse abrechnen. Wir haben viele Besucher aus Europa und der Welt. Sie kommen etwa aus Indien, Amerika, Brasilien oder Italien. Der grösste Teil kommt aber aus dem deutschsprachigen Raum.

Kann der geplante Kongress zur Spiritualität in der Psychotherapie im Juni stattfinden? Der Gemeinderat will Ihnen die Turnhalle nicht vermieten.

Das ist kein Problem. Es fanden immer alternierend Fachkongresse und Gemeinschaftssymposien statt. Die Symposien konnten wir stets in eigenen Räumlichkeiten durchführen. Wir fanden einfach, die Turnhalle mit den Einrichtungs- und Gestaltungsmöglichkeiten wäre ein schöner Rahmen für den Fachkongress.

Weichen Sie in das letztes Jahr gekaufte «Rössli» in Nennigkofen aus?

Ja, mit dem «Rössli» haben wir nun ein Gemeinschaftshaus. Es wird so umgebaut, dass es unseren Zwecken dient. Vorher hatten wir der Gemeinschaft jeweils unser Arbeitshaus in Lüsslingen zur Verfügung gestellt.

Können Sie die Ablehnung des Gemeinderats nachvollziehen?

Ja klar. Wir leben seit 30 Jahren hier. Wobei das von den Medien gezeichnete Bild eines polarisierten Dorfes nicht stimmt. Die politischen Entscheide hängen oft an einzelnen Leuten, die in zentralen Gremien sind. Der Beschluss im Gemeinderat war mit 4 gegen 3 sehr knapp. Es stimmt einfach nicht, dass wir hier nicht gewollt sind. Wir grenzen uns auch nicht ab. Mein Sohn hat etwa ständig Kinder vom Dorf zu Besuch. Sie machen ihre gemeinsamen Aktivitäten und Partys offen bei uns, sind zusammen unterwegs.

Nun möchte ein Kirschblütler in den Gemeinderat. Viele in der Gemeinschaft sind Ausländer, dürfen nicht wählen. Ist das ein Hindernis?

Die ausländischen Staatsangehörigen sind daran, Schweizer zu werden. Ein Grossteil ist im Einbürgerungsverfahren oder ist bereits Schweizer. Ob es gleich beim ersten Mal klappt, wird man sehen. Aber wir stellen 20 Prozent der Dorfbevölkerung, sind rund 200 Personen. Darunter viele junge Menschen, die hier ihr ganzes Leben verbracht haben. In manchen Schulklassen sind die Hälfte Kirschblütenkinder.

Einer von sieben Gemeinderäten wäre nicht übertrieben. Es würde uns allen helfen, zusammenzufinden, um mehr Verständnis für die Anliegen aller Dorfbewohner zu haben. Es ist gefährlich, wenn immer nur Leute zusammen sind, die die gleiche Meinung haben. Dann beginnt es, sektiererisch zu werden. Ich mag Leute, die die Dinge kritisch sehen. So bleibt man lebendig und mit der Wirklichkeit in Kontakt.

Man hat den Eindruck, dass die Mehrheit des Gemeinderates einen Gegenpol darstellt und der Expansion der Gemeinschaft entgegenwirkt.

Ich sehe es so, dass ein Teil des Gemeinderates dies tatsächlich so will und es als Auftrag der Bevölkerung sieht. Andere sind nicht frei, zu sagen, was sie denken. Sie müssen es allen recht machen. Mit einigen von ihnen gibt es nie Konflikte. Doch irgendeinmal ist das Amt wichtiger als die Wahrheit. Aber das ist schon in Ordnung. Jede neue Bewegung in der Weltgeschichte, jede neue Kraft hatte mit Widerständen zu tun. Man muss einfach lernen, damit umzugehen, damit niemand unter die Räder kommt.

Wie meinen Sie das?

Wir sind ein Dorf, eine Welt. Es geht uns alle etwas an, wie es den Menschen in Syrien, Indien, Afrika oder Südamerika geht. Aber auch innerhalb eines Dorfes geht es uns an, wie es den anderen geht. Aber offenbar können wir dies als Menschen noch nicht verstehen. Es kommt nur gut, wenn wir uns auf der umfassenden Ebene als eine Welt verstehen. Das hat mich bei Samuel immer beeindruckt. Er hat so viele Sachen ganz anders gemacht als ich.

Was denn konkret?

Zum Beispiel in der Sexualität. Er hat diese ganz anders gelebt als ich.

War er offener, indem er mehrere Sexualpartner hatte?

Ich war schon auch offen, energetisch. Aber ich habe es so erlebt, dass ich ganz mich sein kann, und er konnte ganz sich sein. Jeder konnte herausfinden, wie er leben muss, damit es ihn beglückt. Wir haben uns darin wunderbar ergänzt, gerade auch in der tantrischen Arbeit. Wenn man sich im Wesen trifft, wenn man sich liebt und füreinander schaut, verursacht Freiheit keine Konflikte.

Das ist in der Welt auch so. Eins zu sein, bedeutet nicht eine Gleichmacherei. Es geht um das energetische Eins-Sein, um Mitgefühl, um Liebe, Verantwortung und Verständnis füreinander. Dann kann man jeden machen lassen, solange er sich einigermassen gesund bewegt. Statt sich gegenseitig fertigzumachen, sich auszubeuten, würde dies unser Leben bereichern.

