Zuchwil

Mit dem «Rolls-Royce» unterwegs: Neue Maschine kann Glas biegen und bedrucken

Geschäftsführer Patrick Wyss, Fabian Flury (neuer Inhaber) und Martin Kurth (alter Inhaber) (v.l.) in der neuen Produktionshalle.

Geschäftsführer Patrick Wyss, Fabian Flury (neuer Inhaber) und Martin Kurth (alter Inhaber) (v.l.) in der neuen Produktionshalle.

Die Firma Kurth Glas & Spiegel AG produziert mit einer neuen Maschine. Während einem Rundgang wurde der Bearbeitungsprozess der Glasverarbeitung erklärt.

Immer wieder entstehen aus kleineren Unternehmen in der Region wichtige Player in der Schweiz. Dass eine Firma, die mit Glas arbeitet, zu diesen gehört, ist überraschend. Die Rede ist von der Firma Kurth Glas & Spiegel AG mit 20 Mitarbeitern. Gerade erst wurde die neue Produktionshalle am Geschäftsstandort in Zuchwil eingeweiht. Die Halle entstand neben dem bisherigen Produktionsgebäude. Rund drei Millionen Franken investierte die Firma, die in ihren Niederlassungen in der Nähe von Murten, Raron und Wollerau weitere zehn Mitarbeiter beschäftigt, um schweizweit in bestimmten Bereichen zum Leader zu avancieren. Etwa sechs Millionen Franken beträgt der Jahresumsatz. Kurth Glas & Spiegel versteht sich als Glasveredler. Hergestellt wird ein Glas, das nicht mehr schneidet und eine Funktion übernimmt.

Glas durchläuft mehrere Bearbeitungsprozesse

Auf einem Rundgang mit Geschäftsführer Patrick Wyss wird klar, dass Kurth Glas & Spiegel AG einen Quantensprung in der Produktion gemacht hat. Auf engstem Raum wurde bisher das Glas verarbeitet, das roh in grossflächigen Glasplatten (4,5 mal 3,21 Meter) unterschiedlicher Dicke (3 bis 19 Millimeter) angeliefert wird. Diese Platten werden so effizient als möglich für die Bestellungen zurechtgeschnitten. Eigentlich werde es gebrochen, korrigiert der Geschäftsführer, denn Glas könne nicht geschnitten werden.

Auf dem Schneidetisch sorgen Luftdüsen dafür, dass das Glas, das geritzt und anschliessen gebrochen wird, bequem herumgeschoben werden kann. Es folgen Maschinen zur Bearbeitung der Kanten. Winkel und Facetten können geschliffen werden. Durch Düsen wird mit Hochdruck Sand und Wasser aufs Glas gespritzt, um Löcher beispielsweise für eine Steckdose zu formen. In einem separaten Raum steht der alte Ofen, in dem bisher das Glas gehärtet wurde. Der zimmergrosse Ofen (für maximale Glasgrössen von 1,1 auf 2,4 Meter), gebaut von einer Firma aus La Chaux-de-Fonds, ist seit 30 Jahren in Betrieb.

Hallengrösse wurde den Maschinen angepasst

In der neuen, luftigen Produktionshalle steht der neue Ofen. Er beansprucht gut einen Drittel der 600 Quadratmeter Hallenfläche. «Die neue Produktionshalle wurde der Maschine angepasst», erklärt der junge Firmenbesitzer Fabian Flury. Er hat die Firma von Martin Kurth, der weiterhin als Berater und Experte mitwirkt, übernommen. «Er ist unsere Nachfolgelösung», erklärt Martin Kurth. Flury begann im Betrieb als Lehrling und ist heute stolzer Besitzer der Kurth Glas & Spiegel AG.

Der neue Ofen (für maximale Glasgrössen von 4 auf 2,5 Meter) ist ein «Rolls-Royce» im Vergleich zum alten. Hier gleitet das Glas auf drehenden Stäben in den Ofen. Sensoren überwachen den Erhitzungsprozess der Glühstäbe. Auf dem Bildschirm leuchten unzählige Heizzonen in verschiedenen Farben. Digital wird dafür gesorgt, dass das Glas gleichmässig auf 600 bis 700 Grad erhitzt wird. Dabei arbeitet der Ofen mit Luft und Hitze. Das Testglas wird 300 Sekunden lang erhitzt. «Das ist verschieden und richtet sich nach der Glasstärke und der Belegung. Wichtig ist auch, ob es ein beschichtetes oder ein normales Glas ist», so Kurth.

Glas zersplittert in Tausende kleine Stücke

Grosse Kunst sei es, Glas zu erhitzen, ohne dass die Ecken, wo die Hitze von verschiedenen Seiten angreift, krümmen. «Das braucht Wissen und etwas Bauchgefühl», so Kurth. Nötig ist dieser Prozess, um das Glas sicher zu machen. Mit Luft – auf einer zweiten Hallenebene liegen mächtige Luftgebläse, die nun dröhnend in Betrieb gehen – wird das Glas in 100 Sekunden wieder abgekühlt und ist gehärtet. Qualitätstest: Mit einem Hammer schlägt ein Mitarbeiter auf das Spitzeisen, das er auf das am Boden liegende, nun gehärtete Glas ansetzt. Dann schlägt er kräftiger zu. Plötzlich zerbricht das Glas – in Tausende gleich kleine Stücke. Würden diese von einer Fassade regnen, sei die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand verletzt, gering.

Das Glas kann rund geformt werden

Der «Rolls-Royce» leistet aber noch mehr. Glas kann rund geformt werden. «Da sind wir die Einzigen in der Schweiz», so Fabian Flury, beispielsweise für eine runde Dusche oder das runde Geländer einer Wendeltreppe. Der neue Ofen stammt aus China. «Sie haben das Know-how», so Kurth. Ein chinesischer Landsmann führt die Mitarbeiter der Kurth AG in die Geheimnisse der Maschine ein. «Der alte Ofen brauchte eineinhalb Jahre, bis er richtig lief», erinnert sich Martin Kurth. Der neue Ofen funktionierte mit dem ersten Brennen.

Und gar europaweit suchen müsse man eine Firma, die Glas bedrucken kann. Das ist möglich mit der zweiten Produktionsanlage, die neben dem neuen Ofen steht. Dabei wird das Glas mit einer zweiten Scheibe laminiert. Die beiden gleich grossen Scheiben werden dabei mit Luftvakuum verklebt. Das entspricht einer zweiten Möglichkeit der Sicherung neben dem Verhärten. «Die Scheibe fällt nicht in sich zusammen. Es gibt einen Riss, aber die Scheibe hält», erklärt der Geschäftsführer. Die Glasdruckanlage wurde in Spanien angefertigt.
Ist der Markt vorhanden für diese innovativen Glaslösungen? Flury und Kurth sind sich sicher, dass im Fassadenbau und im Innenausbau noch mehr Kunden Glas wollen. «Wenn die Maschine da ist, kommen auch die Kunden», sagt Martin Kurth überzeugt. «Gefragt sind solche Lösungen, aber sie waren bisher nicht erhältlich», ergänzt Fabian Flury.

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