Der schwarze Isuzu-Geländewagen braust die Einfahrt hoch, quer über den Vorplatz. Christian Stuber öffnet die Autotür, richtet seine Beinprothese und rutscht vom Fahrersitz. Es ist ein Grad über null in Tscheppach. Doch Stubers grau melierte Haare glänzen vom Schweiss. In Mühledorf hat er am Morgen Leitungsrohre ausgebuddelt und repariert. Die Hose ist fleckig, der Lehm unter den Fingernägeln eingetrocknet. Voller Körpereinsatz. Stuber Chrigu, so kennt man ihn im Bucheggberg, pickelt, schaufelt, mauert, plättelt, fräst, baggert. «Und zwar so, wie die anderen das machen», sagt er. Aber im Vergleich zu den anderen hat Stuber zum «Büezen» nur noch einen Arm und ein Bein zur Verfügung.

Es geschah am Muttertag im Jahr 2000. Auf seiner Kawasaki war der Töff-Liebhaber von Willisau Richtung Wolhusen unterwegs. Vor ihm in Sichtweite, aber mit genügend Abstand, fuhr seine Freundin auf dem Motorrad. Der Autofahrer, der ihnen entgegenkam, war eingeschlafen. Das Auto steuerte unkontrolliert über den Mittelstreifen auf die andere Strassenseite. Der vordere Töff wurde frontal getroffen. Vergeblich wich Stuber nach rechts aus.

«Der Phantomschmerz, das ist ein Saucheib»

Christian Stubers Freundin war auf der Stelle tot. «Ich bin in Luzern im Spital aufgewacht.» Doch seine Erinnerungen an den Unfall sind schwach. Die Folgen begleiten ihn ein Leben lang. Sein linkes Bein wurde vom Auto getroffen und an den Motorblock gedrückt. «Der war messerscharf.» Der Fuss wurde beim Unfall abgetrennt. Im Bereich der linken Schulter wurde ein Nerv abgetrennt. Seither ist der Arm gelähmt. Später im Spital wurde die Kniescheibe operativ entfernt, damit eine Prothese am Stumpen des Oberschenkels befestigt werden kann.

Mit rechts löst Stuber hurtig die Schlinge, entfernt die Hartplastik-Manschette und zieht den Wollhandschuh aus. Der Arm hängt schlaff herunter. «Spüren Sie mal!» Die Hand ist kalt. «Das kann im Winter gefährlich werden, weil die Finger abfrieren könnten. Das wäre dann nicht gut.» Stuber reibt sich mit der «guten Hand» kräftig über die Haut, damit die Durchblutung gefördert wird und die Wärme zurückkommt.

Gefühl verspürt er seit dem Unfall keines mehr. Ausser wenn der Phantomschmerz kommt. Eine Schmerzattacke, die nach einer Amputation in einem nicht mehr vorhandenen Körperteil empfunden wird. «Der Phantomschmerz, das ist ein Saucheib. Das löst ein Stechen aus, da gehe ich an die Decke.» In strengen Wintern ist der Schmerz grösser. Ist es ganz schlimm, muss Stuber deswegen ins Spital.

Aber der kantige Kerl mag nicht jammern. Im Gegenteil. Aus der Rehabilitationsklinik verschwand er nach dem Unfall schnell wieder. «Wenn die Leute dort nach dem Wochenende zurückkamen, klagten sie ständig über ihre Schmerzen. Das hat mir nicht gepasst.»

Stuber lernte, sich mit der Beinprothese fortzubewegen. Er brachte sich bei, nur mit einem Fuss und einer Hand Auto zu fahren. Den Wagen lenkt er mit einem Spezialgerät, das auf dem Steuerrad aufgesteckt ist. Bald packte er wieder an. Weil ihm eine Hand fehlt, nimmt er für die Arbeit manchmal den Kopf zu Hilfe. Steht die Prothese ungünstig, gibt er ihr einen Fusstritt, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Seither ist sein Eifer ungebremst. Zehn Monate nach dem Unfall hat er rund um seine Liegenschaft in Tscheppach den Hausplatz saniert. Sein einst windschiefes Elternhaus hat der Tausendsassa gründlich renoviert. Jeweils nach Feierabend und an den Wochenenden war er ums Haus aktiv, hat Unterstände errichtet, einen Anbau mit Waschküche gebaut.

Packt Stuber etwas an, dann richtig. Mit Halbbatzigem gibt er sich nicht zufrieden. CS Perfekt heisst seine Firma, die Arbeitswoche dauert von Montag bis Samstag. «Kommen Temporär-Mitarbeiter zu mir, denken die oft: Hier können sie es gemütlich nehmen. Aber bei mir gibts keinen Flohnerposten.»

Ihm gehören vier Bagger, ein Hoflader, ein Lastwagen mit verschiedenen Anhängern und viele Kleingeräte. Es sind Spezialanfertigungen, die einhändig gesteuert werden können. Die teuren Maschinen konnte er sich nur kaufen, weil er vor dem Unfall mit seiner Arbeit bei Baufirmen in Aetigkofen oder beim Bau des ersten Golfplatzes in Aetingen genug verdient habe. «Denn als Invalider kriegt man von der Bank keinen Kredit.»

Die Büez als Therapie. «Sonst komme ich ins Studieren»

Auf eine IV-Rente verzichtet Christian Stuber zum grössten Teil. «Sonst reden die mir zu viel drein.» Er will selber über sein Geschäft bestimmen. Viel verdiene er zwar nicht damit. «Aber ich arbeite nicht für Geld, sondern für die Freude.» Ausserdem habe er so immer etwas zu tun. Arbeiten, das ist für Stuber auch Therapie. Ist er am Abend nicht müde, kommt er ins Grübeln, dann kommt der Schmerz. «Manchmal träume ich noch davon.»

Als Christian Stuber vor fünf Jahren die Umgebung des Restaurants Kreuz in Tscheppach instand gesetzt hat, verzichtete er auf den Lohn. Der damalige Gemeindepräsident Günter Fenten lobt Stubers Hilfsbereitschaft. «Wenn er zum Wohl der Gemeinde etwas tun kann, dann macht er das ohne viel Federlesen.» Es sei vorgekommen, dass man ihn mehrmals erinnern musste, endlich seine Arbeit in Rechnung zu stellen. «Es ist bewundernswert, wie er mit seinem Schicksal umgeht», sagt Fenten.

Als Nächstes soll das Hausdach in Tscheppach renoviert werden. Die Liegenschaft hat Stuber, der keine Kinder hat, den Söhnen eines Kollegen verschrieben. «Ich wollte das erledigen, bevor ich ins Altersheim muss. Bevor ich nicht mehr bestimmen kann, was damit passiert.» Jetzt ist Christian Stuber 62-jährig. Nach der Pensionierung erhält er eine Alters- und eine volle Invalidenrente. Vielleicht, sagt er, trete er dann etwas kürzer. «Aber dass ich aufhöre, glaube ich nicht.»