Verstehen Sie, dass sich Teile der Dorfbevölkerung abgrenzen und Ihre Lebensweise ablehnen, gerade weil Sie einen freieren Umgang mit bewusstseinsverändernden Substanzen und mit der Sexualität pflegen?

Das ist für mich absolut verständlich. Es war immer so mit Lebensweisen, die noch nicht integriert sind, die nicht breit abgestützt und akzeptiert sind. Wir sind beruflich und privat interessiert an Bereichen, die den Durchschnittsbürger in einem Dorf und in der Welt verschrecken, ihm vielleicht Angst machen können.

Die Art des Zusammenlebens in der Gemeinschaft entspricht ja nicht gerade den gängigen Vorstellungen von einer Partnerschaft. Viele können damit nichts anfangen.

Das hängt damit zusammen, dass die persönliche Freiheit bei vielen nicht gegeben ist. Dies aufgrund einer Konditionierung, eines Besitzdenkens: Du gehörst mir, ich gehöre dir. Und du tust nichts, was mich verunsichert, und umgekehrt. Damit sich dies auflöst, muss man einen psychologischen Reifeprozess durchleben. Man muss allein sein können, darf nicht pathologisch abhängig sein.

Eifersucht ist ja das Ausagieren vom Gefühl, verlassen zu werden oder verzichten zu müssen. Wenn solche Gefühle Platz haben in einem drin, ist dies überhaupt kein Problem. Doch viele Menschen haben keinen Selbsterkenntnisprozess durchgemacht, um diese Gefühle in sich zu integrieren. Sie leben mit Vorstellungen und Konditionierungen, die es nicht zulassen, energetisch frei zu werden.

Das ist für viele wohl zu anstrengend.

Oft sucht man das Angenehme und will das Unangenehme vermeiden. Aber das Leben ist ein Ganzes und beinhaltet all dies. Man kann das Schöne und das Schwierige nicht voneinander trennen. Öffnet man sich für die Selbsterkenntnis, merkt man, dass man erst dann frei wird, wenn man sowohl mit dem Angenehmen als auch dem Unangenehmen gut umgehen kann. Es ist nicht lustig, wenn einem das Liebste und das Kraftvollste im Leben genommen wird. Aber es ist gar nicht die Frage, ob es lustig ist, es gehört zum Leben. Ich kann alleine stehen, auch wenn ich es lieber anders hätte. So merkt man, wie genial die Regieführung des Lebens ist.

Etwas Göttliches, das lenkt?

Wie auch immer man dies nennen will. Auf jeden Fall gibt es eine Energie, die zusammenhält und deren Gesetzmässigkeiten man mit der Zeit erkennt. Samuel starb in einem Moment, in dem es für alle geht. Vor zehn Jahren, als wir noch mehrere kleine Kinder hatten, wären wir völlig überfordert gewesen. Inzwischen ist vieles organisiert. Es kommt immer alles im Leben dann, wenn es geht, wenn man an der Herausforderung wachsen kann und nicht daran zerbricht.

Wollen Sie Ihre Lebensweise der Dorfbevölkerung näherbringen?

Den Menschen allgemein eher die Freiheit zur Findung der eigenen Lebensweise. Das versuchen wir seit 30 Jahren. Wir machten Infoveranstaltungen, haben viel geschrieben. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass dies viel eher über konkrete Beziehungen passiert. Mit Lehrern, mit Nachbarn, mit Menschen, die man auf der Strasse trifft. Ich war 12 Jahre in der Schulkommission, bis diese aufgelöst wurde. Ich hatte fast 20 Jahre Kinder in der Schule. Auf der direkten Ebene funktioniert dies viel besser.

Sie sind glücklich mit dem Leben in Lüsslingen-Nennigkofen?

Ja, sehr. Uns gefällt es gut hier. Es gab Phasen, wo es schwieriger war. Meine heute erwachsenen Kinder wuchsen mit der Ablehnung durch gewisse Alteingesessene auf. Doch in den letzten 20 Jahren öffnete sich vieles. Neue Einwohner kamen dazu, eine neue Generation ist nachgewachsen. Unsere jüngeren Kinder, mein jüngstes ist 13-jährig und das jüngste von Marianne ist 11-jährig, erleben das Zusammensein ganz anders.

Wie glauben Sie, wird Samuel Widmers Arbeit weiterwirken?

Ich denke, dass die Zeit erst noch kommen wird, in der sich viele Leute dafür interessieren. Samuel war in vielem unserer Zeit voraus. In den vergangenen Jahren wuchs das Interesse stetig. Mit den Büchern hatte er viele überfordert. Er hat so viel auf einmal formuliert, was selbst Fachleute nicht verstanden. Es braucht mehr Zeit, bis die Ideen alle zur Kenntnis genommen werden.

Wenn Werke wirklich wesentlich sind, dann liest man sie auch in zehn Jahren noch einmal und findet neue Aspekte darin. Es sind ja Themen, die auch in Zukunft für das menschliche Wachsen und das Bewusstsein wichtig sein werden. Dann werden Menschen sicher auf diese Arbeit stossen. Auch in hundert oder zweihundert Jahren noch.

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